Bielefeld. Schiefe Wellblechhütten stehen dicht an dicht. Dazwischen fließen offene Abwasserkanäle mit Müll und Fäkalien, Schweine laufen in dem Dreck herum. Und mittendrin tausende Menschen. Auf einer ehemaligen Mülldeponie in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, liegt der Susans Bay Slum. Die Ärmsten der Stadt sind dort zu Hause. Unter ihnen auch viele Kinder. Nicht selten wachsen sie ohne Eltern auf und sind auf sich allein gestellt.
Um diese Waisenkinder kümmert sich Marcel Juchhoff aus Bielefeld. Mit seinem Verein United Childrens Care (UCC) Orphanage, übersetzt "Vereinte Kinderpflege Waisenhaus", war er schon einige Male zu Besuch im Susans Bay Slum. So zum Beispiel vergangenen Monat. "Dank vieler Spenden konnten wir mehr als zweieinhalb Tonnen Lebensmittel an die Menschen verteilen", erinnert sich der 30-Jährige. Darunter Reis, Zwiebeln und Brühwürfel.
Marcel Juchhoff ist hauptberuflich Qualitäts- und Prozessmanager in einem Bielefelder IT-Unternehmen. Durch seinen Stiefvater Günther Mück sei er zu seinem ehrenamtlichen Engagement gekommen. Der unterstütze schon lange soziale Projekte - aus religiösen Gründen. Gemeinsam mit Mück ist Juchhoff 2018 das erste Mal in Sierra Leone gewesen. Die Erfahrung veränderte ihn: Er wollte die Waisenkinder in Freetown dauerhaft unterstützen. Damit begann die Geschichte von UCC-Orphanage.
Als Teenager auf die Straße gesetzt
Kurze Zeit später startete das Hauptprojekt des Vereins: "Seit 2019 betreuen wir ein Waisenhaus in Freetown. 24 Kinder wohnen dort zurzeit, einige von ihnen kommen aus dem Slum", erzählt Juchhoff. In dem Haus kümmern sich festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alles Sierra-Leoner, um die Kinder, die zwischen sechs und siebzehn Jahre alt sind. Sie erziehen sie, kochen für sie und verbringen nach der Schule die Freizeit mit ihnen, zum Beispiel beim Fußballspielen. "Die leben dort wie eine große Familie", so der Bielefelder.
Zu der Großfamilie gehört auch die 17-jährige Fatima. Bis vor einigen Jahren lebte sie auf dem Dorf. Dann setzte ihre Mutter sie auf die Straße. Sie konnte sich den Lebensunterhalt für Fatima nicht mehr leisten. "Sie sollte zu ihrer Tante in die Stadt ziehen", erklärt Juchhoff. Dort kam sie aber nicht an. Stattdessen war sie allein in Freetown, bis sie in dem Waisenhaus des Vereins ein zu Hause fand.
Das neue Leben gab ihr Hoffnung. "Fatima will Medizin studieren und Ärztin werden, um anderen Menschen zu helfen", so Juchhoff. Das will ihr der Verein ermöglichen. Wenn Fatima 18 Jahre alt wird und die Schule abgeschlossen hat, werde der Verein ihr die Möglichkeit geben, in dem Waisenhaus zu arbeiten. "Sie könnte dann weiter dort wohnen und mit dem Gehalt, das wir ihr zahlen, die Studiengebühren zahlen", erklärt der Ehrenamtler. Fatima sei ein Paradebeispiel für die positive Entwicklung, die die Kinder in dem Waisenhaus durchmachen. "Sie haben eine tolle Wertvorstellung. Die Ältesten übernehmen Verantwortung für die Jüngsten. Und sie sehen alle Menschen als gleichwertig an", erzählt der 30-Jährige. Das sei in Sierra Leone, wo Korruption und Armut Alltag sind, nicht die Norm.
Ein Zuhause für 150 Kinder
Zurzeit wohnt die Großfamilie in einem Haus zur Miete. Doch das soll sich bald ändern: "Wir bauen gerade ein eigenes Waisenhaus", berichtet Juchhoff. Am Stadtrand von Freetown soll auf zwei Etagen ein neues zu Hause für die Kinder und Mitarbeiter entstehen. Noch im Herbst dieses Jahres soll es fertiggestellt werden, um den Bau kümmert sich eine lokale Firma. Und damit nicht genug: Der Verein will ein ganzes Kinderdorf entstehen lassen - für 150 Kinder. "Wir wollen mehrere kleine Häuser neben das Waisenhaus bauen", erklärt er. Gastfamilien sollen sich dann um die Waisenkinder kümmern.
Um das geplante Kinderdorf fertigstellen zu können, ist der Verein auf Spenden angewiesen. Das meiste Geld kommt zurzeit von Stiefvater Günther Mück. Doch das reiche auf Dauer nicht. "Durch die Inflation ist der Bau des Waisenhauses deutlich teurer geworden als geplant, da liegen wir jetzt bei 60.000 Euro", so Juchhoff. Auch die Fixkosten seien gestiegen. Deshalb hofft er auf Spender. Interessierte können sich unter der E-Mail-Adresse marcel.juchhoff@ucc-orphanage.net bei dem Bielefelder informieren.