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Kommentar

Miele und die Wirtschaftskrise: Verlierer auf allen Seiten

Die Pläne für einen massiven Stellenabbau beim Hausgerätehersteller Miele sind ein herber Schlag. Zuallererst für die vielen Beschäftigten, die voraussichtlich den Job verlieren. Alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter büßen zumindest ein Stück der Gewissheit ein, bei einem über alle Maßen erfolgreichen Marken-Konzern mit besonders sicheren Arbeitsplätzen angestellt zu sein.

Auf der Verliererseite stehen aber auch andere. Das Management, das die guten vergangenen Jahre trotz kräftiger Umsatzsteigerungen mit gewiss auch sahnigen Gewinnen nicht nutzen konnte, das Unternehmen ausreichend effizient aufzustellen und dafür nötige Kurskorrekturen geräuschlos durchzuführen. Über interne Fehler wird schon geraunt. Und natürlich erleiden die Eigentümer, die Familien von Markus Miele und Reinhard Zinkann, selbst einen Schaden, wenn sie ausgerechnet zum 125-jährigen Firmengeburtstag mit einem herben Sparprogramm die Feierlaune verderben.

Betroffen ist auch der Standort: Die Wirtschaftsmetropole Gütersloh, die jetzt unerwartet heftig Federn lassen muss, und ganz Ostwestfalen-Lippe, das sich seit einigen Jahren bemüht, eine Technologie-Region ersten Ranges zu sein. Mieles Probleme werden im stark vernetzten OWL insgesamt für Katerstimmung sorgen.

Und natürlich drängt sich die Frage auf, in welchem Maße die Politik in Bund und Land für den offenbaren Verlust an Wettbewerbsfähigkeit verantwortlich ist. Berlin und Düsseldorf müssen ehrliche Analysen liefern.

Es werden auch hanebüchene Klagen laut

Die Bewertungen überschlagen sich bereits. Zurecht wird etwa darauf verwiesen, dass Deutschland als einziges großes Industrieland in der Rezession steckt. Aber es werden auch hanebüchene Klagen laut. So ist von Deindustrialisierung die Rede und von Kapitalabflüssen ins Ausland. Unterschlagen wird, dass unser Land 2023 trotz aller Probleme einen auf 210 Milliarden Euro verdoppelten Exportüberschuss verbuchte, der sinnvollerweise auch zu Investitionen im Ausland führt.

Unser Land leidet stärker als die meisten unter der Unsicherheit, die durch Russlands Überfall auf die Ukraine ausgelöst wurde. Dies ist ein externer Schock. Doch Probleme wie Energieknappheit, Bürokratie und hohe Sozialkosten sind hausgemacht, wenn auch zum Teil in bester Absicht entstanden – etwa, um Umwelt und Klima durch den Verzicht auf Atomkraft und Kohle zu schonen oder durch das Lieferkettengesetz die Arbeitsbedingungen in Lieferländern zu verbessern. Aber welchen Preis können wir dafür bezahlen?

Ein Stellenabbau wie jetzt bei Miele hat viele Gründe, selbst wenn es griffiger wäre, nur einen Sündenbock zu haben. Ist es aber aus heimischer Sicht zu beklagen, dass Miele in Polen und (mit einem neuen Werk) in den USA die Produktion ausbaut? Für Mitarbeiter in OWL, deren Stellen hier bedroht sind, ist es ein schwacher Trost, wenn weit entfernt neue Jobs entstehen. Doch es ist möglich, dass gerade dies am Ende den Bestand des Unternehmens sichert.

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