Paderborn/Halle. Die Geburtshilfe in Deutschland steckt in der Krise. Das zeigen nach Angaben des Hebammenverbands die zunehmende Verlagerung der Geburtshilfe in den Rettungsdienst, eine hohe Kaiserschnittrate, viele Frühgeburten und Mängel in der Betreuungsqualität, da ein Drittel aller Frauen unter der Geburt ein Trauma erleiden. Die Hebammen rechnen jedoch mit weiteren Verschlechterungen, weil die gesetzliche Krankenversicherung Veränderungen in der Vergütung von Beleghebammen in Kreißsälen plant. In NRW befürchten die Hebammen deshalb in 13 Geburtskliniken Versorgungsengpässe, darunter in Paderborn und Halle. Zum Welt-Hebammentag am 5. Mai machen sie mit der Kampagne „Frauen zahlen den Preis“ auf die Missstände aufmerksam. Insgesamt werden in Deutschland nach Angaben des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) 20 Prozent aller Geburten von Beleghebammen betreut, die nicht als Angestellte, sondern freiberuflich Schwangere vor, während und nach der Geburt in Krankenhäusern betreuen. Anders als angestellte Hebammen in einer Geburtsklinik, werden Beleghebammen nicht vom Krankenhaus, sondern von den Krankenkassen finanziert. „In NRW gibt es in 13 Geburtskliniken Belegsysteme“, erklärt die Vorsitzende des Hebammenverbands NRW, Michelle Rump. In OWL arbeiten Beleghebammen in den Kreißsälen des Klinikums Halle und der St.-Vincenz-Kliniken in Paderborn, der größten Geburtsklinik in NRW. „In Paderborn und in einigen Teilen des Regierungsbezirks Düsseldorf gibt es derzeit keine klinische Geburtshilfe ohne Beleghebammen. Würden sie wegfallen, müsste die Geburtshilfe in den Kliniken eingestellt werden.“ Aber auch in Städten wie Halle und Düren wären massive Einschnitte zu befürchten, warnt Rump. Keine zusätzliche Vergütung, wenn Hebammen vier Frauen betreuen Hintergrund der Warnung sind die geplanten Änderungen der Vergütung für Hebammen. Der GKV Spitzenverband sieht zum 1. November vor, dass freiberufliche Hebammen, die Frauen während der Schwangerschaft und im Wochenbett betreuen, künftig pro Stunde nicht mehr mit 56 Euro, sondern mit 74,38 Euro vergütet werden sollen. Die Vergütung von Beleghebammen in Kreißsälen soll künftig von 41,40 Euro auf 85,40 Euro steigen. Den vollen Satz erhalten Beleghebammen allerdings nur für eine Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt sowie zwei Stunden davor und danach. Können Beleghebammen eine Frau nicht eins zu eins betreuen, sieht der GKV-Spitzenverband eine Vergütung von 59,40 Euro pro Stunde vor. Das entspricht 80 Prozent des Stundensatzes von 74,38 Euro für freiberufliche Hebammen, die Frauen während der Schwangerschaft und im Wochenbett betreuen. Beleghebammen, die eine zweite oder dritte Frau betreuen, sollen zusätzlich pro Frau mit 22,31 Euro pro Stunde vergütet werden, das entspricht 30 Prozent des Stundensatzes freiberuflicher Hebammen. Ab der vierten Frau ist keine zusätzliche Vergütung vorgesehen. „100 Prozent Verantwortung, aber nur 80 Prozent Vergütung“ Der GKV-Spitzenverband begründet die Änderungen damit, dass Beleghebammen, anders als andere freiberufliche Hebammen, keine Kosten für Raummiete oder Equipment haben und kein eigenes Qualitätsmanagement sowie Termin- oder Tourenplanung durchführen müssen. „Außerdem bekommen freiberufliche Hebammen die Kosten für die gesetzlich vorgeschriebene Berufshaftpflicht von der gesetzlichen Krankenversicherung nahezu voll erstattet“, heißt es vom GKV-Spitzenverband. Der Hebammenverband NRW bewertet die Pläne als fachlich und praktisch unhaltbar. „Beleghebammen müssen in Kreißsälen regelmäßig mehr als eine Frau betreuen, sodass sie kaum Chancen auf den vollen Stundensatz haben“, erklärt Rump. „Sie tragen 100 Prozent Verantwortung, erhalten aber nur 80 Prozent ihrer Vergütung. Für die zweite und dritte Frau sogar nur 30 Prozent und ab der vierten Frau gar nichts mehr.“ Leistung und Verantwortung der Beleghebammen würden durch das neue Finanzierungsmodell nicht anerkannt, moniert die Herforderin. St.-Vincenz-Kliniken in Paderborn fordern Stärkung der Geburtshilfe Die Geburtshilfe der St.-Vincenz-Kliniken ist nach Angaben von Sprecher Jens Sommerkamp auch weiterhin auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Beleghebammen angewiesen. „Die Versorgung ist in der Region rund um Paderborn gesichert. Um aber auch in der Zukunft eine engmaschige und persönliche Betreuung sicherzustellen, muss die Geburtshilfe gestärkt werden.“ Im Klinikum Halle werden die geplanten Änderungen und die wirtschaftlichen Folgen für die Betroffenen nach Angaben des stellvertretenden Geschäftsführers Bernd Henkemeier aktuell ausgewertet. Einschränkungen erwartet das Krankenhaus aktuell nicht. Mehr als 156.000 Menschen unterstützen die Petition der Hebammen Rump sieht hinter dem Vorschlag des GKV-Spitzenverbands, der aktuell in einer Schiedsstelle auf Bundesebene verhandelt wird, ein tieferliegendes Problem. „Frauengesundheit und insbesondere die Geburtshilfe haben in der gesellschaftlichen Wahrnehmung kaum Priorität.“ Um das zu ändern, unterstützen Rump und ihre Mitstreiterinnen die Kampagne des deutschen Hebammenverbands „Frauen zahlen den Preis“, die eine Eins-zu-eins-Betreuung für Frauen unter der Geburt, eine wohnortnahe Versorgungsgarantie von dem Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit und eine Qualitätsgarantie für die Geburtshilfe fordert. Die Petition haben inzwischen mehr als 156.647 Menschen unterzeichnet. „Wir hoffen, dass es bis zum 7. Mai noch mehr werden, damit wir Druck auf die Politik ausüben können“, sagt Rump. Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Deutscher Hebammenverband e. V. (@hebammenverband)