Büren-Ahden. Die missglückte Landung eines Airbus A320 am Flughafen Paderborn/Lippstadt vom 22. Mai wird nun genauer unter die Lupe genommen. Der Vorfall wird offiziell durch die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung überprüft. Auslöser dafür war der so genannte „tailstrike“ des Fliegers, also das Aufsetzen mit dem Heck beim Durchstarten nach einem ersten Landeversuch. Die Untersuchung hat die Braunschweiger Behörde auf Anfrage der Redaktion bestätigt. Während der Fall mittlerweile sogar für Aufmerksamkeit bei Youtube sorgt, hat sich die Fluglinie Eurowings unterdessen um ihr betroffenes Flugzeug gekümmert. Es hat, wie öffentlich zugänglichen Flugdaten zu entnehmen ist, nach der schwierigen Landung den Flughafen in Ahden zunächst nicht mehr verlassen. Eurowings, ein Unternehmen der Lufthansa-Gruppe, bestätigt, dass der 15 Jahre alte zweistrahlige Jet mit der Kennung 9H-EUT „nach dem Vorfall von Technikern ausführlich inspiziert“ worden ist. Eurowings weiter: „Nach Abschluss der Schadensbegutachtung wurde der Airbus zu unserem Wartungsbetrieb in Sofia überführt.“ Eurowings-Jet von Paderborn zur Reparatur nach Sofia Auf die Frage, zu welchem Defekt das Touchieren der Landebahn geführt hat, hüllt sich die Fluggesellschaft in Schweigen, ebenso, wie lange die Reparatur voraussichtlich dauere. Überführt worden ist der Flieger am Freitag vor Pfingsten, dem 6. Juni. Auffällig: Beim Flug in die bulgarische Hauptstadt blieb er deutlich unter der üblichen Reiseflughöhe von rund elf Kilometern. Die Überführung zur Flugzeugwerft wurde in etwa 3.500 Metern absolviert. Eurowings-Sprecher Florian Gränzdörffer erläutert, dies habe mit der Beschädigung des Hecks zu tun: „Es geschah aus Sicherheitsgründen ohne Druckaufbau im Flugzeug.“ Zum „tailstrike“, also zum Aufschlagen des Hecks auf der Runway, erläutert er: Kurz vor dem Aufsetzen auf der Landebahn am Flughafen Paderborn sei der A320 „unerwartet durchgesackt“ und habe „deshalb mit dem Hauptfahrwerk härter als üblich aufgesetzt“. Die Cockpit-Crew habe sich dann „aus Sicherheitsgründen“ für ein Durchstartmanöver entschieden. Dessen Folge sei die „kurzzeitige Berührung der Landebahn durch das Flugzeugheck“ gewesen. Wie berichtet, fuhr den Passagieren dabei der Schreck in die Glieder. Die Chefin des Safarilands in Schloß Holte-Stukenbrock, Elisabeth Wurms, beschrieb ihre Erlebnisse in der Kabine. Der Airbus habe kurz vor der Landung „ordentlich geruckelt“ und dann sei er plötzlich „hinten auf die Landebahn geknallt“. Der Pilot habe die Maschine im Steilflug nach oben gerissen: „Wir wären aus den Sitzen geflogen, wenn wir nicht angeschnallt gewesen wären.“ Youtuber Aeronews Germany erklärt Paderborner Fall Die Braunschweiger Untersuchungsbehörde wird nun versuchen, festzustellen, ob der „tailstrike“ vermeidbar gewesen wäre. Schließlich hätte er zu einer folgenschweren Beschädigung führen können. Dazu werden Stimmenrekorder und Datenschreiber des Flugzeugs ausgewertet. An einer Erklärung versucht sich auch ein populärer Luftfahrt-Youtuber. Pascal Schmidt aus Greven, selbst Pilot bei der Ferien-Airline Condor, widmet sich der Landung des Kollegen in einem rund zwölfminütigen Video auf seinem Kanal „Aeronews Germany“. Es hat fast 200.000 Aufrufe (Stand 11. Juni). Auch wenn Schmidt zu Beginn des Clips darauf hinweist, keine „voreiligen Schlüsse“ ziehen zu wollen, legt er ein Fehlverhalten des Piloten durchaus nah. Damit meint er jedoch ausdrücklich nicht das harte Aufsetzen beim Landeversuch. Hier könne der Wind die entscheidende Rolle gespielt haben. Bei wechselnden Winden oder Böen könne es durchaus zu härteren Landungen kommen. Ein Verkehrsflugzeug sei zu träge, um solche Änderungen auf den letzten Metern immer austarieren zu können, so Schmidt. Der Steigwinkel des Flugzeugs ist entscheidend Einen „tailstrike“ gebe es jedoch „super selten“ und sei „in den meisten Fällen auf ein fehlerhaftes Handeln im Cockpit zurückzuführen“, sagt der Flieger-Youtuber. Auswertungen von „tailstrikes“ hätten ergeben, dass beim Abbruch einer Landung (engl. go-around), so wie im vorliegenden Fall nach dem unrunden Aufsetzmanöver, ein zu hektisches Anheben der Flugzeugnase zum Aufsetzen des Hecks führe. So würden beim Durchstarten bis zu sechs Sekunden vergehen, bis die Maschine wieder vollen Schub zur Verfügung habe. Um in diesen Sekunden ein Absinken des Flugzeugs zu verhindern, bestehe die Gefahr, dass ein Pilot zu heftig am Steuerjoystick ziehe und einen Heckaufprall herbeiführe. Die Lösung: Der Steigwinkel dürfe höchstens 7,5 Grad betragen. Eurowings legt Wert auf die Feststellung, dass die nach dem Durchstarten durchgeführte Landung „völlig normal und problemlos“ verlaufen ist. Alle 121 Passagiere seien sicher angekommen. Eurowings setzt auf Flugzeug-Reserve Auf die Eurowings-Buchungen ab Paderborn/Lippstadt habe der Ausfall des Flugzeugs keine Auswirkungen, teilt der Airlinesprecher mit: „Auch in den bevorstehenden Reisemonaten muss niemand Sorge haben, dass er von Paderborn aus nicht mit Eurowings wie geplant in den Urlaub fliegen kann – dafür sorgt eine vorgehaltene Reserve in der Kapazitätsplanung, mit der wir solche Ausfälle kompensieren.“ Wie es wirklich zum „tailstrike“ kam, soll nun der Untersuchungsbericht aufklären. Wann dieser veröffentlicht werde, sei noch offen, heißt es aus Braunschweig.