Bielefeld. Wirtschaft und Hochschulen in der Region schauen etwas mit Sorge auf das kommende Jahr. Dem Ausbildungs- und Studienmarkt stehen in OWL etwa 5.000 Abiturientinnen und Abiturienten weniger zur Verfügung als gewohnt. Das geht aus Zahlen der Bezirksregierung hervor, die dieser Redaktion vorliegen. Hintergrund ist der Wechsel zurück von G8 auf G9 oder, anders gesagt, vom Abitur nach zwölf Jahren zum Abitur nach 13 Jahren. Im aktuellen Jahr haben an den Gymnasien und Gesamtschulen in Ostwestfalen-Lippe 8.359 Schülerinnen und Schüler das Abitur abgelegt. Im Jahr 2023 waren es sogar noch 8.911. Im kommenden Frühjahr werden es laut Prognose nur noch 3.248 sein. Damit spiegelt OWL das gesamte Bundesland NRW wider. Das Schulministerium geht für 2026 landesweit nur von etwa 32.000 Abiturienten aus. Im darauf folgenden Jahr werden es wieder 78.000 sein – wie auch in diesem Jahr, so ein Sprecher des Schulministeriums gegenüber dieser Redaktion. Die Wirtschaft stellt sich schon darauf ein Mit Folgen für Ausbildungsbetriebe und Hochschulen. Petra Pigerl-Radtke, Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwestfalen, hat das Thema erkannt: „Die demografische Entwicklung und die wirtschaftliche Unsicherheit stellen den Ausbildungsmarkt sowieso schon vor große Herausforderungen, jetzt kommt der fehlende Abi-Jahrgang dazu.“ Im Jahr 2024 seien 45 Prozent der Azubis aus dem Bereich Fachhochschulen und Gymnasien in die Betriebe gekommen. Bei Boge-Kompressoren in Bielefeld ist man noch recht entspannt. Was weniger an dem ausfallenden Abi-Jahrgang liegt als an der vorausschauenden Azubi-Politik. Schon jetzt, kurz vor dem Start des aktuellen Jahrganges im August, beginne man, das Jahr 2026 ins Auge zu nehmen. Außerdem sei das Unternehmen mit den Ausbildungsberufen Mechatroniker und Industriemechaniker nicht so stark im Interesse von Abiturienten, weiß Andreas Gödicke als Verantwortlicher bei Boge für den Bereich. „Da kommt auch schon mal ein Uniabbrecher.“ „Wir haben keine Azubis gehamstert“ Sein Kollege Daniel Schmidtpeter, für den kaufmännischen Bereich zuständig, sagt: „Da kommen Abiturienten, die sich zum Beispiel als Industriedesigner ausprobieren wollen. Aber Azubis gehamstert haben wir in diesem Jahr nicht.“ Schüco hat in diesem Jahr schon Verträge mit Azubis für 2026 geschlossen, Messen besucht und die eigenen Internet-Kanäle wie Social Media bespielt. Insgesamt sind aktuell 219 am Start. „Für uns ist der Jahrgang 2026 eine Herausforderung, die aber zu bewältigen ist, weil sie erwartbar war“, teilt das Unternehmen mit. Aber: „Wir tun in diesem Jahr besonders viel.“ Man spreche ganz bewusst auch Studienabbrecher an. Das Handwerk ist sich der Herausforderung bewusst Auch für das Handwerk in OWL ist der kommende Jahrgang laut Handwerkskammer eine Herausforderung. Im vergangenen Jahr hätten sich insgesamt 3.818 junge Menschen für eine Handwerksausbildung entschieden, 757 davon seien mit Abitur oder Fachabitur eingestiegen, so Andreas Kröling. „Auch Schulabgängerinnen und -abgänger mit höherem Bildungsabschluss sind für das Handwerk wichtig.“ Die Handwerkskammer sei sich der veränderten Rahmenbedingungen im kommenden Jahr bewusst. Universitäten sind besonders betroffen Und die Unis? Das NRW-Wissenschaftsministerium verweist auf die Autonomie der Hochschulen. „Die planen die Studienangebote eigenverantwortlich“, so Christian Voss vom Wissenschaftsministerium. Die Universität Bielefeld beschäftigt sich schon jetzt mit dem Wintersemester 2026. Immerhin kommen zweidrittel aller Studienanfänger aus der Region. Da kann es schon zu Buche schlagen, wenn deutlich weniger junge Leute aus dem Regierungsbezirk Detmold in ein Studium einsteigen. „Die Universität baut deshalb ihre Informations- und Marketingaktivitäten aus“, sagt Sprecher Ingo Lohuis. Er verweist auch auf die steigende Chance für Abiturienten des aktuellen Abi-Jahrganges. Wer in diesem Jahr wegen des Numerus clausus keinen Studienplatz im Wunschfach bekommen hat, kann es 2026 mit guten Chancen noch mal versuchen. Dann ist weniger Konkurrenz. Für die Uni ist die Zahl auch aus wirtschaftlichen Gründen wichtig. Denn knapp acht Prozent der Mittel richten sich nach der Zahl der Studierenden und Absolventen. 70 Prozent der Studienstarter kommen aus der Region Eine ähnliche Strategie verfolgt die Hochschule Bielefeld: mehr Werbung und Marketing auf allen Kanälen und ein stets weiter entwickeltes Studienangebot. „Der Wegfall des Abiturjahrganges ist für uns selbstverständlich relevant“, sagt HSBI-Präsidentin Ingeborg Schramm-Wölk. Denn 70 Prozent aller ca. 2.400 Studienanfänger kämen aus dem Regierungsbezirk Detmold. Auch für die HSBI fließt die Zahl der Studierenden, wenn auch nicht maßgeblich, aber mit in die Höhe der Finanzmittel des Landes ein.