Bünde/Langford. Bis 2019 verläuft bei Miriam Mandryk alles so wie bei Millionen anderer Menschen in Deutschland. Nach der Schule folgt die Ausbildung und dann der Einstieg auf der Karriereleiter. Die weiteren Schritte bis zur Rente scheinen vorgezeichnet. Doch es kommt alles anders. Trotz ihres guten Jobs bricht die heute 39-jährige Bünderin aus ihrem geregelten Leben aus. „In Deutschland ist man schon so früh darauf festgelegt, was man im Leben macht. Hier in Kanada kann man sich ohne schlechtes Gewissen auch mal umentscheiden“, umschreibt Mandryk das Lebensgefühl in ihrer neuen Heimat Langford auf Vancouver Island. Die 50.000-Einwohner-Gemeinde am Pazifik liegt im äußersten Südwesten Kanadas, direkt an der Grenze zu den USA. Die kanadische Großstadt Vancouver ist Luftlinie rund 130 Kilometer Richtung Norden entfernt, das amerikanische Seattle rund 150 Kilometer südlich. Bünderin wohnt in Kanada zwischen zwei Seen „Langford ist eine der am schnellsten wachsenden Communitys in Nordamerika. Die Landschaft ist unglaublich schön, das Klima recht mild. Ich wohne zwischen zwei Seen und es sind fünf Minuten bis zum Strand. Das zieht viele Leute und vor allem auch viele junge Familien an“, sagt Mandryk. Sie selbst hat es dorthin mehr oder weniger zufällig verschlagen. Nach dem Abitur am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Bünde und anschließendem Studium landet Mandryk bei einer Stiftung in Frankfurt. „Das war ein guter, aber auch ein sehr stressiger Job“, sagt sie rückblickend. Weil ihr Arbeitgeber ihr kein sogenanntes Sabbatjahr, sprich unbezahlten Urlaub, ermöglicht, kündigt sie zum Jahresbeginn 2019. Lesen Sie auch: Unterwegs zu Hause: Bünderin fährt mit selbst ausgebautem Wohnmobil bis zum Nordkap „Das war keine einfache Entscheidung. Aber meine Familie hat mich unterstützt und in Kanada bekommt man ein Visum, mit dem man im Urlaub arbeiten darf, nur bis zum Alter von 35 Jahren“, sagt Mandryk, die damals 33 Jahre alt ist und Kanada schon von einem Rucksack-Urlaub 2017 kennt. Bünderin ist von Schönheit Vancouver Islands fasziniert Ursprünglich will sie mit ihrem „Working-Holiday-Visum“ für ein Jahr durch das Land reisen. Die Großstädte stehen dabei natürlich mit auf dem Programm. Nach Montreal und Toronto kommt sie im März 2019 schließlich in Vancouver an. Die Stadt, die in der Liste der lebenswertesten Großstädte der Welt regelmäßig auf den vordersten Plätzen landet. „Nach ein paar Wochen in Vancouver bin ich dann auf Vancouver Island hängengeblieben und habe einen Job in einem kleinen Laden angenommen. Irgendwann habe ich gedacht, dass es hier so schön ist und habe mich für ein zweites Visum beworben“, erzählt Mandryk. Dank der Unterstützung von ihrem damaligen Arbeitgeber erhält sie im Januar 2020 das sogenannte „Young-Professional-Visum“. Kurz darauf beginnt die Corona-Zeit. Über einen Online-Yoga-Kurs knüpft Mandryk aber Kontakte zu Einheimischen. „Ich wollte immer mit Kindern arbeiten und eine Kurs-Teilnehmerin hat mir den Tipp für eine Weiterbildung gegeben“, sagt die 39-Jährige. Seit Ende 2021 arbeitet sie mittlerweile als Integrationshelferin an einer Grundschule in Langford. Auch spannend: Zwei Jahre Südamerika-Rundreise: Lipper lässt alles zurück - außer Freundin und Fridu 55 Quadratmeter in Langford für 1.500 kanadische Dollar Im Februar 2025 hat sie neben der deutschen auch die kanadische Staatsbürgerschaft angenommen. „In Deutschland ist seit vergangenem Jahr ja wieder die doppelte Staatsbürgerschaft möglich. Hier geht das dann nach einem Punktesystem. Da ich mich alleine ohne Familie beworben habe und alle Punkte erfüllt habe, ging das auch relativ schnell“, berichtet Mandryk, dass sie nun stolze Besitzerin von „zwei der stärksten Reisepässe weltweit“ ist. Seit dreieinhalb Jahren lebt sie in einer 55 Quadratmeter großen Wohnung in Langford. 1.500 kanadische Dollar oder umgerechnet gut 900 Euro zahlt sie dafür. „Die gleiche Wohnung wird in Anzeigen mittlerweile aber für 2.000 Dollar angeboten“, erzählt Mandryk, dass ein relativ großer Prozentsatz des Einkommens auf Vancouver Island aufgrund der Beliebtheit des Ortes für Miete aufgebracht werden müsse. Ähnlich wie in Deutschland beim Schufa-System werde bei Vermietungen ein Credit-Score abgefragt. Ein regelmäßiges Einkommen müsse ebenfalls nachgewiesen werden. Die Wohnungssuche laufe online, der Marketplace bei Facebook sei dabei besonders beliebt. Bünderin vermisst Stoffeligkeit der Ostwestfalen Ihre Einrichtung habe sie sich komplett neu in Kanada besorgt „Hier gibt es etwas weniger Ikea“, sagt Mandryk. Dafür seien die Schnitte der neueren Wohnungen alle gleich. „Sogar die Armaturen sind überall die gleichen.“ Ansonsten würde ihre Wohnung aber ihrer früheren Bleibe in Frankfurt relativ ähnlich sehen. Und auch die Inflation habe in Kanada genauso zugeschlagen wie in Deutschland. Ob es etwas gibt, das sie an Bünde vermisst? „Es gibt Phasen wie jetzt in der beginnenden Weihnachtszeit. Es gibt zwar einen deutschen Weihnachtsmarkt in Vancouver, aber der ist nicht so gemütlich. Außerdem vermisse ich die Stoffeligkeit der Ostwestfalen“, sagt Mandryk lachend. Und ihre 70-jährige Mutter Barbara, ihre zwei Jahre jüngere Schwester Désirée sowie ihre Nichten Isabella und Lissi vermisst sie natürlich. Einmal im Jahr versucht sie, ihre Familie daheim im Bünder Ortsteil Holsen zu besuchen. Zu ihren alten Freunden halte sie ebenfalls noch regelmäßig Kontakt. „Ich weiß, dass ich jederzeit wieder zurück kann. Das Wissen macht vieles einfacher“, sagt Mandryk. Im Augenblick denke sie aber nicht darüber nach. „Man weiß ja nie, was passiert. Aber ich würde davon ausgehen, dass ich in fünf Jahren noch hier bin.“ Denn das Wagnis, aus ihrem geregelten Leben in Deutschland auszubrechen, habe sie „bis heute nicht bereut“.