Bielefeld/Düsseldorf. Der Trend geht zur Gemeinschaftspraxis. Immer mehr Mediziner scheuen den Schritt, eine eigene Praxis zu eröffnen. Die Suche nach Nachfolgern ist schwierig. Vier von zehn Ärzten wollen laut aktueller Studie der Bertelsmann-Stiftung künftig lieber angestellt arbeiten. Doch auch dann fällt für sie viel Bürokratie an. Dadurch haben sie weniger Zeit für Patienten. Ein Arzt aus Bielefeld will das ändern. Vor einigen Jahren schreckte Alexander El Gammal noch davor zurück, eine eigene Praxis zu eröffnen. Zu schwerwiegend erschienen dem damals frisch ausgebildeten Facharzt für Viszeralchirurgie das finanzielle Risiko sowie die große Verantwortung. „Auf die unternehmerischen Pflichten werden angehende Ärzte nicht vorbereitet, weder im Studium noch in der Facharztausbildung“, sagt El Gammal im Gespräch mit dieser Zeitung. Hinzu komme, dass der heutigen Ärztegeneration die Work-Life-Balance wichtiger sei. „Sie wollen freier arbeiten und zum Beispiel auch mal in Teilzeit. Das ist als Einzelkämpfer in einer Alleinpraxis aber nicht möglich.“ 20 Prozent der wöchentlichen Arbeit sind Bürokratie Dennoch wagte El Gammal schließlich nach einem zweiten Facharzt, diesmal für Allgemeinmedizin, diesen Schritt. Nachdem er sieben Jahre in Hamburg tätig war, machte er eine weitere Facharztausbildung für Allgemeinmedizin und gründete schließlich ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in Bielefeld. In dem arbeitet er heute mit drei angestellten Ärztinnen und Ärzten sowie fünf Medizinischen Fachangestellten. Mehr als 90 Prozent seiner Patienten seien gesetzlich versichert. Für seine Ärztekollegen erledigt El Gammal den gesamten Papierkram - das umfasse bis zu 20 Prozent der Arbeitszeit in der Woche. „Ich halte mir dafür den gesamten Freitag sowie teilweise Mittwoch- und Donnerstagnachmittag frei“, sagt der Mediziner. Das entlaste seine Kollegen enorm – sie haben so mehr Zeit, sich auf die Arbeit am Patienten zu konzentrieren. Zudem sei es für sie möglich, auf Wunsch auch in Teilzeit zu arbeiten. Praxen, in denen jedoch nur ein Arzt oder zwei Ärzte arbeiteten, könnten sich das zeitlich aber nicht leisten, glaubt der Mediziner. Einkaufsgemeinschaften und PC-Systeme Ihnen will El Gammal zusammen mit Expertinnen aus dem Startup- und Gesundheitsbereich mit einem neuen Konzept unter die Arme greifen, indem ihnen die unternehmerischen Tätigkeiten abgenommen werden. Das betreffe zum einen die administrativen Serviceleistungen, also Standard-Papierkram - sowie den Einkauf von Verbrauchsmaterialien, wie von Pflastern und Verbänden. Diese Einkaufsgemeinschaften seien zum Beispiel in Krankenhäusern normal. Zudem soll den ärztlichen Kunden ein PC-System, bestehend aus verschiedenen zugelassenen Programmen, zur Verfügung gestellt werden, das ihnen bei Administration und Abrechnungen hilft. Die Ärzte zahlen dafür eine Servicegebühr – und können sich dafür mehr auf ihre medizinischen Aufgaben konzentrieren. So können sie weiterhin selbstständig in einer Praxis arbeiten – ein Großteil der Bürokratie wird ihnen dabei abgenommen. „Ich glaube, dass das junge Ärzte überzeugen kann, eine Praxis zu gründen oder in einer Praxis zu arbeiten“, sagt El Gammal. Somit könne es gelingen, einen Beitrag gegen den Ärztemangel zu leisten. Gleichwohl glaubt der 41-Jährige, mit dem Konzept wirtschaftlich arbeiten und in die Fläche gehen zu können. .responsive23-8Lh0EBrhHTylMxfg-bar-stacked-vertical-hausaerzte-wollen-taetigkeit { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-8Lh0EBrhHTylMxfg-bar-stacked-vertical-hausaerzte-wollen-taetigkeit { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-8Lh0EBrhHTylMxfg-bar-stacked-vertical-hausaerzte-wollen-taetigkeit { padding-top: 142.86%; } } Haftung und medizinische Entscheidungen liegen beim Arzt Schon jetzt gibt es ähnliche Angebote zum Beispiel in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München – nicht aber in NRW, sagt El Gammal. „Gerade im ländlichen Raum und in mittelgroßen Städten erkenne ich Bedarf.“ Das Konzept umfasst mehrere Stufen, so sollen bei Bedarf sogar gesamte möblierte Immobilien mitsamt Geräten angeboten werden – „also all das, was Ärzte für eine Niederlassung brauchen.“ Weitere Stufen bis hin zur Mitarbeit in einem gemeinsamen MVZ sind vorgesehen. „Dann würde man bei uns also quasi alles buchen.“ Letztlich liegen die Haftung und medizinischen Entscheidungen aber immer weiter persönlich beim Arzt, egal, in welchem Konstrukt. Aktuell befinden sich El Gammal und sein Team in Gesprächen mit Investoren. Jens Grothues spricht von „sinnvoller Ergänzung“ „Das Konzept kann eine sinnvolle Ergänzung sein, um die Ärzteversorgung auf dem Land zu sichern“, sagt Jens Grothues. Der Allgemeinmediziner aus dem Kreis Höxter engagiert sich im Vorstand des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe und erkennt durchaus einen Markt für Konzepte dieser Art. „Es kann durchaus sein, dass Ärzte so ein Modell annehmen werden. Ob es dafür eine große Nachfrage in OWL geben wird, vermag ich aber nicht zu beurteilen.“ Das hänge nicht zuletzt auch damit zusammen, wie teuer das Angebot sei, meint Grothues. Mehr als die Hälfte der Ausgaben einer Praxis gingen heute für Miete, Personal, Software und den Praxisbedarf drauf. „Die Frage ist also immer: Was bist du als Arzt bereit, zu zahlen?“, sagt Grothues. Von einem „sehr sinnvollen“ Konzept spricht auch Thorsten Klute. Der Politiker aus dem Kreis Gütersloh ist für die SPD-Fraktion im Landtag als gesundheitspolitischer Sprecher tätig – und hält Serviceangebote für Ärzte in den heutigen Zeiten für „extrem wichtig“. Ärzte klagten über „eine ganze Menge“ Bürokratie. „Wenn ihnen diese Bürokratie abgenommen würde, wäre das etwas total Gutes.“ Bürokratie hindert Praxis-Neueröffnungen Das NRW-Gesundheitsministerium teilt auf Anfrage mit, dass eine zu hohe Belastung durch Bürokratie und administrative Tätigkeiten oft als ein „Hemmnis“ für die Niederlassung als Vertragsärztin oder Vertragsarzt und das Führen einer eigenen Praxis angeführt werde. Es gebe bereits verschiedene Anbieter deutschlandweit und in Nordrhein-Westfalen, die entsprechende Dienstleistungen für Arztpraxen anbieten würden – teilweise auch auf Initiative einzelner Ärztinnen und Ärzte. Grundsätzlich seien Angebote, die Ärztinnen und Ärzte entlasten würden, „sehr zu begrüßen“.