Bielefeld. Leute gibts, die laufen über Scherben oder Nägel. Andere gehen durchs Feuer, Hermann Peitz bevorzugt Kastanien. Auf dem Teppich seines Wohnzimmers hat er davon 3.000 ausgebreitet – der Gesundheit zuliebe.
Wenn der Morgen graut, macht sich Hermann Peitz nach seiner täglichen Yogastunde auf zur Sparrenburg. Mit einem Beutel in der Hand, den Blick zu Boden gerichtet, sucht der Schneidermeister nach Kastanien. Tag für Tag, Jahr für Jahr, immer wieder im Herbst.
Gegen Hämorrhoiden
Extrakte aus der Kastanie wirken auf das gesamte Gefäßsystem, speziell die Venen. Sie festigen die Aderwände und fördern die Durchblutung der feinsten Blutgefäße. Dieses Wirkungsspektrum macht die Rosskastaniensamen zu einem der wichtigsten Arzneimittel gegen Hämorrhoiden und Gefäßerkrankungen.Nicht allein seiner körperlichen Elastizität wegen geht der 80-Jährige so unverdrossen in die Knie. Handelt es sich doch seiner Auffassung nach bei dem Objekt seiner Begierde, der Kastanie, um ein Naturprodukt mit heilender Wirkung.
Ein Leben ohne diese knubbeligen braunen Baumfrüchte – für Hermann Peitz undenkbar. Drei Exemplare führt der Vorsitzende des Stadtverbandes der Volksgesundheits-Bewegung stets als Handschmeichler in der Jackentasche mit sich, ähnlich wie Qigong-Kugeln. Auch in Stoffkissen näht er sie ein, ein dem Körnerkissen ähnliches Hausmittel.
Mehr als 3.000 Kastanien liegen zurzeit ausgebreitet in seiner Wohnung. Wer sie betritt, spürt harten Widerstand unter der Fußsohle. Es piekst und zwickt wie bei einem Spaziergang über steinigen Strand. Als der kurze Selbstversuch endet, durchströmt Wärme die Beine. So funktioniere Akupressur, erklärt der Gesundheitsapostel.
Und wenn Peitz schlafen geht, liegen die Kastanien schon bereit – zwischen Bettlaken und Kissen, 21 Stück, exakt abgezählt. Er drückt sie gegen die Stellen, wo es spannt. Die sorgfältig manikürten Finger seiner Hände streichen vom Nacken zu den Schultern und von dort aus in Richtung Wirbelsäule. Wo immer der schlanke Senior Beschwerden spürt – Kastanien vermögen sie zu lindern.
Die Erklärung dafür: "In der Natur sind so viele Kräfte vorhanden, wir müssen sie nur richtig nutzen", sagt der ältere Herr in seiner Kombination aus feinem englischen Tuch und nimmt aus dem Stand heraus im Schneidersitz auf seinen Kastanien Platz. Ohne sich dabei mit der Hand abzustützen.