Bielefeld. Am zweiten Tag des Hooligan-Prozesses hat Vorsitzender Richter Carsten Nabel vor der 3. Jugendkammer erstmals das Beweisvideo vorgeführt, das szenekundige Polizeibeamte von dem folgenschweren Überfall am 5. Mai aus ihrem Auto heraus aufgenommen haben. Bei aller Wackeligkeit des wahrscheinlich wichtigsten Beweisstücks dokumentiert es eines ohne Zweifel: Hier gingen junge Männer mit großer Brutalität, Hass und Menschenverachtung auf Unschuldige los.
Der Szenekundige Beamte (SKB) Dirk Wüstenbecker filmt an jenem Tag aus der Beifahrertür, während er per Funk die Anfahrt zu einer Schlägerei an der Jöllenbecker Straße / Ecke Wittekindstraße meldet. Am Steuer sitzt sein Kollege Thoren Düsenberg. Zunächst zeigen die Bilder aus gut 50 Metern einen unüberschaubaren Tumult. Junge Männer schreien, laufen über die Straße, Autos bremsen und hupen. Richter Nabel interpretiert in der Ferne am Straßenrand den entscheidenden Tritt gegen Malte K., das lebensgefährlich verletzte Opfer. Wer tritt, ist mit bloßem Auge nicht zu sehen.
Das Bild ist kurz von Autos unterbrochen. SKB Thoren Düsenberg lenkt das Polizeifahrzeug links an der Autoschlange vorbei und hält mitten auf der Straße – direkt vor dem Getümmel: Ein Mann liegt bereits regungslos auf dem Radweg. Seine Füße ragen auf der Straße. Der Kopf des auf dem Rücken liegenden Mannes ist in einer unnatürlichen Haltung schräg vom Körper weggeknickt, seine Gesichtsfarbe ist aschfahl. Niemand kümmert sich um ihn. Der Überfall ist in vollem Gange. Vor den Augen der Polizisten und einiger nur passiv beteiligter Hooligans laufen, schreien und schlagen vor allem zwei Personen – jetzt gut sichtbar – wild um sich.
Einer von ihnen ist der Hauptangeklagte (20) aus Espelkamp. Philipp G., der als Einziger wegen versuchten Mordes angeklagt ist. Er identifiziert auf dem Video die Mitangeklagten und sich: Der 20-Jährige ist deutlich zu sehen, als er sich über den Träger einer weiß-grünen Jacke beugt. Es ist Tobias B. (Name geändert), das zweite, zum Glück nur leicht verletzte Opfer des Überfalls. G. schlägt dem Werder-Fan, der bereits am Boden lag, mit der Faust ins Gesicht. Als B. mit dem Oberkörper zurückkippt, holt G. mit seinem linken Fuß aus und tritt mit aller Wucht und vollem Schwung ins Gesicht des Werder-Fans. Nur weil sich B. gerade noch wegdrehen und seine Arme hochreißen kann, erleidet der Werder-Fan nicht dasselbe Schicksal wie sein Freund, der neben ihm bewusstlos auf dem Boden liegt.