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Gütersloh

Franz Müntefering beim Neujahrsempfang der Johanniter in Gütersloh

Zwischen Herz und Handwerk

Festredner Franz Müntefering rief beim Neujahrsempfang der Johanniter-Unfall-Hilfe zum Engagement für eine soziale Gesellschaft auf. - © FOTOS: RAIMUND VORNBÄUMEN
Festredner Franz Müntefering rief beim Neujahrsempfang der Johanniter-Unfall-Hilfe zum Engagement für eine soziale Gesellschaft auf. (© FOTOS: RAIMUND VORNBÄUMEN)

Gütersloh. Ein mitreißendes Plädoyer Franz Münteferings für ehrenamtlichen sozialen Einsatz prägte den Neujahrsempfang des Landesverbandes der Johanniter-Unfall-Hilfe. Rund 150 geladene Gäste waren ins Theater der Stadt gekommen, wo turnusgemäß diesmal der Regionalverband Ostwestfalen den Empfang ausrichtete.

Draußen signalisierten aktive Helfer der 1952 gegründeten evangelischen und nach eigenen Angaben landesweit größten christlichen Hilfsorganisation mit Einsatzgerät die Anwesenheit der Johanniter. Drinnen begann das Treffen unterdessen mit einem von Pfarrer Frank Neumann unterm achtspitzigen Johanniterkreuz gehaltenen Gottesdienst, dem ersten im noch jungen Theater, wie Bürgermeisterin Maria Unger später bemerkte.

Nach weiteren Grußworten des Hagener ehrenamtlichen Landesvorstands Hans Theodor Freiherr von Tiesenhausen und des Präsidenten Hans-Peter von Kirchbach aus Potsdam zog der ehemalige Vizekanzler und Bundesminister für Arbeit und Soziales die Zuhörer schnell in die ihm politisch vertraute Thematik. Es gebe den Sozialstaat, den der Staat sichere und dem alle "auf gleicher Augenhöhe" gegenüberstünden, sagte der SPD-Politiker. Das sei Gerechtigkeit. Etwas anderes sei die auf Solidarität bauende "soziale Gesellschaft".

"Meine Mutter nannte das Nächstenliebe", erinnerte sich der Sauerländer an seine Kindheit, als seine Mutter an die Tür klopfende Kriegsversehrte in die Küche bat und ihnen etwas zu essen gab. Heute müsse Einzelfallhilfe umfassend organisiert werden. Doch dürfe solche "organisierte Solidarität" nicht primär kommerzialisiert sein. Es gelte bereit zu sein, "mit anderen zusammen anzufassen, mit anderen zusammen aktiv zu sein", so Müntefering. Viele seien engagiert, übrigens auch in der Kommunalpolitik. Die, die anpackten, seien "tausendmal gerechtfertigter" als jene, die sitzen blieben und die Dinge gleichsam von der Tribüne aus betrachteten. "Leute, macht mit!"

Um wirkungsvoll helfen zu können, sei oft auch Anleitung erforderlich, sagte der Redner mit Blick zumal den Einsatz der praktischen Unfallhilfe. "Das gute Herz ist wichtig, aber es ist ein Handwerk." In einer älter werdenden und zugleich länger relativ gesund bleibenden Gesellschaft sah Müntefering einerseits den Zeitreichtum der Senioren, die sich mit ihren speziellen Fähigkeiten einsetzen könnten. "Demokratie ist kein Schaukelstuhl: Solange einer im Kopf klar ist, hat er Mitverantwortung für das, was geschieht."

Andererseits wies der Politiker auf das Problem hin, die zunehmende Zahl an Gebrechlichen angesichts fehlender Pflegekräfte zu betreuen. Es sei zu bedenken, wie man in einer Stadt, einem Stadtteil, soziales Leben organisieren könne. Auch ambulante Hospize seien nötig. Am Ende des Lebens dürfe "keine Nützlichkeitserwägung" eine Rolle spielen. "Die Lockerheit, mit der mit aktiver Sterbehilfe umgegangen wird, ist ein Warnsignal", mahnte Müntefering.

Information

Großflughafen Gütersloh?

Franz Müntefering ist selten um einen lockeren Spruch verlegen. Nachdem Bürgermeisterin Maria Unger im Grußwort betont hatte, das 2010 eröffnete Gütersloher Theater sei im Zeit- und Kostenrahmen erstellt worden, meinte "Münte" mit Blick auf Berlin, wo andere Parteifreunde arg im Verzug sind: "Ich vermute, dass die Bewerbung für einen Großflughafen schon unterwegs ist." Er freute sich auch über das Johanniter-Rot und das Rot der Theatersitze. "Es ist die eigentliche Farbe." (rb)

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