Gab es in den Gutachten vor der Krise konkrete Hinweise?
BUCH: Ja. Es wurde viel geschrieben über Risiken auf dem US-Immobilienmarkt und im Finanzsektor. Viele haben gesehen, dass etwas passieren könnte. Aber alle haben sich gleichzeitig schwergetan damit, ganz konkret Zeitpunkt und Ausmaß der Krise vorherzusagen, wie wir sie dann tatsächlich erlebt haben.
"Wer ehrlich damit umgeht, weiß, dass es Prognosen unter dem Motto "Nach bestem Wissen und Gewissen" sind"
Muss man sich immer wieder eingestehen, dass die Prognosen eben nur Prognosen bleiben?
BUCH: Wer ehrlich damit umgeht, weiß, dass es Prognosen unter dem Motto "Nach bestem Wissen und Gewissen" sind - ebenso wie beim Wetter und Klima. Wir versuchen, unsere Modelle so gut wie möglich aufzustellen. Aber jede Prognose beinhaltet auch ein gewisses Maß an Unsicherheit.
Berücksichtigt werden müssen in Zukunft auch die Auswirkungen der Finanztransaktionssteuer. Reichen die Steuersätze Ihrer Meinung nach, um die Finanzmärkte einzudämmen?
BUCH: Ich halte die Finanztransaktionssteuer für zu wenig zielgerichtet, um Banken und Finanzmärkte zu stabilisieren. Dieses Ziel kann besser dadurch erreicht werden, dass man Banken zwingt, mehr Eigenkapital zu halten. Ein höheres Eigenkapital macht Banken resistenter gegenüber Schocks und hilft, Anreize richtig zu setzen. Da sehe ich bei der Finanztransaktionssteuer zu wenig Lenkungswirkung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir in Europa bessere Mechanismen bekommen müssen, um mit Schieflagen vor allem von großen Banken besser umgehen zu können.
Die Eurokrise ist noch nicht ausgestanden. Ist es sinnvoll, immer neue Hilfspakete nach Griechenland zu schicken?
BUCH: Ich glaube, dass die Kombination aus Hilfen und Forderungen sowie Vorgaben für die Wirtschaftspolitik eine sinnvolle Strategie ist. Über Details lässt sich streiten, aber ich sehe keine Alternative. Eine bessere Exportfähigkeit muss aus den Unternehmen kommen. Wir wissen, dass es nur die großen und sehr produktiven Unternehmen schaffen, sich erfolgreich auf den Weltmärkten zu behaupten. In vielen der Krisenländer gibt es aber diese großen Unternehmen oft nicht. Der nötige Wandel braucht sehr viel Zeit.
Bei der expansiven Fiskalpolitik darf die politische Akzeptanz nicht auf der Strecke bleiben
Und was kann der öffentliche Sektor machen?
BUCH: Das ist die große Schwierigkeit. Ich glaube, dass die Möglichkeiten, über eine expansive Fiskalpolitik etwas zu erreichen, sehr begrenzt sind. Es ist richtig, fiskalisch zu konsolidieren und Schuldenbremsen einzuhalten. Nur müssen wir diesen Weg so gestalten, dass die politische Akzeptanz dabei nicht auf der Strecke bleibt.
Sind Sie überzeugt, dass der Euro überleben wird?
BUCH: Ja, die Politik tut alles, um den Euro stabil zu halten. Allerdings trägt die Europäische Zentralbank einen zu großen Teil der Lasten. Wir müssen es schaffen, die EZB zu entlasten, damit sie sich allein ihren eigentlichen Aufgaben in der Geldpolitik widmen kann.
Beeindruckender Lebenslauf
Nach dem Abitur am Theodorianum studierte Claudia Buch Volkswirtschaftslehre in Bonn und Wisconsin.Danach forschte sie in New York und Michigan, promovierte in Kiel.
2004 übernahm sie den Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie an der Uni Tübingen.
Buch ist im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium. Sie hatte 2008 bis 2012 den Vorsitz inne.
Vor einem Jahr wurde sie von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in den Sachverständigenrat berufen als Nachfolgerin von Beatrice Weder di Mauro. (faa)