Ob kunstvoll oder kaum zu entziffern: Graphologen behaupten, aus einer Handschrift Informationen über einen Menschen lesen zu können. Sie stellen ihre Dienste auch Unternehmen zur Bewerberauswahl zur Verfügung. Kann das funktionieren? Graphologe Olivier Netter und Psychologieprofessor Stefan Krumm klären auf - und nehmen ziemlich unterschiedliche Positionen ein.
Was wollen Unternehmen über die Handschrift eines Bewerbers wissen?
«Die meisten Unternehmen interessiert, ob ein Bewerber zum Unternehmen und der ausgeschriebenen Stelle passt und ob er langfristig belastbar und zuverlässig ist», so Olivier Netter. Er hat Philosophie studiert, ist Heilpraktiker für Psychotherapie und Mitglied im Berufsverband geprüfter Graphologen/ Psychologen.
Grundsätzlich geht es darum, einen vertieften Eindruck über die Persönlichkeit des Bewerbers zu bekommen. Dabei sind nicht immer die gleichen Eigenschaften interessant. «Manchmal geht es eher um Führungsqualitäten, an anderer Stelle um kreatives Potenzial oder um Kontaktfähigkeit», erklärt Netter.
Wie arbeiten Graphologen?
«Der Titel 'Graphologe' ist nicht geschützt, die Arbeitsweisen sind daher unterschiedlich, je nach Schule, der der Graphologe folgt», so Netter. Seine Methode: Anhand von mindestens einer halben Seite Schriftprobe, die der Bewerber inklusive Unterschrift abgibt, erstellt er im Auftrag ein Gutachten.
Dabei schaut er zum Beispiel: Wie ist die Struktur und das Erscheinungsbild der Schrift? «Ist sie glatt, unauffällig und genormt spricht das womöglich für eine hohe Anpassungsbereitschaft», so Netter. «Ist sie schwungvoll, ausgreifend und druckstark vielleicht eher für einen dynamischen Menschen.»
Netter selbst nutzt dabei Ansätze der Gestaltpsychologie. «Anders als viele denken, ist es nicht ein Katalog an vorgefertigten Merkmalen, den ich abarbeite. Wichtig ist eher ein immer weiter differenzierter Gesamteindruck, wenn ich die Schrift betrachte und auf mich wirken lasse», erklärt Olivier Netter.
Teil des Gesamtbildes ist beispielsweise auch, wo auf dem Blatt Papier der Bewerber seinen Text platziert hat. Hat er allen Raum eingenommen oder womöglich alles in eine Ecke gequetscht? Das alles und vieles mehr, was sich an wahrnehmbaren Details in der Schrift befinde, sage etwas über die Person aus.
Was sagt so ein Gutachten über den beruflichen Erfolg aus?
«Um die Eignung eines Bewerbers zu beurteilen, ist die Analyse der Handschrift kein valides Instrument», sagt Stefan Krumm, Professor für psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie an der FU Berlin. Das belegen auch Studien.
In einer Metaanalyse von 1998 konnte kein Zusammenhang zwischen Auswahl anhand von graphologischem Gutachten und beruflichem Erfolg festgestellt werden. Für klassische Instrumente wie kognitive Leistungstests und strukturierte Interviews allerdings schon.
Sagt die Handschrift also gar nichts über meine Persönlichkeit aus?
«Zumindest sind mir keine überzeugenden Belege dafür bekannt», so der Psychologe. «Wir wissen, dass wir Statements und Spuren unserer Persönlichkeit im Alltag hinterlassen.» Hier gab es zum Beispiel eine Studie, die den Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen mit Bildern aus dem Arbeits- und Wohnbereich von Menschen verglichen. Dort zeigten sich Korrelationen.
«Doch was sich im Regal ansammelt, ist komplexer, das ist über eine Weile entstanden», so der Professor. Ob das für eine Momentaufnahme wie eine Schriftprobe ebenfalls gelinge, scheint fraglich – die Ergebnisse entsprechender Studien ließen daran zweifeln.