Lügde. Schneebedeckte Berge. Davor ein muskelbepackter Gladiator in Wolfsgestalt, der seine furchteinflößende Pranke auf eine Hantel stemmt. Vor diesem monumentalen WM-Plakat wirkt die nur 1,52 Meter große Weltmeisterin fast etwas verloren. Dabei ist Sarah Stephan eine echt starke Frau. In den vergangenen Wochen ist sie nacheinander Deutsche Meisterin im Kreuzheben, Vize-Meisterin im Cheating-Curl und Weltmeisterin im Strict-Curl geworden. Die gebürtige Bochumerin ist 31 Jahre alt, arbeitet in einem Fitnessstudio im lippischen Südosten und ist Mutter eines neunjährigen Sohnes. Seit 2015 lebt Sarah Stephan in Lügde und ist als Ernährungsberaterin mit Schwerpunkt auf Gewichtsreduktion tätig. Konservierungsmittel und Zusatzstoffe sind ihr ein Graus. Dafür liebt sie das Spiel mit den Gewichten. Doch was verbirgt sich hinter den folgenden Fachbegriffen? Kreuzheben Insgesamt 130 Sportler nahmen in Peutenhausen an den Deutschen Meisterschaften im Kreuzheben teil, darunter 28 Athletinnen. Nachdem Sarah Stephan (Körpergewicht unter 57 kg) erst im Mai den niedersächsischen Rekord auf 137,5 kg gesteigert hatte, toppte sie ihre Bestmarke auf den nationalen Titelkämpfen in Bayern mit 140 kg. ?Cheating-Curl „Die Schwerathletik erfreut sich wachsender Beliebtheit“, sagt Sarah Stephan, denn im Vergleich zum Vorjahr (120) nahmen diesmal 200 Teilnehmer (darunter 31 Frauen) an der DM in Halle/Saale teil. Unter Cheating-Curls versteht man Bizeps-Curls, bei denen einmalig Schwung geholt werden darf. Die Titelverteidigerin war bei ihrer Versuchsauswahl bewusst sehr vorsichtig, um eine Woche vor der WM keine Ermüdung oder Verletzung zu riskieren, weshalb sie etwas unter ihrem Maximum blieb. Mit einem Körpergewicht von 54,4 kg bewegte sie 54 kg auf der Hantel und somit 99,3 Prozent von ihrem Körpergewicht. Mit dieser Leistung landete sie knapp auf dem zweiten Platz, nur 0,3 Prozent hinter der Erstplatzierten. Strict-Curl „Hierbei lehnt man an einer Wand, damit jegliches Schwungholen beim Bizeps-Curl nicht möglich ist“, erklärt Sarah Stephan die Disziplin, für die sie am Freitag, unmittelbar nach Schulschluss ihres Sohnes Milan, direkt nach Trnava in die Slowakei reiste. Gegen 22 Uhr kamen sie in Bratislava an und am nächsten Morgen um 8 Uhr stand sie schon auf der Waage. ?Es war die erste Weltmeisterschaft im Strict-Curl, an dem die stärksten 95 Männer und 24 Frauen aus insgesamt 28 Nationen gegeneinander antraten.? In der Gewichtsklasse bis 56 kg schaffte Stephan im zweiten von drei Versuchen einen 35 kg schweren Strict-Curl. „Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits einen deutlichen Vorsprung zu der Konkurrenz in meiner Gewichtsklasse hatte, versuchte ich, den Weltrekord, der bei 37,5 kg liegt, um 0,5 kg zu überbieten. Doch die 38 kg schwere Hantel war leider zu schwer für mich“, berichtet Sarah Stephan. Mit einer bewegten Last von 63 Prozent ihres Körpergewichts erkämpfte sie sich nicht nur den ersten Platz in ihrer Gewichtsklasse, sondern erreichte unter allen Frauen, gewichtsklassenübergreifend, den Gesamtsieg und damit den Weltmeistertitel im Strict-Curl. Und wie hat sich die „World-Curlerin“ für ihre tollen Leistungen belohnt? Jedenfalls nicht mit einem opulenten Essen. Seit einer Neurodermitiserkrankung achtet sie extrem auf ihre Ernährung und kocht fast ausschließlich mit frischen Zutaten. Zur Belohnung hängte Sarah Stephan noch ein paar Tage in der Slowakei dran und machte Sightseeing in Bratislava und in der tschechischen Hauptstadt Prag. Daheim in Lügde ließ sie im Kreise ihrer Fitnessstudio-Besucher kurz die Korken knallen: „Wir haben mit alkoholfreiem Sekt auf den WM-Titel angestoßen.“