Düsseldorf. Die Zumutung liegt nicht allein im Betrachten der Bilder. Besonders schwer zu ertragen sei sexueller Missbrauch, der im Video abgebildet und mit Ton unterlegt sei, sagte der Leiter der neuen nordrhein-westfälischen Stabsstelle gegen Kinderpornografie, Ingo Wünsch, nach den grauenvollen Gewalttaten in Lügde. Die Urteilssprüche gegen die Haupttäter liegen kaum zwei Monate zurück, schon ist ein neuer Fall aufgeschlagen.
Mehrere Männer unter anderem aus Aachen, Mettmann, Krefeld, Wesel und Bergisch Gladbach sollen ihre eigenen Kinder oder Stiefkinder sexuell schwer missbraucht und dazugehörige Videoaufnahmen in Chat-Gruppen mit Tausenden Mitgliedern geteilt haben. Inzwischen wurden neun Verdächtige in NRW festgenommen. Bislang geht die Polizei von zwölf Opfern aus, von denen das jüngste kein Jahr alt ist.
Lügde habe "viele wachgerüttelt"
Die Menge der beschlagnahmten Daten ist inzwischen auf dreißig Terabyte angestiegen. „Das haut einem die Füße weg", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) während einer Fragestunde im Landtag. Über 130 Männer und Frauen seien derzeit damit beauftragt, das Material im Fall Bergisch-Gladbach zu sichten, hatte Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob zuvor gesagt. Minister Reul äußerte im Parlament seine tiefe Abscheu gegenüber den widerwärtigen Taten. Bevor er sein Amt angetreten hat, habe er sich nicht vorstellen können, "wie mit den Schwächsten der Gesellschaft umgegangen wird", sagte er. Lügde habe dann "viele wachgerüttelt".
Einige haben offenbar weitergeschlafen. Landesjustizminister Peter Biesenbach zitierte Kritik der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf an der nachgeordneten Staatsanwaltschaft Kleve. In der Landeshauptstadt habe man "handwerkliche Fehler" in den "wenig stringent geführten" Ermittlungen festgestellt. So wurde unter anderem versäumt, früh DNA-Spuren zu sichern.
"Das ist noch nicht das Ende"
Gegen einen 26-jährigen Mann aus Wesel hatte die Staatsanwaltschaft Kleve nach den Ermittlungen der Polizei zunächst nicht genügend Gründe für einen Haftbefehl oder eine Hausdurchsuchung gesehen, so dass der verdächtige Zeitsoldat der Bundeswehr monatelang auf freiem Fuß blieb. Dieser Bewertung schließt sich sich die Generalstaatsanwaltschaft ausdrücklich nicht an.
Obwohl die Fälle nahe beieinanderliegen, gibt es im Vergleich zu Lügde maßgebliche Unterschiede. In Lügde habe es einen "kleinen Täterkreis an einem Ort" gegeben, erklärte Reul. Im neuen Fall zähle das "Kinderporno-Netzwerk" samt anhängender Chat-Gruppen bis zu 1.800 Mitglieder sowie Väter, die mit ihren eigenen Kindern Missbrauch getrieben hätten. Erneut äußerte Reul die Befürchtung, die Zahl der Opfer werde noch steigen. "Wir stehen erst am Anfang eines langen steinigen Weges", sagte er den oppositionellen Fraktionen. "Lassen Sie Polizei und Staatsanwaltschaften ihre Jobs machen – das ist noch nicht das Ende."
Die Landesregierung habe "noch viel zu erklären"
Die Fraktionen von SPD und Grünen räumten dem Ermittlungserfolg höchste Priorität ein. SPD-Fraktionsvize Sven Wolf sagte nach der Fragestunde, das Thema "berührt uns zutiefst, der Fall macht sprachlos". Der Generalstaatsanwalt habe "schwere Fehler in der Sachbehandlung durch die Staatsanwaltschaft Kleve festgestellt". Die Landesregierung habe "noch viel zu erklären".
Derweil wurde bekannt, dass das Landeskriminalamt (LKA) zur Sichtung des kinderpornografischen Materials auch neue Mitarbeiter eingestellt hat, die keine Polizisten sind, sondern als sogenannte Bewerter fungieren. Im Frühjahr hatte das LKA nach 24 externen Mitarbeitern gesucht, von denen 14 speziell zur Sichtung kinderpornografischen Materials eingesetzt werden sollten.
Der nun öffentlich gewordene Missbrauchsfall, der seinen Beginn in Bergisch Gladbach nahm, sei gewissermaßen "die Bewährungsprobe" für die neuen Mitarbeiter, ließ das LKA verlauten. Zu den Aufgaben der regulären Tarifbeschäftigten gehört laut Jobbeschreibung "Sichten und selbstständiges Einordnen der Bilder und Videos in einschlägige Kategorien durch Nutzung verschiedener, spezieller Auswertungssoftware". Minister Reul sagte, sein Haus begleite "alle so, dass man es einigermaßen ertragen kann".