In der Nacht zum Mittwoch gelang den russischen Streitkräften ein Militärschlag besonderer Art. Sie sprengten per Raketenbeschuss die Pizzeria Ria Lounge im ukrainischen Kramatorsk in die Luft – in einem Moment, als das Restaurant voll besetzt war. Acht Menschen starben sofort, darunter drei Kinder und ein 17-jähriges Mädchen.
Die Ria Lounge ist auch bei internationalen Gästen beliebt. Geriet sie deshalb in Moskaus Visier? Von Splittern erwischt wurden auch die Journalistin Catalina Gomez und der Schriftsteller Hector Abad aus Kolumbien. Sie hatten die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelima zum Abendessen getroffen. Ob Amelima überlebt, ist unklar: Sie wurde am Kopf getroffen.
Für Wladimir Putin lief das alles optimal. Der Kremlherr will seine Macht beweisen und Angst verbreiten, in der Ukraine wie im Rest der Welt. Und das geht, wie es schon Russlands erster Zar, Iwan der Schreckliche (1530-1584), Land und Leute lehrte, am besten durch maximale Grausamkeit.
Putin unbeeindruckt von Chaostagen
Putins Botschaft an den Westen lautet: Hey, mein Kampf geht weiter. Wenn ihr dachtet, der Aufstand von Jewgeni Prigoschin würde irgendetwas ändern an dem von mir angezettelten Krieg gegen die Ukraine, habt ihr euch getäuscht.
Der Kriegsherr im Kreml, weltweit von vielen angezählt, zeigt sich unbeeindruckt von den zurückliegenden Chaostagen in Moskau. Er hat sogar die Nerven, gleich wieder an den großen Tisch der globalen Machtspiele zurückzukehren. Am Mittwoch meldete Taiwan, es habe zwei russische Kriegsschiffe vor seiner Ostküste gesichtet, ein seltenes Phänomen. Auch dies lässt sich frei übersetzen, als unfreundlicher Gruß von Putin: Ihr im Westen glaubt vielleicht, erst würde ich ins Wanken geraten und dann Xi Jinping. Doch gemeinsam sind wir stärker als ihr: Erst greifen wir uns die Ukraine und dann Taiwan.
Im Westen sind jetzt Festigkeit und langer Atem gefragt. Es wäre ein Fehler, sich nun nervös eine rasche Entmachtung Putins durch Prigoschin zu erhoffen. Was wäre auch gewonnen, wenn in Moskau ein Massenmörder ohne Schlips einen Massenmörder mit Schlips aus dem Amt jagt?
Innerrussischer Machtkampf
Das westliche Bündnis hat bislang intelligent agiert. Aus Geheimdienstkreisen hört man: Um gefährliche Missverständnisse in Moskau auszuschließen, wurde Kiew aufgegeben, während des Prigoschin-Vormarsches auf eigene Schläge gegen militärische Ziele in Russland zu verzichten. Diese Bitte entspricht einer klugen westlichen Linie: Der innerrussische Machtkampf sollte ein innerrussischer Machtkampf bleiben.
Ebenso unmissverständlich aber muss allen Beteiligten in Moskau klargemacht werden, dass jede Attacke auf Nato-Staaten eine Gegenreaktion des Westens nach sich ziehen würde, deren Auswirkungen auf Russland, milde gesagt, verheerend und mehr als destabilisierend wären. Wenn es gut geht, wird sich Putin schon aus seinem massiven Bestreben, nur ja an der Macht zu bleiben, weiterhin dieser Logik der Abschreckung fügen.
Dazu kann es beitragen, noch mehr westliche Militärpräsenz zu zeigen an den östlichen Grenzen der Nato. Das Bündnis wird auch darauf reagieren müssen, dass die derzeit bedenklich wachsende Zahl von Wagner-Kämpfern in Belarus die Sicherheitslage in den baltischen Republiken und in Polen verschlechtert.
Ein guter, sogar beeindruckender Schritt ist die Ankündigung des deutschen Verteidigungsministers Boris Pistorius, rund 4.000 Bundeswehrsoldaten dauerhaft in Litauen zu stationieren. Auch wenn die konkrete Umsetzung noch eine Weile dauert: Genau so sieht eine westliche Politik aus, die auf Zusammenhalt und gemeinsamen Widerstandsgeist setzt, nicht nur im Augenblick, sondern weit über den Tag hinaus.