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Kommentar

Bundeshaushalt für 2024 liegt vor: Lindner zeigt sein altes Denken

Der Finanzminister geißelt Viertagewoche und Subventionen als wettbewerbsschädlich. Steuerberater in Bielefeld zeigen bereits neues Denken und einen neuen Blick auf diese Gesellschaft.

Der Bundesfinanzminister ist der wichtigste Gegenpart des Bundeskanzlers. Er ist der einzige Minister, der qua Amt ein Vetorecht gegen die Richtlinie des Regierungschefs hätte. Der Konjunktiv gilt deshalb, weil jeder Finanzminister weiß, dass mit der Nutzung dieses Vetorechts sein Rücktritt oder seine Entlassung zwingend wäre. Botschaften der Gestaltung darf er gleichwohl für seine Etatverantwortung reklamieren.

Aktuell im Amt heißt der Minister Christian Lindner von der FDP. Diese Woche ist seine Woche, denn am Mittwoch legt er seinen mehrfach verschobenen Haushalt vor. Die Schuldenbremse wird wohl eingehalten, allerdings besteht fürs Wahljahr 2025 und die folgenden Jahre noch eine Lücke. So weit, so gut oder weniger gut – könnte man meinen. Jetzt muss halt der Bundestag beschließen. Er hat das Etatrecht. Und dann ist es gut.

Christian Lindner allerdings macht auf einem Internetportal als weitere Botschaft zeitgleich deutlich, wie rückständig er denkt. Deutschland habe das Potenzial zur Champions League, sagt er dort, könne aber schnell in der zweiten Liga landen, wenn weiter mehr über die Viertagewoche und neue Subventionen als über Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit geredet werde.

Büro aus Bielefeld zeigt moderne Arbeitswelt

Das ist reichlich neoliberal, oder besser ziemlich rückständig alt-liberal und jedenfalls nicht Champions League, wie etwa ein Blick nach – sagen wir – Bielefeld zeigt: Dort stellt ein mittelständisches Beraterbüro gerade die Arbeitszeit für seine Mitarbeiter um. Auf die Vier-Tage-Woche. Bei vollem Lohnausgleich. Ab September ist jeder Freitag frei, die Arbeitszeit schrumpft von 40 auf 35 Stunden. Pikantes Detail in Richtung Lindner: Es handelt sich um ein Steuerberater-Büro.

Die Arbeitswelt von heute und morgen ist eben nicht mehr die der ewig gestrigen Neoliberalen. Deutschland, die deutsche Wirtschaft, die deutschen Unternehmen brauchen neues Denken und einen neuen Blick auf diese Gesellschaft. Arbeitskraft wird ein gefragtes Gut. Arbeit geben werden künftig diejenigen, die sie zur Verfügung stellen. Arbeitnehmer werden diejenigen sein, die diese Arbeit mit einem attraktiven Angebot einkaufen müssen. Mit Geld, ja. Aber Geld allein reicht nicht. Auch Vier-Tage-Woche oder Homeoffice oder beide gewinnen an Bedeutung. Das ist die Herausforderung einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Sie war es schon vor Putins verbrecherischem Ukraine-Krieg. Sie wird es danach erst recht sein.

Es ist ein Fehler, dies zu verdrängen, wie der Alt-Liberale Christian Lindner es offenbar tut. Man hätte mehr von dem noch jungen FDP-Chef erwartet. Die Champions League gewinnt man so nicht.

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