Auch wenn Brasiliens Präsident Lula da Silva versicherte, dass sich die in der Brics-Gruppe vereinigten Länder nicht gegen andere Organisationen stellen, sondern als der „Globale Süden“ organisieren wollen, so ließ Russlands Präsident Wladimir Putin keinen Zweifel daran, dass es im Prinzip gegen den Westen geht. In seiner per Video übertragenen Rede auf dem Gipfeltreffen der Brics-Staaten in Südafrika beschwor Putin die Größe und Stärke der Länder und betonte, man sei auf bestem Wege, die Wünsche des größten Teils der Weltbevölkerung zu erfüllen.
Tatsächlich repräsentieren die fünf Volkswirtschaften Brasiliens, Russlands, Indiens, Chinas und Südafrikas inzwischen gut 40 Prozent der Weltbevölkerung, und im Jahr 2022 betrug der Anteil der Brics-Staaten am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt insgesamt über 31 Prozent. Tendenz weiter steigend...
Abgesehen davon, dass Lulas Beschreibung vom „Globalen Süden“ rein geografisch betrachtet weder auf China noch auf Russland zutrifft, stellt die Organisation sehr wohl einen Gegenpol zu den westlichen G7-Ländern mit der Weltmacht USA an der Spitze dar.
Gegen die Vorherrschaft der USA
Wenn es auch viele unterschiedliche Interessen in der Brics-Gruppe gibt, so eint die Vertreter beim Treffen in der Wirtschaftsmetropole Johannesburg ein Regierungsstil, der von autoritär bis totalitär reicht und eine Politik, die darauf abzielt, die „Vorherrschaft der Amerikaner auf der Welt“ zu brechen. Putin bezeichnet seinen brutalen Angriffskrieg in der Ukraine ganz offen als Kampf gegen die Nato und gegen das weitere Vordringen der USA in den russischen Herrschaftsbereich.
Es ist bedauerlich, dass der Westen es nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989/90 nicht geschafft hat, die Mehrheit der Länder dieser Erde in ein Modell gemeinsamen Vorwärtsschreitens zu integrieren. Nur ein Beispiel schwerer Fehler ist der von den USA angeführte Irak-Krieg 2003 mit dem Versuch, die Tyrannei zu entwurzeln, einen Regimewechsel in Bagdad herbeizuführen und die Demokratie zu exportieren.
Dahinter stand die Hoffnung, der Irak könnte positiv auf umliegende Nachbarländer abstrahlen. Es kam alles anders, und der 2011 in einem Desaster zu Ende gegangene „Arabische Frühling“ bot auch Putin einen willkommenen Anlass, sich ebenfalls vom Westen abzuwenden und fortan zurück in Richtung Zarismus und Stalinismus zu marschieren.
Gegenentwurf zu westlichen Bündnissen
Doch auch der Kreml braucht Verbündete auf der Welt, wenn er die geopolitische und wirtschaftliche Dominanz des Westens schwächen will. Die Brics-Staaten bringen da ein gewisses Gewicht in die Waagschale, und Brasiliens Lula formuliert ganz selbstbewusst: „Wir sind wichtig in der globalen Debatte und sitzen gleichberechtigt mit der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten am Verhandlungstisch.“
Es hat seine Gründe, dass eine Art Gegenentwurf zu den elitären westlichen Bündnissen eine Anziehungskraft auf Ländern ausübt, die aus unterschiedlichen Gründen nicht „dazugehören“, aber dennoch Anbindung suchen. Wie anders ist es zu erklären, dass etwa Argentinien, Saudi-Arabien, Algerien, Ägypten, Iran, Kuwait, Venezuela und Bangladesch Interesse bekundet haben, Brics-Mitglieder zu werden.
„Je mehr, desto besser“, wird sich Putin sagen, dem für sein Projekt einer „multipolare Weltordnung ohne eine Vormachtstellung der USA“ jede Unterstützung Recht ist. Und auch für China bietet Johannesburg eine Bühne, um sich selbst mehr ins Zentrum der Weltordnung zu rücken. Der Westen muss die Brics-Gruppe (noch) nicht fürchten, sollte sie aber auch nicht unterschätzen. Überzeugen kann nur, wer jeden Tag vorlebt, dass er tatsächlich das bessere System hat.