Brüssel/Höxter. In der Europäischen Union sind derzeit 821 Banden mit über 25.000 Mitgliedern aktiv, die von Europol zu den gefährlichsten kriminellen Netzwerken zählen. Das geht aus einem Bericht der europäischen Polizeibehörde hervor. Auch Deutschland ist von den kriminellen Machenschaften betroffen. Ermittler zählten im vergangenen Jahr fast 300 Mafia-Mitglieder in NRW. Auch in Ostwestfalen sind Bandenmitglieder aktiv. „Wir wissen, wer sie sind, wie sie organisiert sind, in welche kriminellen Geschäfte sie involviert sind, wie und wo sie operieren, mit wem sie zusammenarbeiten und wie sie versuchen, die Polizei auszutricksen“, sagte Europol-Direktorin Catherine De Bolle. Jedes zweite Bandennetzwerk ist der Analyse zufolge in Drogendeals verwickelt, ein Drittel konzentriere sich ausschließlich auf den Drogenhandel. „Der illegale Drogenmarkt ist eine der wichtigsten Ursachen für Gewalt und das Einkommen der Banden“, sagte die belgische Innenministerin Annelies Verlinden. Der Drogenhandel findet am häufigsten in Belgien, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Spanien statt. Um Drogen geht es auch in einem Fall mit Bezug nach OWL. Anfang des vergangenen Jahres fand die Polizei bei einem Routineeinsatz in einer Höxteraner Wohnung fast 150 Kilo Marihuana. Der tatverdächtige Gastronom, der in Höxter ein Restaurant betreibt und in Kassel gemeldet ist, muss sich nun vor dem Paderborner Landgericht verantworten. Ermittler der Polizei stellten schnell eine Verbindung zwischen den Drogen und der kalabrischen Mafia, der Ndrangheta, her - der Beschuldigte bestreitet den Zusammenhang aber bislang. Der mächtige Familienclan aus Italien wird in dem Europol-Bericht als Beispiel aufgeführt - und ist schon seit den 1990er-Jahren in Ostwestfalen-Lippe aktiv. „Zombie-Droge“ auf dem Vormarsch Ermittlungen, wie die in Höxter, sind keine Einzelfälle: Bei den kriminellen Netzwerken gehe es fast immer um Kokain, in einigen anderen Fällen auch um synthetische Drogen und Cannabis. „Wir beobachten, dass immer gefährlichere synthetische Drogen Europa überschwemmen“, sagte Belgiens Justizminister Paul Van Tigchelt. Die sogenannte Zombie-Droge tauche in Belgien und anderen EU-Ländern immer häufiger auf. Dabei handelt es sich um Xylazin, ein in der Tiermedizin häufig verwendetes Beruhigungsmittel. Weitere häufige Verbrechen sind Betrug und Diebstahl, in Deutschland vor allem Online-Betrug und Auto-Diebstahl, Einbrüche, Menschenhandel sowie der Schmuggel von Migranten. Beim Diebstahl von Fahrzeugen mischen vor allem deutsche Banden mit. Der Bericht zeigt erstmals das Ausmaß der Bandenkriminalität in Europa. Alle EU-Mitgliedstaaten und 17 Partnerländer von Europol haben dafür Daten bereitgestellt. Die kriminellen Netzwerke erstrecken sich demnach in den meisten Fällen über zwei bis sieben Länder, sodass eine enge Zusammenarbeit der nationalen Polizeibehörden und Europol notwendig ist. Die Verwendung von verschlüsselten Handys und Chats erschwert die Arbeit der Polizei. „Der Einsatz Künstlicher Intelligenz könnte Kriminellen künftig den Einsatz von Gegenmaßnahmen weiter erleichtern“, so Europol. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte mehr Befugnisse für die europäische Polizeibehörde. „Aus unserer Sicht sehr wichtig ist es, dass Europol für eine verbesserte, wirksamere Kriminalitätsbekämpfung, auch mit Blick auf die Bandenkriminalität, operativ tätig werden kann“, sagte der GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke gegenüber dieser Redaktion. „Die Europol-Analyse macht deutlich, dass sich Europa polizeilich von seinen Grenzen lösen muss.“ Zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Polizeiarbeit in Europa forderte er die gezielte Förderung von Leuchtturmprojekten, wie der transnationalen Deutsch-Französische Einsatzeinheit. Jugendliche oft in Drogenhandel verwickelt Immer häufiger spielen sich die kriminellen Handlungen in der Öffentlichkeit ab und gefährden die Sicherheit der Bevölkerung, sagte die belgische Innenministerin. Dem Bericht zufolge haben vor allem drogenbedingte Gewaltdelikte und Machtkämpfe auf den Straßen vieler EU-Städte zugenommen. Zudem würden mehr Menschen Opfer von Betrug und anderen Delikten werden. Um einer Strafverfolgung zu entgehen, missbrauchen die Banden häufig Jugendliche für den Drogenhandel und andere kriminelle Aktivitäten. Die größten Gruppen sind Europol zufolge hierarchisch strukturiert und basieren auf Familien oder Clans. Um unentdeckt zu bleiben, operieren 86 Prozent der gefährlichsten Banden über legale Unternehmen, sagte die Europol-Chefin. Dazu infiltrierten sie entweder große Konzerne, um in ihrem Schatten Straftaten zu begehen oder sie würden eigene Unternehmen gründen, um Geld aus kriminellen Aktivitäten zu waschen. Korruption und Gewalt stünden an der Tagesordnung. „Es gibt fast keinen Akteur im Bereich der schweren und organisierten Kriminalität, der nicht irgendwie mit der legalen Wirtschaft verbunden ist“, heißt es im Bericht. Vor allem in der Baubranche, dem Gastgewerbe und der Logistik, also Transport- und Im- und Exportunternehmen, würden häufig unterwandert werden. Besonders ausgeprägt seien diese legalen Strukturen bei alteingesessenen Banden. Dadurch gelingt es ihnen auch leichter, unter dem Radar der Behörden zu bleiben, sagte De Bolle. Häufig würden die Gewinne aus dem Drogenhandel in Immobilien, Supermärkte und Hotels in ganz Europa investiert. Maßnahmen zur Bekämpfung krimineller Netze Die meisten Bandennetzwerke haben Mitglieder aus einer Vielzahl an Staaten. Die wichtigsten Nationalitäten sind Albanien, Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande, Polen, Spanien, die Türkei und die Ukraine. In osteuropäischen Banden sind häufig Polen und Ukrainer die Führungsmitglieder. Doch es gebe häufig auch Verbindungen nach Russland. „Auf europäischer Ebene bedarf es verstärkter Anstrengungen zur Verbesserung der Zusammenarbeit und zur Schaffung einheitlicher Instrumente sowie eines leichteren Informations- und Datenaustauschs für die nationalen Polizeibehörden“, sagte GdP-Bundesvorsitzende Kopelke. Er forderte zudem eine europäische Schwerpunktsetzung auf die Bekämpfung von Waffenschmuggel, illegalem Drogenhandel, Cybercrime, sexuellem Kindesmissbrauch und Menschenhandel. mit Material der AFP