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Meinung

Trumps verleumderischer Tiefflug

Der Moment des stillen Gedenkens, zu dem Donald Trump eingangs aufgerufen hatte, dauerte nicht lange. Kaum hatte sich der Präsident zum ersten Mal in der neuen Amtszeit hinter dem Rednerpult im Briefing Room des Weißen Hauses warm geredet, da war der alte Wüterich wieder da – nur in einer noch enthemmteren Version: Während keine fünf Kilometer entfernt noch die Leichen des schlimmsten Flugzeugunglücks der jüngeren US-Geschichte aus dem Potomac-Fluss gezogen wurden, bepöbelte Trump seine Vorgänger und sprach Schuldzuweisungen aus.

Tatsächlich wissen die Behörden bislang absolut nichts über die Gründe der verheerenden Kollision mit vermutlich 67 Toten. Doch Trump, der schon nachts über einen Fehler des Hubschrauberpiloten fabuliert hatte, legt nun eine neue Erzählung vor. Demnach soll die „woke“ Politik der Obama- und Biden-Regierung, die die Beschäftigung von nicht-weißen, nicht-männlichen und behinderten Menschen förderte, die Katastrophe verursacht haben, weil dadurch angeblich minderqualifizierte Personen als Fluglotsen eingestellt wurden.

Diese demagogische Verleumdung ganzer Personengruppen ohne Belege in einer Zeit der nationalen Trauer lässt nicht nur jeden menschlichen Anstand und Respekt vor dem Amt vermissen. Sie widerspricht auch eklatant dem „gesunden Menschenverstand“, auf den sich der Präsident zur vermeintlichen Begründung beruft: In den vergangenen 15 Jahren ist nämlich keine einzige Passagiermaschine in den USA abgestürzt.

Trump interessiert sich nur für sich selbst

Trump will das Land nicht einen, die Hinterbliebenen nicht trösten und schon gar nicht die wirklichen Hintergründe der Katastrophe aufklären. Ihn interessiert auch angesichts des Todes von Dutzenden Menschen nur einer: er selbst. „Nicht gut!“, hatte er schon um Mitternacht den Absturz kommentiert – vor allem für Donald Trump. Der fühlt sich nämlich in seiner triumphalen Auftakt-Inszenierung gestört: Jeden Abend sollen Bilder eines entschlossenen Machthabers, der immer neue Dekrete unterzeichnet, die Nachrichten beherrschen. Die bedrückenden Aufnahmen der Wrackteile des Flugzeugs passen nicht zu diesem Siegesrausch.

Das absurde Einprügeln auf die „woke“ Politik soll nun die eigene Basis bei Laune halten – und von einer Debatte über mögliche eigene Fehler ablenken. Wesentlich aktueller als Obamas Politik hat nämlich Trumps Disruptionskurs die öffentliche Verwaltung der USA erschüttert. Gleich zum Amtsbeginn hat Präsidentenberater Elon Musk den Direktor der Luftfahrtbehörde FAA zur Kündigung genötigt. Seither hat die US-Flugaufsicht keinen regulären Chef mehr. Dann stellte Trump abrupt und ohne irgendwelche Vorbereitung sämtliche Zahlungen des Bundes ein. Und schließlich hat er in den Behörden eine regelrechte Säuberungsaktion eingeleitet, bei der politisch Andersdenkende offen aus ihren Jobs gedrängt werden.

Niemand weiß, ob Personalengpässe oder die gegenwärtige Unruhe unter den Staatsdienern irgendetwas mit dem Unglück zu tun hat. Aber viele Passagiere würden sich beim nächsten Flug deutlich sicherer fühlen, wenn sie wüssten, dass ihre Regierung die Interessen aller Bürger vertritt und das Personal im Kontrollturm seine extrem verantwortungsvolle Aufgabe nicht unter permanenter Angst vor einer politisch motivierten Kündigung ausführen muss.

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