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Telemedizin

Hausarztmangel: Welche Chance bieten digitale Assistenten?

Die digitale mobile Außenstelle des Hausarztes Stefan Spieren aus dem Sauerland passt in einen Rucksack: ein Tablet, ein Blutentnahme-Set, ein kleines EKG, eine Waage, eine kleine Kamera für die Hals- oder Ohrenuntersuchung, weitere Messgeräte.

Nur der Hausarzt selbst kommt erst später ins Spiel. Die Untersuchungen am Patienten vor Ort, den ersten Gesprächskontakt, Blutentnahmen und Messungen übernimmt in einem Modellprojekt der Techniker Krankenkasse im Sauerland ein sogenannter digitaler hausärztlicher Versorgungsassistent, kurz Dihva. Gerade in ländlichen Regionen soll so eine immer knapper werdende Ressource geschont werden: die Zeit des Hausarztes.

Wie drängend ist das Problem?

In Olpe sind mehrere digitale Assistenten im Einsatz, um die Hausärzte in der Region zu entlasten. - © Bernd Thissen/dpa
In Olpe sind mehrere digitale Assistenten im Einsatz, um die Hausärzte in der Region zu entlasten. (© Bernd Thissen/dpa)

In Teilen des Sauerlands, der Eifel oder Ostwestfalens ist der Hausärztemangel auch in NRW bereits jetzt deutlich zu spüren: Praxen finden keinen Nachfolger, weil sich zu wenige Mediziner für den Beruf des Landarztes entscheiden. In den kommenden Jahren droht sich die Unterversorgung mancherorts zu verschärfen: Allein in Westfalen und Lippe sind von zehn Hausärzten und Hausärztinnen vier bereits 60 Jahre oder älter. Der Mangel trifft dabei auf eine immer älter werdende Gesellschaft mit mehr chronisch Kranken und Hochaltrigen, was einen höheren Bedarf an medizinischer Versorgung mit sich bringt.

Wie kann hier Telemedizin helfen?

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (rechts) informierte sich vor Ort über den innovativen Ansatz. - © Bernd Thissen/dpa
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (rechts) informierte sich vor Ort über den innovativen Ansatz. (© Bernd Thissen/dpa)

Wo es weder kurzfristig noch mittelfristig gelingt, Hausärzte anzusiedeln, müssen verbleibende Kollegen mehr Patienten versorgen. Mit telemedizinischen Ansätzen verknüpft sich in diesem Zusammenhang eine große Hoffnung: Gelingt es damit, medizinische Expertise über digitale Möglichkeiten auch in entlegenere Winkel zu bringen, können Wege- und Wartezeiten gespart und medizinische Leistungen effizienter erbracht werden.

Das häufigste telemedizinische Behandlungselement in Hausarztpraxen dürfte inzwischen die Videosprechstunde sein: 2023 entfielen laut Zentralinstitut kassenärztliche Versorgung gut die Hälfte aller 2,7 bundesweit abgerechneten Videosprechstunden auf die hausärztliche Versorgung.

Und wie funktioniert das Pilotprojekt Dihva?

Den digitalen hausärztlichen Versorgungsassistenten hat der Hausarzt Stefan Spieren gemeinsam mit dem Psychologen Stefan Baasner erfunden - der in ersten Pilotversuchen die neue Rolle entwickelte. Ihnen sei es wichtig gewesen, den Zugang in den Job möglichst niedrigschwellig zu gestalten: Ebenfalls knappes Fachpersonal werde in den Praxen gebraucht, erklärt Baasner. Man wolle die Arzthelferinnen nicht aus der Praxis «rausqualifizieren».

«Im Prinzip kann sich jeder in vier Monaten zur Dihva ausbilden lassen», sagt er. 50 diagnostische Werte kann der Assistent erfassen - Künstliche Intelligenz sagt ihm, was er angesichts der Beschwerden des Patienten sinnvollerweise untersucht. Im Anschluss übermittelt er die Angaben des Patienten, Bilder und Laborwerte an einen Hausarzt. In einer Videosprechstunde oder einem Telefonat mit dem Patienten stellt der Mediziner anschließend die Diagnose - oder lädt im Akutfall in seine Praxis.

Bislang richtet sich das von der Techniker Krankenkasse finanzierte Projekt vorrangig an Mitglieder. «Wir weisen aber niemanden ab», so Spieren. Gespräche mit weiteren Krankenkassen liefen. In NRW ist seit Herbst bereits eine Dihva im ostwestfälischen Borchen in einer aufgegebenen Hausarztpraxis im Einsatz. Denkbare Standorte für die mobile Dihva-Außenstelle der Praxen seien aber auch Apotheken, Pflegeheime oder von Kommunen zur Verfügung gestellte Räume, sagen die Initiatoren aus Olpe.

Hausärzteverbände setzen auf Qualifizierung des Praxispersonals

Auch die Hausärzteverbände in Westfalen-Lippe und Nordrhein machen sich stark dafür, Hausärzte zu entlasten, indem sie Arbeitsschritte auslagern. Im Modell der sogenannten Teampraxis wird dabei stark auf die Weiterqualifizierung vorhandenen Praxispersonals gesetzt, damit Ärzte ihnen immer anspruchsvollere Aufgaben übertragen können. So könne eine an der Hochschule zur Primary Care Managerin ausgebildete Fachkraft in seiner Praxis inzwischen Sprechstunden übernehmen oder zu Hausbesuchen fahren, berichtet Lars Rettstadt, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe.

Im Vergleich dazu müsse sich der tatsächliche Mehrwert der digitalen Versorgungsassistenten noch zeigen: «Natürlich kann so etwas ein sinnvoller Baustein sein, gerade wenn Patienten sich weite Wege sparen können. Aber ich frage mich, wo die Entlastung für den Hausarzt ist, wenn er die Sprechstunde danach trotzdem macht.» Manchmal, so fürchtet Rettstadt, hofften Krankenkassen mit ihren Projekten vor allem Kosten für gut ausgebildetes Personal sparen zu können.

Technik ist aus seiner Sicht nicht unbedingt der Schlüssel. Seine bisherige Erfahrung mit Rucksäcken voller diagnostischem Gerät: «Das ist viel zu umständlich.» Gerade im Hausarztteam gehe es viel um Empathie, berichtet er: «Manchmal weiß ich einfach durch Zuhören: Ich muss kein EKG machen, die Thoraxschmerzen meines Patienten sind damit begründet, dass sich gerade seine Freundin von ihm getrennt hat.»

Modellprojekt aus der Eifel konzentriert sich auf Pflegeheime

Dass die Kombination von Telemedizin und Delegation an Dritte erfolgreich sein kann, zeigt exemplarisch ein preisgekröntes Projekt aus dem Kreis Euskirchen, das 2023 in Zusammenarbeit mit der Krankenkasse AOK entstand. In einigen ländlich gelegenen Alten- und Pflegeheimen des Eifelkreises waren die Hausarzt-Kapazitäten teilweise so knapp, dass dort keine neuen Bewohnerinnen und Bewohner mehr aufgenommen werden konnten.

Ausgestattet mit technischem Gerät schließt das Pflegepersonal selbst die Lücke: Pflegende können einige Gesundheitsdaten nun selbst erheben und vor einer folgenden Televisite mit einem dazugeschalteten Hausarzt an diesen übermitteln.

Viele Modellprojekte kommen bislang nicht in der Breite an

Und doch: Trotz großer Erwartungen an die Telemedizin und Digitalisierung schaffen viele Modellprojekte bislang nicht den Sprung in die Breite der Versorgungslandschaft, schreiben die Experten im Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr. Dies deute darauf hin, dass rechtliche, technische, organisatorische oder finanzielle Barrieren fortbestünden. Möglicherweise werde aber auch das Potenzial der Technik überschätzt, so die Experten.

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