ARD schießt ein Eigentor

Tilmann P. Gangloff

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Bielefeld. In der letzten Woche haben sich zwei denkwürdige Ereignisse zugetragen: Ausgerechnet der große FC Bayern hat für das schnellste Eigentor in der Geschichte der Fußballbundesliga gesorgt; kurz zuvor war bekannt geworden, dass sich auch die ARD ein klassisches Eigentor geleistet hat.

Anlass einer Debatte, die sich in den einschlägigen Internetportalen längst zu einem sogenannten Shitstorm entwickelt hat, ist ein Gutachten von Elisabeth Wehling. Die in den letzten Jahren vielgebuchte Sprachwissenschaftlerin gilt als Expertin für „Framing". Der Begriff umschreibt nichts anderes als die Tatsache, dass eine Botschaft immer nur so gut ankommt wie ihre Verpackung und dass die Wahrnehmung eines Bildes ganz wesentlich durch seinen Rahmen („frame") beeinflusst wird.

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Originalton

Wer das Framing-Gutachten lesen möchte, findet es im Netz unter https://netzpolitik.org. Die Betreiber dieser Plattform engagieren sich für digitale Freiheitsrechte und deren politische Umsetzung.

Ältere werden sich noch an die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung erinnern, als der bittere Impfstoff auf ein Stück Zucker geträufelt wurde. „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam" lautete der entsprechende Slogan in den 60er-Jahren; Framing macht nichts anderes.

Wie letzte Woche bekannt wurde, hat die ARD Wehlings Berkeley International Framing Institute um ein Gutachten zu einem Thema gebeten, das sich in gewisser Weise mit der Schluckimpfung vergleichen lässt: Viele Menschen sehen nicht ein, warum sie ihren monatlichen Rundfunkbeitrag leisten sollen; die einen, weil sie ARD oder ZDF nie oder nur selten nutzen, die anderen, weil sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gemeinsam mit Qualitätszeitungen und anspruchsvollen Nachrichtenmagazinen pauschal als „Lügenpresse" titulieren.

Wehling sollte Mittel und Wege finden, wie man zumindest jene, die durch Argumente noch zu erreichen sind, vom Wert der ARD überzeugen könne. Die Linguistin hat eine im Grunde naheliegende Antwort gefunden: Um den Mehrwert des Programms zu verdeutlichen, müsse die Kommunikation „immer in Form von moralischen Argumenten stattfinden" und betonen, warum die ARD gut, wichtig und richtig sei. Sie hätte auch Platon zitieren oder auf die Inschrift am Portal der Alten Oper in Frankfurt verweisen können, die sich auf den Philosophen bezieht: „Dem Wahren Schoenen Guten".

Die Überlegung, wie sich die Vorzüge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit Hilfe der Framing-Theorie besser kommunizieren ließen, ist erstmal nicht ehrenrührig. Es lassen sich ja durchaus viele gute Argumente für ARD und ZDF finden, und neben der Werbung ist eine kluge und fundierte Kommunikation der Unternehmensziele ein in Wirtschaft und Politik völlig legitimes Mittel der Außendarstellung.

Zum klassischen Eigentor wird das Gutachten, weil viele von Wehlings Formulierungen ähnlich halbseiden wirken wie ihr Verhältnis zur korrekten Interpunktion.

Mit entsprechender Häme versorgen rechte Web-Seiten ihre Leser mit entsprechenden Zitaten; ausgerechnet jene, die sich schon lange auf das öffentlich-rechtliche System einschießen, sind von der ARD nun auch noch mit der nötigen Munition versorgt worden. Dass sich diese Portale nicht um Details scheren, liegt in der Natur der Sache. So wird unter anderem der Eindruck erweckt, als gebe das Gutachten eine Strategie vor, um die Öffentlichkeit zu manipulieren, und sei zudem eine Verhaltensanweisung für ARD-Mitarbeiter.

ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab betont jedoch in einem Interview, dass es sich lediglich um eine Diskussionsgrundlage zur Sensibilisierung bei der Verwendung von Sprache und Sprachbildern handle. Laut Pfab habe die Sprachforscherin aus wissenschaftlicher Sicht analysieren sollen, „wie Dritte über uns reden und wie wir selbst über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommunizieren." Letztlich geht es also offenbar um die Frage, wie man Schlagwörtern wie „Zwangsgebühren" und „Systemmedien" begegnen kann.

Womöglich noch folgenreicher als das Gutachten selbst ist die Geheimniskrämerei der ARD. Offiziell heißt es, man habe das knapp 90-seitige Schriftstück, das mit einigen kruden Slogans endet („Gutes sehen statt Brot und Spiele fürs Volk"), aus urheberrechtlichen Gründen nicht veröffentlichen können.

Auch dieser Schuss ist nach hinten losgegangen und gibt den ohnehin gerade in rechten Kreisen weit verbreiteten Verschwörungstheorien neue Nahrung. Womöglich hat das Bemühen, den Vorgang unter der Decke zu halten, einen ganz anderen Grund: weil sich die ARD nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, für ein sprachlich mitunter holpriges und inhaltlich in Teilen fragwürdiges Pamphlet eine größere Summe ausgegeben zu haben.

Vielleicht war den Verantwortlichen auch klar, wie sehr man sich angreifbar machen würde, wenn man dem Rat folgt, weniger auf Fakten und mehr auf Gefühl zu setzen.

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