Missbrauchs-Opfer treten als Nebenkläger auf

Carolin Brokmann

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Abtransport: Die letzten Mulden nach dem Abriss der Baracke von Andreas V. werden vom Campingplatz gefahren. - © Torben Gocke
Abtransport: Die letzten Mulden nach dem Abriss der Baracke von Andreas V. werden vom Campingplatz gefahren. (© Torben Gocke)

Lügde. Im Fall des Missbrauchs auf dem Campingplatz „Eichwald" haben sich bislang 14 mutmaßliche Opfer als Nebenkläger gemeldet, bestätigt Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Ihnen stehen dadurch besondere Rechte zu, etwa eigene Fragen und Beweisanträge zu stellen.

Laut Vetter sei es gut möglich, dass noch mehr mutmaßliche Opfer als Nebenkläger im Prozess auftreten werden. Mindestens 40 Kinder und Jugendliche sollen vom Hauptbeschuldigten Andreas V. und seinen Komplizen über Jahre hinweg auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen missbraucht worden sein. Als Geschädigte kommen sie in diesem Fall nicht nur als Zeugen, sondern auch als Nebenkläger in Betracht.

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Nebenkläger haben mehr Rechte als Zeugen

„Nebenkläger haben deutlich mehr Rechte als Zeugen", erklärt Vetter. Sie dürfen während der gesamten Verhandlung im Gerichtssaal anwesend sein – auch wenn sie meist bis zu ihrer eigenen Vernehmung gebeten würden, auf die Anwesenheit zu verzichten. Außerdem dürfen Nebenkläger Zeugen befragen und zum Schluss selbst plädieren. Selbst Rechtsmittel, etwa das Einlegen einer Revision bei Freispruch des Angeklagten, stehe ihnen zu. Einige Nebenkläger seien laut Vetter in solchen Fällen persönlich anwesend, und wollen „dem Angeklagten in die Augen schauen." Viele jedoch ließen sich durch einen Anwalt vertreten. Das werde auch in diesem Fall erwartet.

Geständnisse ersparen den Opfern eine Aussage vor Gericht

Peter Wüller ist Rechtsanwalt in Bielefeld und wird vier der mutmaßlich missbrauchten Kinder vertreten. Seine Mandaten seien zwischen fünf und 13 Jahren alt. „Für alle Beteiligten wäre es besser, die Beschuldigten geben ihre Taten zu und tragen so zur Aufklärung des Sachverhalts bei." So könnten die Kinder geschont werden und müssten nicht noch als Zeugen vor Gericht aussagen. Auch die Videos von den Taten müssten dann nicht angeschaut werden. „Das ist schwerer Tobak", sagt Wüller, das wolle keiner der Beteiligten sehen.

Von den drei Beschuldigten hat bisher nur einer im Ermittlungsverfahren gestanden: Heiko V. hat zugegeben per Videochat beim Missbrauch zugesehen zu haben. Auch Oberstaatsanwalt Ralf Vetter hoffe, den Kindern eine weitere Befragung ersparen zu können. Schließlich sind die mutmaßlichen Opfer bereits eingehend von der Polizei vernommen worden. Es wäre „eine Katastrophe", wenn sie die Geschehnisse immer weiter durchleben müssten.

Erneut Datenträger entdeckt

Die bereits vorliegenden Aussagen der Kinder hält die Staatsanwaltschaft laut einer Pressemitteilung für wichtiger als die bei den Verdächtigen gefundenen CDs, DVDs und Festplatten. Insgesamt 15 Terabyte an Daten haben die Ermittler bislang gesammelt, die immer noch ausgewertet werden. Von den Datenträgern, die aus den Räumen der Kreispolizei Lippe verschwunden sind, fehlt bislang weiter jede Spur.

„Skandalös" nennt Rechtsanwalt Peter Wüller auch die Tatsache, dass die Tatorte auf dem Campingplatz sechsmal durchsucht wurden und dabei anscheinend trotzdem nicht alles gefunden worden sei. Beim Abriss der Baracke des Hauptverdächtigen wurde weitere Datenträger entdeckt. „Gerade bei diesen Delikten muss jeder Stein zwei oder dreimal umgelegt werden", so Wüller.

Zügiger Abschluss der Ermittlungen

In einer erneuten Pressemitteilung erklärt die Staatsanwaltschaft Detmold, diese letzten Funde „überwiegend veralteter Datenträger ungeklärter Herkunft" besäßen keine Relevanz für das Ermittlungsverfahren. Sämtliche Funde und Feststellungen im Zusammenhang mit den Abrissarbeiten auf dem Campingplatz in Lügde seien von der Staatsanwaltschaft als „nicht beweiserheblich für das Verfahren" eingestuft worden.

Ebenso werde die Polizei hinsichtlich des Missbrauchs auf dem Campingplatz keine weiteren Ermittlungen durchführen, weder zu den zuletzt aufgefundenen Videokassetten und Datenträgern, noch zum festgestellten Geräteverschlag des Hauptbeschuldigten. Um das Ermittlungsverfahren zu einem zügig und sachgerecht abzuschließen, „werden sich Staatsanwaltschaft und Polizei auf die vorliegenden, sichergestellten und verfahrensrelevanten Beweise konzentrieren."

Kein weiterer Abriss

Ein Gerücht, demzufolge auch der Wohnwagen des Steinheimer Verdächtigen Mario S. abgerissen werden sollte, hatte sich bis Mittwoch Nachmittag nicht bestätigt. Die letzten Mulden von der abgerissenen Baracke des Hauptverdächtigen Andreas V. sind hingegen abtransportiert worden. Bei den Tatorten auf dem Campingplatz handelt es sich laut Staatsanwaltschaft nicht mehr um Einsatzorte, die weitere polizeiliche Maßnahmen erfordern. Die Tatorte hatte die Polizei hatte am 27. März freigegeben.

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