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BIELEFELD

Reportage über die Montagsmahner in Bielefeld

Hartnäckig protestieren seit sieben Jahren Demonstranten auf dem Jahnplatz gegen die Hartz-Gesetze

Peter Konopka steht am offenen Mikrofon der Montagsdemo auf dem Jahnplatz. Ihm geht es um die Würde für arme Menschen. Er kommt seit sieben Jahren zu der Veranstaltung. - © FOTO: BARBARA FRANKE
Peter Konopka steht am offenen Mikrofon der Montagsdemo auf dem Jahnplatz. Ihm geht es um die Würde für arme Menschen. Er kommt seit sieben Jahren zu der Veranstaltung. (© FOTO: BARBARA FRANKE)

Bielefeld. Norbert Ruppik ist eine Randerscheinung - und das seit sieben Jahren. Er lenkt einen Toyota langsam über den Jahnplatz in Bielefeld. Am Rand des Forum-Eingangs stellt er den Motor ab. Im Kofferraum steht eine Sackkarre, auf der eine selbst gebastelte Anlage montiert ist. Es ist Montagabend, kurz vor sechs Uhr. Ruppik wartet auf seine Mitstreiter. Seit 2005 kommt er an diesem Tag zu dieser Stelle. Er ist einer der Hartnäckigen, die gegen Hartz-Gesetze, Armen-Beschimpfung und Ungerechtigkeit demonstrieren.

Peter Konopka erscheint. Wie immer trägt er eine Schiebermütze. Konopka ist so etwas wie der Moderator der Montagsdemo. Er kann gut reden. Konopka ist Lehrer. Ruppik stöpselt die Kabel vom Mikrofon ein. Die mobile Anlage hat er selbst gebaut aus Verstärker, Batterien und Sackkarre. So ist die Demo-Gruppe autark.

"Die Konstruktion habe ich bei einem Straßenmusiker in Irland gesehen." Anfangs hatten sie einen Benzinbrenner, um Energie zu gewinnen. Das war ihnen irgendwie peinlich unökologisch. Den Strom vom Platz wollen sie nicht. Den anzuzapfen ist stressig und teuer. "Er ist privatisiert", sagt Konopka.

Ein "niedrigschwelliges Angebot"

Früher, also 2005, war die Montagsdemo eine echte Demonstration. Zu Hunderten zogen sie durch die Innenstadt gegen Hartz I bis IV. So etwas geht nicht ewig weiter. Also entstand die Protest-Form auf dem Jahnplatz, ein "niedrigschwelliges Angebot", wie Konopka im Sozialpädagogendeutsch erklärt. Es musste weitergehen. Hartz IV gibt es schließlich auch noch.

"Unser Aufwand ist sehr gering", sagt Konopka. Tatsächlich ist in fünf Minuten alles bereit. Am Toyota klemmt ein gelbes Tuch mit dem Satz: "Bielefelder Montagsaktion - Weg mit Hartz IV." Passanten verharren kurz, bleiben stehen und hören zu, manche drehen sich nur um, dann rennen sie weiter.

Die meisten Leute wollen wohl einkaufen; oder sie kommen von der Arbeit und müssen zu Bus und Bahn; oder sie interessieren sich nicht für Hartz IV. Ein paar bleiben. Jutta Burmeister zum Beispiel. Sie ist immer da, wegen solcher Sätze: "Lasst euch nicht erzählen, dass ihr nichts wert seid." Das ruft Konopka. Er meint all die, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Dann gibt er das Mikrofon frei. Jeder darf es nutzen.

"Michael mit der Mandoline" - so stellt ihn Konopka vor - steht bereit. Er singt und spielt. Im Text geht es um Bankenrettung, Umsatzsteuer, Staatsverschuldung, Scheingeschäfte und Scheindemokratie.

Eine Frau nimmt sich SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück vor, für sie ein Büttel des Kapitals. Begriffe fallen, die aus den Nachrichten bekannt sind: Armutsbericht, Rentenniveau, Rettungsschirm, Eurokrise.

"Menschen, die Hartz IV bekommen, sind keine Menschen zweiter Klasse"

Die Redner mahnen vor zu reichen Reichen, und sie mahnen vor zu armen Armen und deren Ächtung. "Man versucht, sie zu diskriminieren", sagt Karla Fischer. Das stört sie gewaltig. Schließlich könne es jeden treffen. "Menschen, die Hartz IV bekommen, sind keine Menschen zweiter Klasse."

Karla Fischer bekommt Hartz IV. Sie hat ihren Bürojob verloren, weil sie ersetzt wurde durch einen billigeren Angestellten.

Konopka, Ruppik und die anderen machen weiter. Jeden Montag. Immer weiter. Früher, sagen sie, hätten nicht einmal die Gewerkschaften mit ihnen reden wollen. Heute sei das anders. "Man sagt ja immer, dass sich die linken Gruppen gerne untereinander fetzen. Aber es ist eine tolle Geschichte, dass sie hier mittlerweile alle zusammen stehen können", sagt Konopka.

Er ist ungebrochen motiviert. "Wir sind stolz darauf, nicht einen Montag verpasst zu haben, außer, wenn sie Feiertage waren." Immer waren sie da: bei Regen, Schnee, Sonne; bei plus 35 Grad, bei minus 15 Grad. Immer. Sie wollen etwas verändern. Vor allem aber geht es ihnen um Würde für die, die am Rand stehen.

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