In Dörentrup untersuchen walisische Experten eine mächtige Wallburg

Marlen Grote

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Funde im Wald: (von links) Johannes Müller-Kissing mit den Experten der Cardiff University, Dr. Oliver Davis und Ian Dennis, Dozent für Grabungstechnik und Fundbearbeitung. Sie zeigen den Spinnwirtel, der auf der Fläche gefunden wurde. - © Marlen Grote
Funde im Wald: (von links) Johannes Müller-Kissing mit den Experten der Cardiff University, Dr. Oliver Davis und Ian Dennis, Dozent für Grabungstechnik und Fundbearbeitung. Sie zeigen den Spinnwirtel, der auf der Fläche gefunden wurde. (© Marlen Grote)

Dörentrup-Hillentrup. Oben auf dem Kleeberg graben sich Archäologen durch die Geschichte. Hier gab es um 300 vor Christus eine mächtige Wallanlage. Das Bauwerk steckt voller Rätsel, deren Lösung ein neues Licht auf die Geschichte Europas werfen könnte. Deshalb sind auch Wissenschaftler aus dem walisischen Cardiff vor Ort.

Für den Laien ist dort einfach nur Wald. Aber in dem Graben, den bereits die Archäologen der ersten Grabung in den 1930er Jahren angelegt haben, ist die alte Befestigung zu erkennen. „Hier kann etwas richtig Großes rauskommen", sagt Johannes Müller-Kissing, Archäologe des Lippischen Landesmuseums – und damit meint er nicht nur die Maße der Befestigung.

Rund zehn Hektar umfasst die Anlage auf dem Sporn des Kleebergs. Die Lage ist perfekt für eine Befestigung. Und was heute so abgelegen ist, lag damals geradezu zentral: Nicht weit von dem Vorsprung, der „Piepenkopf" genannt wird, führten zumindest im Mittelalter wichtige Handelswege entlang – und die könnten auch noch viel älter sein, sagt Johannes Müller-Kissing.

Keramikscherben, die auf die Zeit um 300 vor Christus datiert werden können, und ein Spinnwirtel, der zum Spinnen von Garn diente, sind im Inneren des Walls aufgetaucht. Daher vermuten die Wissenschaftler, dass sich innerhalb der Befestigung Wohngebäude befanden. Umgeben waren diese von einer 1,20 bis 1,50 Meter hohen Trockenmauer, die durch angeschüttete Erde nach innen verstärkt und nach außen durch einen flachen, neun Meter breiten Graben zusätzlich gesichert wurde.

Wer hier lebte und warum sich die mutmaßlichen Bewohner mit dieser Anlage umgaben, das wollen die Experten ergründen. Drei bis fünf Jahre soll das Projekt dauern, aber gegraben wird nur in den Sommermonaten – schon bei bestem Wetter ist der Weg hinauf zu der Wallburg eine Herausforderung.

Aber die Mühe lohnt sich, denn die Forscher wollen ein europaweites Rätsel lösen: In Deutschland, Großbritannien, Spanien und Frankreich tauchen solche Bauwerke zeitgleich auf: trutzige Wallanlagen auf Anhöhen, weithin sichtbar und wehrhaft. Es gebe aber keine Anzeichen dafür, dass Kriege der Grund dafür waren, sagt der walisische Experte für Höhenbefestigungen, Dr. Oliver Davis.

Waffen oder Teile von Rüstungen fänden sich kaum. Vielmehr könnten die Wälle und Gräben eine Art Statussymbol gewesen sein, oder sie dienten der Abschreckung möglicher Feinde. Sicher sei aber, dass unterschiedliche Kulturen in ganz Europa in dieser Zeit solche Anlagen bauten und dass sich die Menschen im Inneren damit gegen andere abgrenzten. Vielleicht, das sei eine These, lebte hier die Oberschicht der damaligen Gesellschaft, die aber auch unbekannt ist.

In Lippe könnten keltische und germanische Kulturen zusammengetroffen sein und sich vermischt haben. Aber das sind alles Vermutungen. „Im Vergleich mit mittelalterlichen Burgen wissen wir über diese Befestigungen fast nichts", sagt Müller-Kissing.

Deswegen sind die Experten aus Wales vor Ort, alle Mitarbeiter auf der Grabung sind walisische Studenten. Die Funde werden nach der Bergung nach Cardiff gebracht, dort analysiert und restauriert und dann nach Lippe zurückgeschickt. Zeitgleich findet, ebenfalls in Kooperation mit der Cardiff University, eine Grabung auf der Detmolder Grotenburg statt – eine ähnliche Anlage wie auf dem Kleeberg. Sieben davon sind in Lippe bekannt.

Damit ihre Geheimnisse enthüllt werden, sollen weitere Wissenschaftler an dem Projekt mitarbeiten. Das Landesmuseum hat dazu schon Gespräche mit der Ruhr-Universität Bochum geführt. Vielleicht bringen sie auf dem Kleeberg nicht nur Licht in die Geschichte der frühen Lipper, sondern in die Geschichte Europas.

Information
Die dritte Grabung auf dem Kleeberg

Seit 1920 ist die Lage der Wallanlage Piepenkopf bekannt, sagt Johannes Müller-Kissing. Erste Grabungen fanden in den 1930er Jahren statt. Einige Suchschnitte, die die Arbeiter damals quer durch die Anlage gruben, sind bis heute offen und wurden nie dokumentiert – der Krieg kam dazwischen. In den 1960er Jahren wurde die Anlage erneut untersucht, ihre Geheimnisse konnten aber nicht gelüftet werden. In den nächsten Jahren wollen die Archäologen an mehreren Stellen zwischen den Bäumen innerhalb der Wälle und an den Befestigungen selbst die Erde Schicht für Schicht abtragen. Sie hoffen auf Siedlungsspuren und alte Gegenstände, die Aufschluss geben über die Menschen, die hier vor mehr als 2.000 Jahren lebten.

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