Das kurze Leben eines Mastschweins in Lemgo

Martin Teschke

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Schweinemäster Friedrich-Wilhelm Meierjohann kontrolliert das Futter. - © Bernhard Preuss
Schweinemäster Friedrich-Wilhelm Meierjohann kontrolliert das Futter. (© Bernhard Preuss)

Lemgo-Voßheide. Die Haltung von Nutztieren erhitzt die Gemüter bisweilen mehr als alles andere. Die LZ wollte es genau wissen und hat den konventionellen Schweinemastbetrieb von Friedrich-Wilhelm Meierjohann in Lemgo besucht.

Wer einen der Ställe von Meierjohann im ländlichen Teil Lemgos betritt, dem fallen zwei Dinge auf: 150 bis 200 plötzlich unruhig werdende Tiere und ein beißender Geruch. "Das ist Ammoniak", sagt Meierjohann achselzuckend. Der Landwirt hat sich längst daran gewöhnt. Willi Hennebrüder nicht.

"Das ist für mich eine Zumutung", sagt Hennebrüder vom BUND Lemgo, der die LZ beim Besuch des Schweinemästers begleitet. "Das, was wir hier sehen, tendiert zu Massentierhaltung." Um den Kontrast zu verdeutlichen, hat Hennebrüder Fotos von vermeintlich glücklichen Schweinen eines Biobauern mitgebracht. Hennebrüders Tiere aalen sich auf Stroh gebettet draußen in der Sonne . Das erinnert in der Tat mehr an das Leben, wie wir es aus entsprechenden Fernsehserien und der "Landlust" kennen.

Meierjohann lächelt gequält. Er kann die Diskussionen schon nicht mehr hören. "Biologische Landwirtschaft ist eine Nische", sagt der Schweinemäster. "Selbst wenn ich zum Beispiel an Lippequalität verkaufen könnte, würden die mir höchstens 200 Tiere im Jahr abnehmen. Mehr gibt der Markt einfach nicht her."

Bauer Meierjohann rechnet in anderen Dimensionen. Er hat auf seinem Hof 3000 Mastplätze und verkauft pro Jahr 9000 Schweine. Sind die Tiere schlachtreif, werden sie direkt zu Westfleisch nach Paderborn gebracht. Dort wirbt man zum Beispiel auf der Homepage mit "Fleisch direkt von Bauern". Das ist zwar nicht falsch. Mit der Idylle, in der sich die einzelnen Bauern präsentieren, hat die Arbeit von Meierjohann allerdings nicht viel gemein.

"Ich muss die Tiere auf einem Spaltenboden halten", sagt Meierjohann. "Wenn ich die Schweine auf Stroh halten würde, bekäme ich keinen Cent zusätzlich, hätte aber viel mehr Arbeit und höhere Kosten." Knapp einen Quadratmeter hat solch ein Schwein Platz.

Bauer Meierjohann bewirtschaftet den Hof gemeinsam mit seiner Frau, einem Azubi und einer 450-Euro-Kraft. Er züchtet die Schweine nicht selbst. "Das wäre zu aufwendig", sagt er. Die so genannten Läufer, Ferkel mit einem Gewicht von etwa 25 Kilogramm, kauft er in Uelsen in der Grafschaft Bentheim ein. Einen lippischen Schweinezüchter, der seinen Anforderungen genügt, hat Meierjohann nach eigener Darstellung nicht gefunden.

Sind die jungen Schweine auf dem Hof in Lemgo angekommen, werden sie so lange gemästet, bis sie ein Gewicht von 125 Kilogramm erreicht haben. "Das dauert so etwa zweieinhalb bis drei Monate", sagt der Bauer. Dann treten die Schweine ihre letzte Reise an.

Die reine Fleischmenge, die in Lemgo produziert wird, deutet darauf hin, dass sich Meierjohann mit den Schweinen Jahr für Jahr eine goldene Nase verdient. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Nach Auskunft des Schweinemästers kostet ein 25 Kilo schwerer Läufer beim Züchter 65 Euro. Wenn er das gemästete Schwein an Westfleisch weiter verkauft, werden nicht die gesamten 125 Kilo Schwein abgegolten, sondern nur das schiere Fleisch. Das sind laut Meierjohann etwa 95 Kilogramm.

"Zurzeit sind die Fleischpreise absolut im Keller", ärgert sich der Bauer. "Ich bekomme nur noch 1,42 Euro pro Kilo." Pro Schwein erhält er nach dieser Rechnung also 135 Euro. Das entspricht einem Ertrag von 70 Euro pro Schwein. Multipliziert mit 9000 Schweinen ergäbe dies einen Gewinn von 630.000 Euro pro Jahr. "Das ist einfach nicht genug", sagt der Schweinemäster. "Nach Abzug der Kosten mache ich zurzeit ein Minus von zehn Euro pro Schwein."

In guten Zeiten erwirtschaftet er nach eigener Aussage immerhin ein Plus von zehn Euro pro Tier, also 90.000 Euro pro Jahr - wohlgemerkt in guten Zeiten. Doch die sind erst einmal nicht in Sicht. "Wir leiden als erste unter den internationalen Krisen", sagt der Bauer. Er spielt damit auf die schwierigen Handelsbeziehungen zu Russland an.

Als BUND-Mann Hennebrüder all dies hört, zeigt er zumindest Verständnis für Landwirt Meierjohann. "Ich sehe ja ein, dass man die Tiere bei solchen Preisen nicht auf Stroh oder sogar im Biobetrieb halten kann", sagt er. Hennebrüder sieht Bauer Meierjohann sogar auf einem guten Weg. Besonders beeindruckt hat ihn bei seinem Besuch, dass der konventionelle Landwirt versucht, weitgehend auf den Einsatz von Antibiotika zu verzichten. Meierjohann arbeitet im Fall einer Erkältung seiner Schweine nach eigener Aussage nämlich mit ätherischen Ölen und mit Schüssler-Salzen.

Hennebrüder will zwar seine Skepsis nicht grundsätzlich ablegen. "Irgendwoher müssen die 1600 Tonnen Antibiotika im Jahr für Tiere ja herkommen", sagt er. "Aber Herr Meierjohann bemüht sich immerhin." Eines kann man ihm aber nicht ausreden: "Es ist schon schrecklich mit anzusehen, wie die Tiere hier gehalten werden."

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