NRW holt hunderte Lehrer aus dem Ruhestand

Miriam Scharlibbe

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Der Beruf lockt zu wenig Nachwuchs an, Unterrichtsausfall wird zum wachsenden Problem in NRW. - © Pixabay.com
Der Beruf lockt zu wenig Nachwuchs an, Unterrichtsausfall wird zum wachsenden Problem in NRW. (© Pixabay.com)

Düsseldorf. Mehr als 900 ältere Lehrkräfte und Pensionäre haben im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen ihren Ruhestand verschoben oder sind für einige Stunden in den Schuldienst zurückgekehrt. Diese Zahlen hat Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) jetzt bekannt gegeben. Seit 2016 habe sich die Zahl älterer Fachkräfte, die auf diese Weise helfen, den Lehrermangel zu lindern, von 473 auf 917 nahezu verdoppelt. Das könnte auch daran liegen, dass es für den Sondereinsatz extra Geld gibt.

Mehr als 1.900 Lehrerstellen bleiben in NRW unbesetzt

Im vergangenen Jahr traten nach Angaben des NRW-Schulministeriums 818 Lehrkräfte (2016: 415) übergangsweise wieder in den Schuldienst ein, 99 weitere ältere Lehrer (2016: 58) verzichteten auf den eigentlich bevorstehenden regulären Eintritt in den Ruhestand und unterrichteten weiter. Gebauer bezeichnete den Einsatz und die Erfahrung der Älteren als „unschätzbaren Beitrag zur besseren Lehrerversorgung." Nach Angaben ihres Ministeriums blieben auch zum letzten Stichtag im Februar mehr als 1.900 Lehrerstellen in NRW unbesetzt. Insgesamt arbeiten aktuell 198.000 Lehrer im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland.

So sehr die zuständige Ministerin den Sondereinsatz auch lobt: Den aktuellen Zahlen stehe eine Vielzahl von Lehrern gegenüber, die das Angebot ausgeschlagen hätten, betont Dorothea Schäfer, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Nordrhein-Westfalen. "Das ist eine Notfallmaßnahme, die sicher ein bißchen gegen den Lehrermangel hilft, das kann aber keine Dauerlösung sein", so Schäfer.

Viele Lehrer freuen sich auch auf ihren Ruhestand

Sie sei froh über jede Unterrichtsstunde, die durch einen ausgebildeten Lehrer erteilt werde. "Darum ist diese Idee sicher besser, als wenn Studenten flächendeckend Vertretungsunterricht übernehmen." Viele Kollegen hätten auf den Appell der Ministerin aber bewusst nicht reagiert, weil sie sich nach einem langen Lehrerleben doch sehr auf den Ruhestand freuten. Zudem gebe es auch immer mehr Lehrer, die sogar früher in Rente gingen, als ursprünglich vorgesehen.

Die meisten älteren Lehrer, die zurück an die Schule gehen, seien noch nicht lange aus dem aktiven Dienst ausgeschieden, berichtet Schäfer. Zudem übernehme kaum einer eine volle Stelle, sondern immer nur wenige Fachstunden pro Woche. Daraus ergebe sich für die Schulen ein anderes Problem: "Lehrer haben viele Aufgaben, die über das reine Unterrichten hinausgehen", betont Schäfer. "Dazu gehören zum Beispiel die Klassenleitung oder Gespräche mit den Eltern. Das fällt weiterhin hintenrüber, auch wenn ältere Kollegen stundenweise aushelfen."

Grundsätzlich sollte der neue Trend nicht dazu führen, dass über eine weitere Anhebung der Altersgrenze diskutiert werde, sagt die GEW-Landeschefin. Aktuell gehen die meisten Lehrer mit 65 Jahren in Rente, schrittweise wird diese Grenze derzeit auf 67 angehoben.

"Das spiegelt wider, wie verzweifelt die Landesregierung ist"

Warnzeichen erkennt auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE): „Der Einsatz der Ruheständler zeugt von einem hohen Engagement der Lehrkräfte. Dass das Schulministerium auf diese Maßnahme setzt, spiegelt jedoch auch wider, wie verzweifelt die Landesregierung ist", sagt Stefan Behlau, Landesvorsitzender des VBE NRW. "Es müssen jetzt Maßnahmen umgesetzt werden, um das hausgemachte Problem zu lösen. Es ist kein Zufall, dass der Personalmangel besonders spürbar an genau den Schulformen ist, die eine deutlich geringere Einstiegsbesoldung bieten." Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit sei längst überfällig. Behlau: "Es ist allerhöchste Zeit, stärkere Anreize für den Beruf zu schaffen und die Studienkapazitäten noch stärker auszuweiten. Wir brauchen ausreichend originär ausgebildete Lehrkräfte."

Zu Beginn des laufenden Schuljahres hatte die Ministerin die Bedingungen für die Notlösung verbessert: Wer seine Dienstzeit verlängert, erhält nun einen Besoldungszuschlag von zehn Prozent auf das monatliche Grundgehalt. Für pensionierte Beamte, die stundenweise wieder arbeiten, ist die Hinzuverdienstgrenze ausgesetzt. Gebauer kündigte an, die eigentlich bis Ende 2019 befristete Maßnahme zu verlängern.

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