Lemgo. Irgendwann kommt wohl jeder einmal in die Situation, sich um eine Beerdigung kümmern zu müssen. Bei der Organisation tauchen viele Fragen auf. Eike Tiedemann ist Trauerrednerin und gibt in ihrem Buch „Das ist dann wohl die letzte Party“, das am 1. November erschienen ist, 202 Ideen für eine Trauerfeier. Eine Lesung findet am Dienstag, 18. November, ab 19 Uhr in der Alten-Heilig-Geist-Kapelle, Breite Straße in Lemgo, statt. Vorab hat die LZ mit der Autorin darüber gesprochen, was die Zuhörer erwartet und welche Tipps sie hat. Frau Tiedemann, für wen ist eine Trauerfeier? Für die verstorbene Person oder die Angehörigen? Eike Tiedemann: Für die Angehörigen, der oder die Verstorbene ist ja schon tot. Aber es ist gut, wenn derjenige oder diejenige vorher gesagt hat, was er oder sie sich wünscht. Das hat etwas mit Selbstbestimmung zu tun. Man kann eine Bestattungsverfügung machen oder einfach formlos die Wünsche aufschreiben. So können die Angehörigen den letzten Willen erfüllen und fallen nicht in ein tiefes Loch, weil sie überhaupt nichts wissen. Aus dieser Perspektive ist die Trauerfeier für die verstorbene Person - nämlich als Widmung. Und wenn der letzte Wille nicht festgehalten wurde? Eike Tiedemann: Das ist meist der Fall. Die Angehörigen sollten die Trauerfeier dann so gestalten, wie sie es gerne hätten. Es schenkt Trost, wenn man die Sachen aufgreift, die einen selbst an die verstorbene Person erinnern. Man sollte sich als erstes einen Stil überlegen. Dann erledigen sich viele Fragen von allein. Oft ist die Musikauswahl ein Thema: Orgel oder nicht? Deutsch oder Englisch? Eike Tiedemann: Ich finde, man sollte spielen, was man selber gerne hören möchte - außer der- oder diejenige hat Wünsche hinterlassen. Wer sollte einem verbieten, etwas Englisches zu nehmen oder Popmusik? Es gibt auch schöne Musicalstücke, die einem ans Herz gehen. Ich habe aber auch schon bei einem Hardrock-Fan richtige Knaller gehört. Alle waren zufrieden, weil es zu dem Verstorbenen passte. Es geht also um den persönlichen Geschmack. Wie persönlich darf denn die Trauerrede sein? Eike Tiedemann: Das kommt darauf an, wie viel Zeit man hat. Wenn es sich zum Beispiel um einen Trauergottesdienst mit Pastor handelt, nehmen Lesungen und Liturgie einen größeren Platz ein. Ich als Trauerrednerin habe ein bisschen mehr Zeit für das Lebensbild. Aber ich denke, es möchte niemand bei einer Trauerfeier hören, was es Negatives gab. Das hat da einfach keinen Platz. Und wenn jemand zu Lebzeiten nicht nur Gutes getan hat ... Eike Tiedemann: Alle, die bei einer Beerdigung sitzen, wollen keine Probleme hören, sondern sie möchten ihren Frieden machen. Man kann Dinge erwähnen, aber diskret damit umgehen. Denn der erste Eindruck zählt und der letzte bleibt. Und das sollte etwas sein, womit alle gut weiterleben können. Jeder Gast stellt sich die Frage: Was ziehe ich an? Schwarz ist klar, aber sind Sneaker okay? Eike Tiedemann: Schwarz ist immer noch ein eindeutiges Zeichen für Trauer. Ich finde, man sollte sich etwas anziehen, worin man sich auch für Instagram fotografieren lassen oder zu einer anderen Feier gehen würde. Die Schuhe sollten sauber, kein Knopf locker sein und die Sachen sitzen. Also am besten feierlich elegant kleiden, ohne sich herauszuputzen. Spielt es eine Rolle, in welchem Alter die verstorbene Person war? Eike Tiedemann: Absolut. Wenn es sich um ältere Verstorbene handelt, sind oft die Gäste auf der Trauerfeier älter. Dann sind die Beerdigungen meist konservativer, was aber nicht steif bedeuten muss. Auch eine traditionelle Beerdigung kann persönlich sein, zum Beispiel wenn man für den verstorbenen Eisenbahnfreund eine Eisenbahn vorne dekoriert und ich darauf in der Trauerrede eingehe. Wenn ich Trauerfeiern für Jüngere plane, sind die Angehörigen oft eher bereit, etwas beizutragen. Bei was zum Beispiel? Eike Tiedemann: Man kann zum Beispiel am Anfang Kerzen austeilen und die dann nach vorne bringen. Oder alle schreiben ein paar Worte für die verstorbene Person auf und werfen den Zettel später ins Grab. Mit jüngeren Leuten kann man auch eine andere Sitzordnung machen. In einem Kreis sehen sich alle an und haben ein großes Gemeinschaftsgefühl. Ältere sind dazu weniger bereit. Die sitzen gerne in Reihen, wie das in Friedhofskapellen üblich ist. Es kann aber auch ein guter Schutz sein, wenn alle in eine Richtung schauen. Die Größe der Trauergemeinde ist sicher auch ein Faktor bei der Planung, oder? Eike Tiedemann: Einige wissen die Anzahl schon, weil sie den Kreis begrenzt haben oder gezielt eingeladen haben. Ein Unsicherheitsfaktor ist natürlich, wenn man den Termin vor der Beerdigung in die Zeitung setzt. Es ist aber immer schön, wenn mehr Leute kommen, als die Angehörigen gedacht haben. Die sind dann meist völlig geflasht, zum Beispiel wenn der alte Chef noch auftaucht, die Nachbarn von früher oder die Urlaubsbekanntschaft, die eigentlich viel zu weit weg wohnt. Das sind schöne Überraschungen, durch die sich die Angehörigen oft getröstet fühlen. Dann bleibt noch die Frage: Trauerkaffee oder nicht? Eike Tiedemann: Ich finde, das sollte auf jeden Fall sein, damit man unter Umständen nachher nicht allein dasteht. Es ist besser, etwas zu planen. Man muss nicht alle einladen. Es geht aber auch groß: Ein Freund von mir hat in Bonn eine Trauerfeier gemacht. Da war eine Wirtin verstorben. Darum stand vor der Trauerhalle ein Wägelchen, wo Kölsch an alle 500 Gäste ausgeschenkt wurde. Gibt es denn aus Ihrer Sicht etwas, das man wirklich falsch machen kann? Eike Tiedemann: Angehörige haben manchmal Angst, gesehen zu werden, wenn Sie die Fassung verlieren. Ich denke, das wird überbewertet. Ein Mundschutz kann aber hilfreich sein, um die Mimik zu verbergen. Ein großes Tabu ist für mich das Handy. Ich möchte nicht als trauernde Witwe von irgendjemandem gefilmt werden. Dass ein Handy klingelt, kann mal passieren. Aber dass jemand einfach das Ding herausholt und filmt, das geht nicht. Ein Mitschnitt für Verwandte, die nicht dabei sein können, ist etwas anders. Worauf gehen Sie noch in Ihrem Buch ein? Eike Tiedemann: Man bekommt viele Ideen anhand von Beispielgeschichten. Dann kann jeder entscheiden, ob man etwas auch so machen würde oder nicht. Worauf dürfen sich die Besucher der Lesung in Lemgo freuen? Eike Tiedemann: Auf gute Geschichten. Alle 202 Ideen aus dem Buch werde ich nicht vorlesen können, aber man bekommt eine Vorstellung, was zu einer Beerdigung passen könnte. Der Eintritt zur Lesung ist frei, aber eine Reservierung ist erforderlich, per E-Mail an info@helms-bestattungen.de oder unter Tel. (05261) 93620. Persönlich Eike Tiedemann lebt mit ihrem Mann in Ostwestfalen-Lippe. Sie hat Musik in Köln studiert. Schon im Studium sang sie auf vielen Konzerten in ganz Deutschland und im Ausland. Beim Zusammenstellen von Konzertprogrammen kam die diplomierte Sängerin auf die Idee, Trauerfeiern zu konzipieren. Als Trauerrednerin arbeitet sie mit zahlreichen Bestattungsinstituten in Westfalen und Niedersachsen zusammen. Außerdem ist sie Musikpädagogin, veröffentlichte regelmäßig Fachartikel dazu und unterrichtete an verschiedenen Universitäten sowie Hochschulen.