Detmold/ Bad Salzuflen. Plötzlich ist der Gerichtssaal 165 überfüllt mit Justizwachtmeistern. Weil es sich in einer Verhandlungspause auf dem Flur zwischen Angehörigen des Angeklagten und der Familie der in ihrer Badewanne getöteten Salzuflerin gefährlich hochschaukelt, legt das Landgericht kurzerhand mit Sicherheitspersonal nach. Kurz davor soll es zu Morddrohungen gegen die Mutter und Handgreiflichkeiten gekommen zu sein. Der Vorsitzende Richter Karsten Niemeyer muss daher ein Machtwort sprechen, bevor es weitergeht. „Wir haben in der Pause eine Eskalation gehabt“, sagt er. „Ich muss Sie bitten, dass Sie sich ruhig verhalten und nicht beleidigend oder handgreiflich werden.“ Auch wenn diese Sache für alle Beteiligten hoch emotional sei, sagt der Richter. „Und selbst wenn Aussagen getätigt werden, die der anderen Seite missfallen.“ Sein Blick zieht dabei durch den überwiegend mit Männern besetzten Zuschauerraum. Heftige Szenen auf dem Gerichtsflur Wie heftig die Szene gewesen sein muss, veranschaulicht ein Kommentar der besitzenden Richterin Sylvia Suermann. „Ich habe Angst um die Zeugen“, sagt sie, als zwei Männer den Saal verlassen. Die Mutter der Getöteten und ihr Ehemann haben zu diesem Zeitpunkt schon sicher das Gerichtsgebäude über einen Nebenausgang verlassen - begleitet von Wachtmeistern. Der Angeklagte (32) selbst sitzt größtenteils da und schweigt. Bereits zum Auftakt hatte der aus Afghanistan stammende Berliner angegeben, seine Partnerin gewürgt und bewusstlos in die mit Wasser gefüllte Badewanne gelegt zu haben. Den Ergebnissen des Rechtsmediziners nach kann das nicht ganz stimmen. Die junge Frau aus dem Iran soll gegen das Ertrinken angekämpft haben. Wenige Tage zuvor hatte das Paar nach Islamischen Recht geheiratet. Am zweiten Prozesstag vor dem Schwurgericht, der den gewaltsamen Tod der schwangeren Frau weiter aufarbeiten soll, läuft einiges anders als gedacht. Ein Zeuge (33) legt ein zerstörtes iPad sowie zwei kaputte Handys auf den Tisch, die der Getöteten gehört haben sollen. Die Polizei hatte das Tablet am Tatort nicht sichergestellt, gibt der Mann aus Essen an. Verteidiger Dirk Meinicke ist fassungslos. „Man kann da doch nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen, dass die Polizei so etwas liegen lässt“, sagt er. Schon da steht fest, dass der Prozess nicht wie geplant am Donnerstag zu Ende gehen kann. Wollte sich das Opfer mehrfach trennen? Dafür ergeben sich zu viele neue Details. Genauso überraschend offenbart sich für die Prozessbeteiligten, dass der von der Polizei bloß als „Bekannter“ geführte Zeuge eigenen Angaben nach eine ernsthafte Beziehung mit der Getöteten geführt haben soll. Seine Geschichte könne er anhand von knapp 20.000 Chatnachrichten belegen, sagt er. Der 33-Jährige aus Essen hatte das Opfer zwei Tage nach der mutmaßlichen Tat tot in der Wohnung gefunden. Vor Gericht berichtet er detailliert über die gemeinsame Vergangenheit. „Ich hatte einen Ersatzschlüssel, weil ich ihr oft geholfen habe.“ Ihre Mutter habe von der Beziehung der beiden nichts gewusst, weil sie ihn als Araber nicht akzeptiert hätte. Deshalb sei die 20-Jährige später doch mit dem Angeklagten zusammengekommen. Trotzdem will der 33-Jährige insgeheim auf eine gemeinsame Zukunft in ein paar Jahren gehofft haben, so führt er es aus. „Sie wollte sich mehrfach trennen, er hat sie geschlagen“, erklärt er. „Sie hat mir Fotos von ihren Verletzungen gezeigt.“ Die junge Frau habe viel geweint, selbst in der Hochzeitsnacht hätte es Streit gegeben. Am 5. Dezember soll die 20-Jährige ihrem Ex-Freund ein Video geschickt haben. Darauf sei der Angeklagte mit einer Wunde am Finger zu sehen. In der Wohnung hätte man überall Blut erkennen können. Als der Zeuge dann kein Lebenszeichen mehr von ihr erhalten habe, habe er sich große Sorgen gemacht und die Mutter kontaktiert. Mutter klingelt verzweifelt an Haustür Die sagt selbst vor Gericht aus, sie hätte unzählige Male vor der Haustür der Tochter gestanden und geklingelt, aber niemand hätte ihr aufgemacht. Ihr Schwiegersohn soll sie am Telefon wiederholt vertröstet und sich widersprochen haben. Dass er ihrer Tochter etwas angetan haben könnte, daran habe die Mutter in dem Moment nicht gedacht. Drei weitere als Zeugen geladene Passanten hatten das Paar noch am 5. Dezember kurz vor 22 Uhr streitend am Bahnhof beobachtet. Die junge Frau war den Aussagen nach barfuß unterwegs, beide zerrten aneinander. Zwei Frauen riefen die Polizei. Die traf erst ein, als beide weg waren, heißt es. Der Angeklagte soll zuvor gesagt haben: „Das ist meine Frau. Wir haben uns nur gestritten, alles ist okay.“ Eine Zeugin sagt aus, die Frau hätte verängstigt gewirkt. „Sie sah aus, als hätte sie Angst, ihn zu verlieren.“ Der Prozess wird am 27. Juni fortgesetzt.