Porta Westfalica. Es klingt so verlockend wie unwirklich: Im Zuge des möglichen Baus einer ICE-Trasse durch Porta Westfalica könnte ein ohnehin geplanter Betriebsbahnhof in Möllbergen zu einem Personenbahnhof aufgewertet werden. Das berichteten zwei leitende Mitarbeiter der Deutschen Bahn am Montag in einer Sonderratsitzung im Forum des Gymnasiums. Dort ließen sich die Politikerinnen und Politiker über die aktuelle Trassenpläne zwischen Hannover und Bielefeld informieren. Sowohl die Mandatsträger als auch die Zuhörer stellten den Bahnexperten viele kritische Fragen. Auch zum scheinbar visionären Bahnhofsprojekt, das viele eher für utopisch halten. Wie berichtet, verlaufen die beiden zur Debatte stehenden Trassenkorridore (V3 und V4) auf einer Länge von elf Kilometern durch Porta Westfalica, acht davon unterirdisch. Variante 3 verläuft in der Schaumburger-Börde bestandsnah und untertunnelt das Wesergebirge bei Nammen. Danach überbrückt V3 die Weser bei Vlotho und verläuft anschließend weitgehend im Tunnel über Bad Salzuflen (Lohfeld) nach Bielefeld. Die Karotte und der Esel „Das ist die Karotte, die vor den Esel gehalten wird“, kommentierte ein Portaner Bürger die potenzielle Aufwertung eines Betriebsbahnhofs. „Das wird nichts werden.“ Solche Stationen seien alle 30 Kilometer erforderlich zum Überholen oder Abstellen von Zügen, hatten zuvor Volker Vorwerk und Marvin Jekel im Schulforum berichtet. Und wie beispielsweise in Merklingen an der Strecke Stuttgart-Ulm geschehen, könnte nach dem Bau von Bahnsteigen daraus ein Regional-Bahnhof für schnellen Nahverkehr entstehen - um beispielsweise zügig von Möllbergen nach Hannover zu gelangen. Am Ende sei eine solche Umwandlung allerdings Ländersache. Ein weiterer Haken: Es müssten wohl mindestens jeweils tausend Ein- und Ausstiege täglich zusammenkommen. Zuhörerin beklagt „faktische Enteignung“ Diese auf den ersten Blick unerreichbare Zahl - Möllbergen selbst hat gerade mal anderthalb tausend Einwohner - löste im Forum Gelächter aus. Es handele sich wohl eher um ein Art Goodie, meinte Cornelia Müller-Dieker (FDP) und erinnerte an die vergeblichen Bemühungen, einen Regionalbahn-Halt in Veltheim zu installieren. Ein Zuhörer wähnte sich auf einer Verkaufsveranstaltung der Bahn, die faule Eier als goldene anpreise. Viele Wortmeldungen aus dem Plenum drehten sich um die künftigen Belastungen von Mensch und Umwelt, wenn eine neue ICE-Strecke Hannover-Bielefeld gebaut werden sollte. Sollten Bundestag und Bundesrat den Neubau eines Tages beschließen, würden die jahrelangen Bauarbeiten neben Möllbergen vor allem Lohfeld treffen. Die Bewohner machen sich große Sorgen. „Wie soll man da noch leben?“, fragte eine Portanerin das Duo von der Bahn. „Sie enteignen einen faktisch mit solch einer Bauphase.“ Auf mehrere Fragen haben die Bahn-Experten keine Antwort Manche fürchten die Entwertung ihrer Immobilien und somit um die Altersvorsorge. Vorwerk und Jekel gingen auf Fragen zu den Entschädigungen für benötigten Grund und Boden ein („Unabhängige Gutachter bewerten diese Flächen, der Bundesrechnungshof prüft“). Sie erwähnten auch, dass allein die Nähe des eigenen Grundstücks zur künftigen Trasse nicht entschädigt werde. Dafür gebe es keine gesetzliche Handhabe. Wohnsiedlungen bekämen selbstverständlich Lärmschutzwände, einzeln gelegene Häuser oder Höfe erhielten hingegen lediglich passiven Schutz (Fenster). Lesen Sie auch: Nur noch zwei Varianten: Deutsche Bahn plant ICE-Strecke durch Herford oder Bad Salzuflen Auf mehrere Fragen blieben die Bahn-Experten Antworten schuldig. „Die Zahl der betroffenen Menschen und Unternehmen lässt sich noch nicht beziffern“, sage Marvin Jekel. Dies hänge mit den groben, ein Kilometer breiten Trassenkorridoren zusammen. Die sollen erst im Laufe der weiteren Planungsphase, die drei bis vier Jahre dauert, deutlich schmaler werden. Ex-Ratsherr Dr. Friedrich Hillbrand, als Lohfelder selbst von den Trassenplänen betroffen, gab sich mit der Aussage nicht zufrieden. Er wies auf die Wasserschutzgebiete hin, die die Bahn verschonen müsse. Daher könnte der Trassenverlauf in einigen Abschnitten bereits viel genauer beschrieben werden. Und das sollte die Bahn betroffenen Grundstückeigentümern schon heute mitteilen. Bahn: Entscheidend sind Minuten zwischen Hamm und Hannover Auch zu den erwarteten Gesamtkosten des Milliardenprojektes machten Jekel und Vorwerk keine Angaben. Ein Mitglied der Bigtab (Bürgerinitiative gegen den trassenfernen Ausbau der Bahn) sagte, dass mit 8,4 Milliarden Euro längst eine Summe im Gespräch sei. Und das wären umgerechnet 500 Millionen Euro für jede Minute Zeitersparnis. Bekanntlich soll die Fahrzeit von 48 auf 31 Minuten verkürzt werden. Vorwerk erläuterte, warum die 31 Minuten aus Sicht der Bahn notwendig sind. Diese seien mit der ungleich wichtigeren Zeitvorgabe von 54 Minuten Fahrtzeit zwischen Hamm und Hannover verknüpft, damit an diesen Knotenpunkten (plus sechs Minuten zum Umsteigen) weitere Verknüpfungen im Stundentakt funktionierten. Über den regionalen Tellerrand hinausgeblickt, bilde der Abschnitt Hannover-Bielefeld ein wichtiges Puzzleteil im europäischen Bahnverkehr von der Nordsee bis zum Baltikum. „Je kürzer die Fahrzeit, desto größer der volkswirtschaftliche Nutzen“, sagte Vorwerk. Die Bahn-Mitarbeiter betonten zudem, dass Minden trotz gegenteiliger Behauptungen durch den Bau einer ICE-Neubaustrecke nicht vom Fernverkehr abgehängt würde, sondern auch dann wie bisher auf zwei Abfahrten je Stunde käme. Weitere Einwände gegen das Großprojekt beschäftigten sich mit den Staus, die sich nach Unfällen auf der A2 bereits heute durch Porta ziehen und im Fall einer Bahnbaustelle nahe der Anschlussstelle Veltheim noch gravierender ausfallen könnten. Ein Problem, das die Bahn anscheinend bislang nicht auf dem Schirm hatte. „Den Hinweis zur Staulage nehmen wir mit“, sagte Jekel. Und was geschieht mit dem Friedhof? Bürgermeisterin Anke Grotjohann (Grüne) fragte nach der Zukunft des Möllberger Friedhofs, der im Korridor liege. Nach aktuellem Stand, so Jekel, sei man vom Friedhof „noch ein Stück weg“. Seine Verlegung sei nicht geplant. Eine andere Frage drehte sich um mögliche Unfälle im Bahntunnel. Die könnten im Havariefall von der Feuerwehr befahren werden, berichteten die Referenten. Für die nötige Spezialausrüstung der Wehr komme die Bahn auf. Und zum immer wieder geforderten trassennahen Ausbau meinten Jekel und Vorwerk, dass dieser nicht, wie viele glaubten, schneller und günstiger sein würde als ein Neubau. So ginge eine bestandsnahe Baustelle beispielsweise mit aufwendigen Gleissperrungen einher. Bürgerinitiative legt Beschwerde beim Bundesrechungshof ein Mehr als zwei Stunden lang standen Volker Vorwerk und Marvin Jekel im Forum Rede und Antwort. Sie waren innerhalb weniger Tage das zweite Mal in Porta. Vorige Woche gehörten sie zum zehnköpfigen Bahnteam, das im Bürgerhaus über die Trassenpläne informierte. Dort war die Bahn Gastgeberin, ins Forum lud die Stadt ein. Und die ließ zum Auftakt zunächst den Bigtab-Vorstand zu Wort kommen. Heike Wehage und Reinhard Fromme zählten auf, warum das ICE-Großprojekt ihrer Ansicht nach nicht zeitgemäß ist: Sie nannten den Klimaschutz, das Kosten-Nutzen-Verhältnis, die Umweltbelastung und die „unvertretbar lange Planungs- und Bauzeit über Jahrzehnte“. Die Bigtab kündigte an, Beschwerde beim Bundesrechnungshof einzulegen. Und am 23. Februar wird eine Abordnung der Bürgerinitiative nach Berlin reisen. Dann nämlich, so Fromme, werde die im vorigen Jahr eingereichte Petition gegen das Neubau-Projekt erörtert.