Marianne Thomann-Stahl im großen Interview

"Stärken der Region sind nicht bekannt genug"

Lothar Schmalen

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Ostwestfalen-Lippe im Blick: Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl beim Interview in ihrem Amtszimmer. 
- © Preuss
Ostwestfalen-Lippe im Blick: Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl beim Interview in ihrem Amtszimmer. (© Preuss)

Detmold. Die FDP-Politikerin Marianne Thomann-Stahl ist seit zehn Jahren, genauer seit dem 21. Juli 2005, Regierungspräsidentin in Detmold. Von der damaligen CDU/FDP-Landesregierung wurde sie als Nachfolgerin des bis dahin amtierenden Regierungspräsidenten Andreas Wiebe (Grüne) berufen. Als in Düsseldorf 2010 wieder eine rot-grüne Landesregierung ans Ruder kam, beließ Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) die Liberale im Amt. Mit der Regierungspräsidentin sprach Redakteur Lothar Schmalen.

Frau Thomann-Stahl, Sie sind jetzt seit ziemlich genau zehn Jahren Regierungspräsidentin in Detmold. Geht es Ostwestfalen-Lippe heute besser als bei Ihrem Amtsantritt?

Thomann-Stahl: Entscheidend besser. Das hängt nicht mit meiner Amtszeit zusammen, sondern eher mit der Initiative "It?s OWL". Ostwestfalen-Lippe sollte sich als wirtschaftsstarke Region positionieren. Außerdem sollte dafür gesorgt werden, dass eine Reihe von Forschungseinrichtungen hierhergeholt werden sollten, dass die Zahl der Studenten steigt, dass die Universitäten kooperieren. Das wurde auch umgesetzt. Die Folge war, dass wir auch beim Wettstreit um Forschungsschwerpunkte, bei Förderprogrammen von Land, Bund und EU auf hohem Niveau mitbieten konnten.

Information
Marianne Thomann-Stahl
  • Geboren am 23. März 1954 in Oberkochen/Württemberg.
  • 1973 bis 1978 Studium der Volkswirtschaftslehre, Abschluss: Diplom-Volkswirtin.
  • ab 1980 Assistentin des Vorstands der Nixdorf Computer AG in Paderborn.
  • 1985 bis 1995 Mitglied des Landtages für die FDP, 1990 bis 1995 stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion.
  • 2000 bis 2005 Parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-Fraktion im Landtag
  • seit Juli 2005 Regierungspräsidentin in Detmold.
  • Marianne Thomann-Stahl ist verheiratet und Mutter zweiter Kinder.

Welches Entwicklungspotenzial sehen Sie noch für die Region?
Thomann-Stahl: Kulturell hat diese Region viel zu bieten, aber es ist zu wenig bekannt. Wir haben in Bielefeld ein Drei-Sparten-Haus, wir haben die Nordwestdeutsche Philharmonie, die Musikhochschule in Detmold, die Hochschule für Kirchenmusik in Herford. Es gibt hier sehr viel Kultur auf sehr engem Raum. Und es muss noch bekannter werden, dass es hier gut funktionierende Universitäten gibt.

Und wo sehen Sie noch wirtschaftliches Potenzial?

Thomann-Stahl: Neben unserem Netzwerk Maschinenbau haben wir eine starke Landwirtschaft, eine sehr starke Holzwirtschaft, Institute für Biotechnologie, Ernährungswissenschaften an den Universitäten. Oetker baut ein Forschungs- und Entwicklungszentrum, die Firma Tönnies entwickelt sich in Richtung Pharmazie weiter. Wir haben starke pharmazeutische Unternehmen. Es ließe sich darüber nachdenken, auch in diesen Bereichen Forschungsschwerpunkte zu entwickeln mit dem Ziel, Forschungsmittel aus Brüssel, Berlin und Düsseldorf zu bekommen. Warum sollen die alle nach Bayern fließen?

Gibt es dazu konkrete Pläne?

Thomann-Stahl: Es gibt erste Gespräche. Das ist von Überlegungen noch weit entfernt.

Immer wieder sagen Politiker, vor allem solche, die der Opposition in Düsseldorf angehören, dass die Interessen von OWL in Düsseldorf nicht ausreichend Gehör fänden. Stimmt das?

Thomann-Stahl: Wir haben in Düsseldorf ganz starke Unterstützung. Da nenne ich als Erstes die Ministerpräsidentin, die wir in vielen Dingen ansprechen können. Zweitens den Wirtschaftsminister, der viel hier in unserer Region zu Gast ist. Und der viele Ideen gerade hier aus OWL aufgreift und auch umsetzt. Es gibt Fälle, da hat der Wirtschaftsminister konkret geholfen. Beispiel: Die Anbindung eines Gewerbegebietes in Warburg. Auch bei der Notwendigkeit, für unsere Industrie Flächen zu bekommen, haben wir in ihm einen guten Mitstreiter.

Aber das Ringen um eine medizinische Fakultät an der Uni in Bielefeld ist verloren. Empfinden Sie das nicht auch als Niederlage für die Region?

Thomann-Stahl: Warum Niederlage? Wir haben doch jetzt eine neue Chance für die Region. Minden und Herford sind nun Uni-Klinik. Man kann die Studenten doch jetzt hierher holen. Ich verstehe ja, dass die Bielefelder etwas geknickt sind, weil sie den Zuschlag nicht erhalten haben. Aber das ist keine Niederlage für die Region.

Eine Außenstelle der Ruhrgebiets-Uni Bochum ist nicht das, was man gewollt hatte. Man wollte eine Medizinfakultät in der Region.

Thomann-Stahl: Wir sollten abwarten, was langfristig daraus wird. Eine medizinische Fakultät ist sehr teuer. Da bedarf es langfristiger Überlegungen. Die Entscheidung, das jetzt so zu machen, ist schon sehr gut.

Parteipolitisch gehören sie als FDP-Mitglied eigentlich der Opposition in Düsseldorf an. Wie vereinbaren Sie dies eigentlich mit Ihrer Aufgabe, verlängerter Arm der Landesregierung hier in der Region zu sein?

Thomann-Stahl (lacht): Ich mache aus meiner persönlichen Meinung keinen Hehl. Entscheidend bei meiner Aufgabe in Detmold aber ist: Ich bin Landesbeamtin. Und es geht darum, dass die Behörde ihre Aufgabe erfüllt - und zwar politisch neutral. Wir halten uns natürlich an politische Vorgaben und Gesetze aus Düsseldorf.

Das Rheinland und das Ruhrgebiet positionieren sich als neue Metropolregionen. Was hat OWL dem entgegenzusetzen, um nicht abgehängt zu werden?

Thomann-Stahl: Das trifft bei mir einen Nerv. Die Regionen Düsseldorf und Köln überlegen trotz ihrer traditionellen Rivalität, wie sie gemeinsame Regionalpolitik machen können. Das ist für uns ein Warnsignal. Auch im Ruhrgebiet beobachten wir, dass die Kommunen beginnen zusammenzuarbeiten. Und das sind von der Bevölkerungszahl her sehr starke Kommunen - auch wenn sie vielleicht finanziell schwach sind. In Dortmund entwickelt sich viel, Konzernzentralen ziehen nach Essen - das ist unsere Konkurrenz. Da müssen wir schauen, dass wir mithalten. Das sage ich an jede Ecke.

Müssten die drei westfälischen Regierungsbezirke nicht enger zusammenrücken, mehr zusammenarbeiten, damit OWL, das Münsterland und das Sauerland nicht abgehängt werden?

Thomann-Stahl: Da sind die Entfernungen doch sehr groß. Von Gronau nach Höxter - das sind doch fast 240 Kilometer. Es ist ganz schwer, auf einer solch riesigen Fläche Potenzial zusammenzubringen. Da haben es die im Ruhrgebiet auf ihrer kleinen Fläche schon einfacher.

Ist die Zusammenarbeit in einer Regiopolregion - Beispiel Bielefeld und Umgebung, also unterhalb der Ebene des Regierungsbezirks - die richtige Antwort?

Thomann-Stahl: Dass Bielefeld gemeinsam mit Umlandkommunen die Infrastruktur gemeinsam planen möchte, egal ob Straßen, Nahverkehr oder Schulen - das ist erst einmal ein richtiger Ansatz.

Die Bezirksregierung ist für 800 Schulen und 22.500 Lehrer in OWL zuständig. Sind Sie mit der Entwicklung in Sachen Inklusion an Ihren Schulen zufrieden?

Thomann-Stahl: Alle geben sich große Mühe, und es funktioniert an vielen Stellen schon recht gut. Wenn ich zufrieden wäre, würde dies ja Stillstand bedeuten. Der Zustand ist eben noch nicht so, dass alle gut damit umgehen können. Das wird auch noch ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen.

Haben Sie denn Verständnis für die vielen Lehrer, die die Inklusion unter den gegebenen Rahmenbedingungen für eine Überforderung der Schulen halten?

Thomann-Stahl: Ja, habe ich. Manche äußern das, drehen sich dann aber um und arbeiten mit. Natürlich ist es sehr schwierig. Es fehlen uns auch viele Sonderpädagogen. Wir müssen halt gemeinsam in diese Aufgabe hineinwachsen.

Die Forderung nach mehr Stellen für Sonderpädagogen halten Sie also für richtig?

Thomann-Stahl: Ja, sicher. Das tragen wir auch in Düsseldorf vor. Das Problem zu lösen, ist allerdings Aufgabe des Landesgesetzgebers. Wir brauchen noch viele Mittel im Bereich Fortbildung, im Bereich Ganztag und auch im Bereich der Räumlichkeiten.

Die Bezirksregierung feiert im Jahr 2016 ihr 200-jähriges Bestehen. Was gibt es zu feiern?

Thomann-Stahl: Wir sind eine Behörde, die sich in den letzten Jahren große Anerkennung bei Kommunen, Unternehmen, Schulen und anderen erarbeitet hat. Zu feiern wäre auch, dass die Landesregierung beschlossen hat, die Bezirksregierung als Bündelungsbehörden beizubehalten - das ist eine ganz wichtige Aussage im Koalitionsvertrag.

Und wie wird gefeiert?

Thomann-Stahl: Geplant ist am 24. Juni ein Festakt im Detmolder Landestheater, Festredner wird der Präsident des Verfassungsgerichts, Andreas Vosskuhle, sein. Das wird eher eine bescheidene, aber schöne Feier werden. Darüber hinaus gibt es noch einen zentralen Festakt für alle Bezirksregierungen in Düsseldorf.

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