Detmold. Von hier aus hat sie alles im Blick: Simone Strates Büro gleicht ein wenig einem kleinen Flughafen-Tower. Die halbrunde Fensterfront gibt die Sicht frei auf den Brauereihof, den Verkaufspavillon und den Garten. Auf dem Balkon hält Hündin Paula Wache; unten düsen Gabelstapler zwischen Trucks voller Bierkästen hin und her.
Diese Aussicht durfte schon Friedrich Strate genießen: Auch Simones Vater führte die Brauerei von hier aus. „Das war Papas Büro. Ich habe alles original so übernommen.“ Das war 1995; Simone und ihre Schwester Friederike waren ein Jahr zuvor als Mitgesellschafterinnen in die Brauerei eingetreten und hatten sich ordentlich eingearbeitet. Sie führten den Betrieb mit Mutter Renate als gleichberechtigte Gesellschafterin fortan weiter, als Chefinnen für 33 Mitarbeiter.
1. Ich bin sehr zufrieden mit... unseren Mitarbeitern – vom Verkauf über Produktion und Qualititätskontrolle bis hin zur Logistik, Führungen und Verkauf.
2. Gegenwärtig läuft es bei uns gut, weil...
handwerklich hergestellte Bierspezialitäten immer mehr an Bedeutung gewinnen.
3. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass...
meine Familie und ich gesund bleiben.
4. Mein Mittagspause verbringe ich...
ganz gemütlich mit meiner Mutter und meiner Schwester. Es gibt frische Leckereien vom Markt.
Papa Friedrich indes ist präsent geblieben. Sein Bild prägt das Büro; er schaut der kaufmännischen Leiterin Simone bei der Arbeit zu. Streng, aber wohlwollend. „Er ist schon noch sehr prägend“, sagt die 47-jährige Simone – ohne, dass dieser prägende Mensch an ihrem Selbstbewusstsein oder dem der Schwester kratzen würde. Eher ist er immer ein Vorbild geblieben, auch der Vater war ja erst 25, als er Chef der elterlichen Brauerei wurde. „Sein Satz: ,Mache alles immer so gut, wie Du kannst. Nie weniger. Mehr geht nicht, der hat sich eingeprägt.“
War es dennoch keine Überlegung, das Büro modern einzurichten? „Nein. Wir hatten damals keine Zeit, nachzudenken. Ich war froh, dass Papa hier alles beisammen hatte, und so ist es geblieben.“ 200 Ordner sind in den (ein Traum für Frauen!) begehbaren Schränken mit den sechs Türen verstaut, sie dokumentieren fünf Generationen Firmengeschichte.
Es geht um Straßensanierungen, Gaststätten-Umbauten, Wasserrechte, Baupläne, Verträge und Rechnungen aller Art. „Das interessiert mich alles. Ich hätte auch Maschinenbau studieren können.“ Auf dem Tisch steht noch die Rechenmaschine Triumph L 807, Papierrollen dafür sind aus. Leider nicht mehr vorhanden: das Telefonverzeichnis des Vaters. „Er hatte zu jeder Nummer kleine Bemerkungen verfasst: Jener Vertreter war ,gefährlich beim anderen hieß es ,immer aufpassen, und mit einem dritten konnte man Pferde stehlen.“ Die Tipps hätten ihr weitergeholfen – fortgeführt aber habe sie das Verzeichnis nicht.
Zehn Stunden täglich ist die zweifache Mutter im Büro, ehe es am Abend zurück zur Familie nach Hövelhof geht. Sie macht den Job „unheimlich gern“. Sie ist der Zahlenmensch der Strates, kann auf keine Veranstaltung gehen, ohne die Anzahl der Leute zu schätzen, wie viel Besteck sie benötigen und wie viele Tische stehen.
„Fricki ist da eher der emotionale Mensch“, sagt sie über ihre Schwester. Friederikes Büro ist nebenan. „Aber ich sitze unheimlich gern hier bei Simone auf der Heizung und blicke aufs Gelände“, sagt die Braumeisterin, die zwischendurch ins Zimmer lugt. Da ist die Schwester nicht die einzige Besucherin, auch Mutter Renate ist täglich da. „Mama macht jeden Tag die Post auf, sitzt da, wo Sie jetzt sitzen. Sie sichtet die Rechnungen und ist immer top informiert. Jeden Tag gehen wir Zeitungsartikel durch, die sie für wissenswert hält und sie bringt Vorschläge, wenn sie was Interessantes gesehen hat.“
Weiterer Dauergast: Hündin Paula. Sie zernagt in aller Hundeseelenruhe ein Blatt Papier, schaut neugierig, geht schwanzwedelnd auf den Balkon, schläft bald wieder ein. Ihr Körbchen steht neben der Tür an der Wand unterhalb der strategischen Leitzentrale der Brauerei: den Schranktüren. Sie sind übersät mit Kalenderblättern und Memos, ausgedruckten Mails („Royal wird eng“) und handgeschriebenen Notizen. Simone Strate sieht auf einen Blick, wann Fass- und wann Flaschenbier dran ist, Royal abgefüllt oder Weizen gebraut werden muss. „Das ist alles sehr transparent. Ich fotografiere diese Kalender und schicke die Bilder rum, so weiß jeder Bescheid.“
Den Hof im Rücken, den Rechner mit den Bildschirmen auf dem Tisch (die Computer gab es dann doch irgendwann), an der einen Wand das Bild des Vaters, an der anderen Stiche der lippischen Schützen, vorne die begehbaren Schränke mit der für Laien undurchschaubaren Zettelwirtschaft: Simone Strate fühlt sich wohl hier. Sie ist in ihrem Element.