Bielefeld. Ein Pionier packt ein: Badgestalter Hans Rost schließt seine Werkstatt wie auch den opulenten Showroom im historischen Anwesen an der Kammerichstraße in Brackwede. Damit verabschiedet sich wieder ein etablierter wie alteingesessener Handwerksbetrieb aus Bielefeld – und hinterlässt eine Lücke. „Ich habe mich fünf Jahre um einen Nachfolger bemüht, in der Zeit auch einige Anfragen erhalten, am Ende aber wollte wohl keiner die Verantwortung übernehmen“, sagt der 71-Jährige mit dem doppelten Meisterbrief. Seine erste Meisterprüfung, die zum Installateur, absolvierte Rost 1978. Drei Jahre später folgte seine Qualifikation im Heizungsbau. 1988 übernahm der ambitionierte Handwerker den elterlichen Betrieb, den sein Vater 1964 mit einer kleinen Werkstatt in Sennestadt gegründet hatte. Dank einer guten Auftragslage wagte er zu seinem 40. den großen Wurf, erwarb 1995 von Mannesmann den Altbau samt Villa in der Kammerichstraße, sanierte die Immobilie, baute in den ehemaligen Stallungen die neue Werkstatt und eröffnete 2000 im Herzen der einstigen Schleifmittel-Fabrik einen seinerzeit einzigartigen Showroom mit 15 unterschiedlich gestalteten Bädern. Seine erste Pioniertat. Bielefelder Traditionsbetrieb mit „Rausverkauf“ Martina Rost sitzt auf dem Wannenrand eines Whirlpools und lässt das Wasser durch die Düsen sprudeln. Parallel zum Blubbern setzt in der Tiefe des Beckens die Lichttherapie ein und verheißt durch den Wechsel der Farben die maximale Entspannung. „Ich mag die Dinger gar nicht, ich liebe unsere frei stehende Wanne“, sagt die diplomierte Badgestalterin mit der 30-jährigen Berufserfahrung. Die Wanne de luxe gehört mit zu den letzten Relikten, die beim gegenwärtigen „Rausverkauf“ noch zu haben sind. Das meiste Mobiliar fehlt bereits, einzelne Spiegel und Heizkörper zieren noch die Wände sowie manch alte Technik, kombiniert mit modernen Lösungen. Wissensverlust durch Betriebsschließungen „Beim Duschen kann beispielsweise ein lehmverputztes Bad so viel Feuchtigkeit aufnehmen, dass Scheiben oder Spiegel nie beschlagen – das ergibt ein ganz anderes Raumklima“, erklärt Rost. Doch je mehr Handwerksbetriebe schließen, desto mehr Wissen würde verloren gehen. In der Hochzeit zählte der Betrieb 28 Beschäftigte, entwarf Martina Rost und bauten die Teams ihres Mannes bis zu 50 Bäder pro Jahr. „Und wenn das Bad im Dachgeschoss sein sollte, haben wir auch alle Gewerke koordiniert“, erzählt die Kreativfrau des Unternehmens, die viel pendelte zwischen Baustellen und Messen. Dort holte sich auch der Bädermeister seine Inspirationen und präsentierte mit der zweiten Pioniertat bereits vor zwölf Jahren ein Energiezentrum mit allem Elektro-Schnickschnack: „Wir hatten Fotovoltaik und Wärmepumpen – doch bestand kaum Interesse an den Produkten, da haben wir es nach zwei Jahren wieder gelassen“, erzählt er. Da er dreißig Jahre lang für die Handwerkskammer angehende Meister geprüft habe, sei es immer selbstverständlich gewesen, Antworten zu haben auf kommende Fragen, so sein Credo. Was ihn prompt zur Pioniertat Nummer 3 führte: die Gründung des vollelektrischen Car-Sharing-Angebots namens „CityCa“. Car-Sharing „CityCa“: von der Feierabend-Idee zum ÖPNV-Treiber Eigentlich habe er sich nur eine neue Aufgabe suchen wollen, um einem möglichen Leerlauf nach dem Verkauf der Firma vorzubeugen, erzählt der Herr über eine mittlerweile respektable Stromer-Flotte: Was 2019 in Bielefeld mit acht rein elektrisch angetriebenen Smarts begann, zählt heute 48 über das Stadtgebiet und sogar darüber hinaus verteilte Fahrzeuge. Denn seit September kooperieren Borgholzhausen und Halle-Künsebeck mit dem Car-Sharer auf der Basis eines Projekts zur Verbesserung des ÖPNV in der ländlichen Region: „Unsere Fahrzeuge parken an den beiden Bahnhöfen sowie an acht festen Haltestellen, und Pendler mit einem gültigen Bahnticket können die Fahrzeuge kostenlos buchen“, sagt der Mobilität-Meister. Wer möchte, kann mit dem Wagen auch bis Brackwede durchfahren, dort läuft bei den Badgestaltern: Dort läuft noch bis zum Ende des Monats von montags bis freitags zwischen 11 und 15 Uhr der Abverkauf letzter Dinge plus Wissenstransfer für lau. „Unsere Mitarbeitenden habe alle neue Jobs, unsere ehemaligen Kunden, bei denen wir uns noch einmal sehr herzlich bedanken, werden von dem Team SHK weiter betreut. Vor fünf Jahren hatte ich mir das Ende auch anders vorgestellt, doch ich bin jetzt müde und es ist gut so, wie es ist.“