Detmold. Bei der Premiere von Emmerich Kálmáns Operette „Die Herzogin von Chicago“ im Landestheater sind zwei Welten aufeinandergetroffen, die Alte und die Neue. Regisseurin Geertje Boeden, die erstmals in Detmold inszenierte, lieferte einen farbenfrohen, temporeichen Abend, der dem Werk zwischen Charleston und Csárdás große Spielfreude entlockte und die Operette mit der Filmgeschichte verknüpfte. Vom traditionellen Stummfilm im Schwarz-weiß-Format entwickelte sich das Geschehen hin zum klangvollen Farbfilm und wurde immer bunter. Dem Fantasienamen „Sylvarien“, der das alte Europa symbolisiert, steht der Fantasiestaat „Dollarika“ – eine Mischung aus Dollar und Amerika - gegenüber. Broadway trifft auf Wiener Salon Bereits in der Ouvertüre unter der musikalischen Leitung des 1. Kapellmeisters Claudio Novati traf Broadway auf Wiener Salon, Jazz auf Walzer und Tradition auf Moderne. Im Csárdás nähern sich beide Welten an. Das Orchester setzte die stilistische Bandbreite souverän um. Der Auftakt entführte das Publikum die ersten zehn Minuten in eine dialogfreie Stummfilmära der Tanzbar Budapest. In der Rolle des Filmproduzenten, der öfters aus dem Off hervorkam, sorgte Heiner Junghans für gelungene Episodenübergänge und führte die richtigen Liebespaare zusammen. Die Geschichte um die reiche amerikanische Millionenerbin Mary Lloyd (Emily Dorn), die glaubt, sich mit Geld einen Prinzen kaufen zu können, und schließlich an den stolzen aber verarmten Erbprinzen Sándor Boris von Sylvarien (Stephen Chambers) gerät, ist Kálmáns ironischer Kommentar auf ein Europa, das der Moderne skeptisch begegnet, und auf ein Amerika, das meint, mit Geld, Wetten und Deals alles zu ermöglichen. „Time is money, meine Herren!“, lautet die Devise von Mary Lloyd, die im mondänen Marilyn Monroe-Flair den Männern die Köpfe verdreht. Der Stoff, im Jahr 1928 in Zeiten des Umbruchs in Wien uraufgeführt und später von Nazis als „entartet“ verbannt, weil Komponist und Librettisten jüdisch waren, wirkt heute wieder erschreckend aktuell – gerade in Zeiten neuer kultureller Gräben. Mischung aus Glamour und Witz Sopranistin Emily Dorn brillierte in der Titelrolle gesanglich wie schauspielerisch souverän. Mit Leichtigkeit meisterte sie Koloraturen und agierte schauspielerisch in einer Mischung aus Glamour und Witz. Lediglich in den Dialogen ging sie etwas unter. Hier hätte das Orchester dezenter sein können. An ihrer Seite überzeugte Stephen Chambers als Prinz Sándor im nostalgischen Charlie-Chaplin-Look, dem berühmtesten Vertreter der Stummfilmära. Mit warmem Tenor und einer Balance aus aristokratischer Würde und komödiantischem Timing verlieh er seiner Rolle Präsenz. Das Liebesduett „Komm in mein kleines Liebesboot, du Rose der Prärie!“ wurde mit tanzenden Rosen und Kakteen zum musikalischen Höhepunkt. Als weitere Reminiszenz an den Stummfilm gaben sich Laurel und Hardy (Dick und Doof) als Minister Sylvariens Marquis Perolin (Euichan Jeong) und Graf Bojatzowitsch (KS Andreas Jören) ein Stelldichein. Komödiantische Glanzlichter setzten ferner der junge deutsch-griechische Tenor Nikos Striezel als quirliger James Bondy – im Elvis-Outfit mit der Hand stets am Telefon – und die griechische Sopranistin Marianna Nomikou als charmant-selbstironische Lispel-Prinzessin Rosemarie. Ihre jazzige Romanze „Ja, im Himmel spielt auch schon die Jazzband“ fesselte das Publikum. Visuelle Glanzpunkte Ausstatterin Beata Kornatowska setzte mit Art-déco-Kulissen, glänzenden Kostümen und einem stilsicheren Händchen für Details visuelle Glanzpunkte. Das Bühnenbild ermöglichte den schnellen Wechsel von der Tanzbar zum Schloss in Sylvarien. Die beeindruckenden Choreografien von Annika Dickel griffen den Rhythmuswechsel zwischen Wiener Walzer und Jazz tänzerisch auf und ließen die sechs Boys in Röcken und sechs Girls in Hosen dynamisch über die Bühne wirbeln. Der Opernchor unter Leitung von Francesco Damiani zeigte sich bestens einstudiert und trug maßgeblich zur mitreißenden Atmosphäre bei – ob in hymnischen Passagen der Alten Welt mit Trompetengeige oder im schmissigen Jazz mit Saxofon. Geertje Boeden ist mit ihrer Inszenierung eine feinsinnige Gratwanderung zwischen Satire und Nostalgie gelungen. Ihre Herzogin von Chicago ist mehr als ein unterhaltsames Operettenrevival – sie ist ein kluges Spiel mit Klischees, das dem Werk seine Relevanz zurückgibt. Sie entstaubt das Genre der silbernen Operettenära mit Witz, Tempo und einem exzellenten Ensemble. Weitere Vorstellungen stehen für den 30. Mai, 1. Juni, 7. Juni, 28. Juni, 5. Juli auf dem Programm.