Detmold. In Detmold haben das Landestheater und davor das Hoftheater stets eine große Rolle gespielt. Zudem ist Detmold das größte der vier Landestheater in NRW - die anderen sind in Dinslaken, Neuss und Castrop-Rauxel. Kirsten Uttendorf ist seit Beginn der Spielzeit 2024/25 Intendantin des Landestheaters Detmold und damit verantwortlich für das künstlerische Gesamtkonzept der Bühne. Was war vor 200 Jahren wichtig? Ist dasselbe heute immer noch wichtig - und: Was wird wichtig werden? Gehen Sie selbst gerne ins Theater, und was sehen Sie da an? Kirsten Uttendorf:Ja, ich gehe sehr gern ins Theater! Ich schaue mir zum Beispiel Inszenierungen von Regisseuren und Regisseurinnen an, die mich interessieren und die ich vielleicht für ein Stück bei uns beauftragen möchte – quer durch alle Sparten. Demnächst sehe ich mir eine Sängerin an, weil ich schauen möchte, wie sie sich weiterentwickelt hat. Auch sehe ich mir gern Uraufführungen an, um neue Stücke kennenzulernen, aber insgesamt schaffe ich viel weniger, als ich schaffen möchte. Grundsätzlich aber bin ich sehr gern in Vorstellungen, das Theater ist quasi mein „Wohnzimmer“, und ich möchte mich stets inspirieren lassen. Natürlich schaut man sich im professionellen Bereich Inszenierungen sehr analytisch an. Aber wenn ich spüre, dass mich ein Stück packt und berührt, dann vergesse ich das gern und erlebe die Vorstellung wie eine ganz normale Besucherin. Die Analyse folgt dann erst später: Wie wurde das handwerklich gemacht? Warum hat es funktioniert – oder warum nicht? Theater war schon bei den alten Griechen beliebt und ist es immer noch. Wie kommt das? Kirsten Uttendorf:Im Theater erleben wir gemeinschaftlich, dass uns Geschichten über das Leben und über Menschen erzählt werden. Theater wirft allgemeingültige Fragen auf, regt gedankliche Prozesse und Diskussionen an und unterhält uns in all seinen Formen. Ich kenne viele Theaterbesuchende, die Inszenierungen von ein und demselben Stück über viele Jahre hinweg miteinander vergleichen können – und ich glaube, das zeigt, dass Theater einen immer wieder neuen und aktuellen Blick ermöglicht. Das Landestheater ist 200 Jahre alt. Wie hat sich die Aufgabe des Theaters seither geändert? Kirsten Uttendorf:Das Landestheater ging ja schon sehr früh in seinen Anfängen auf Reisen und spielte auch außerhalb von Detmold, wollte aber immer die Menschen der Region erreichen. Seinerzeit war das Theater aufgeteilt in höfisches Theater und Volkstheater und erreichte unterschiedliche Gesellschaftsschichten getrennt voneinander. Ich denke, dass wir heute mehr Begegnungen schaffen und mehr auf die Menschen zugehen müssen, um ein Ort des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu sein. Seinerzeit war Theater „das“ Medium schlechthin – das einzige: Das ist in unserer multimedialen Welt längst anders geworden, darauf müssen wir reagieren. Wir haben heute sehr viel mehr sehr viel differenziertere Stücke, also ein weitaus vielfältigeres Angebot an Bühnenliteratur. Es gibt ein großes Angebot an Kinder- und Jugendtheater auch in Detmold als eigene Sparte mit zahlreichen Angeboten in allen Altersstufen, das es früher gar nicht gab. Insgesamt sind wir heute eine sehr viel bedachtere Gesellschaft im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Theater kann unterhalten, Diskussionen anregen, Denkanstöße geben, ein Spiegel des Lebens sein – und eine Menge mehr. Es muss auch wirtschaftlich arbeiten, doch darf kommerzieller Erfolg für Künstler wichtig sein? Kirsten Uttendorf:Wir müssen die Wirtschaftlichkeit auf jeden Fall im Bewusstsein haben. Einen Spielplan mit einer guten Mischung aufzustellen und mit Themen, die die Menschen berühren, ist stets unser Anspruch. Wirtschaftlichkeit und hoher künstlerischer Anspruch schließen sich dabei nicht aus. Wenn ein Stück richtig gut ist und die Inszenierung ebenfalls, dann kann diese gute Mischung erreicht werden. Kommen wir auf Detmold: Neben unseren zahlreichen Abonnenten haben wir auch viele Menschen, die ein oder zweimal im Jahr ins Theater gehen, und dieses Publikum ist uns auch wichtig. Diese Menschen schauen sehr genau hin, was sie sich ansehen wollen. Da ist es wichtig, dass sie hören: Dieses oder jenes Stück ist ganz toll, da musst du hin. Welche Rolle spielt das Landestheater Detmold in der Gesellschaft? Kirsten Uttendorf:Als ich als Intendantin nach Detmold kam, wurde ich von vielen Menschen angesprochen und gefragt, was ich denn mit ihrem Theater vorhabe. Das ist mir nirgends sonst so begegnet. Die Verbundenheit mit dem Theater ist in Detmold wirklich groß – das zeigt ja auch der Verein der Theaterfreunde mit seinen fast 700 Mitgliedern. Theater spielt also eine große Rolle in Detmold und in der Region Lippe. Es ist eine echte Erfolgsgeschichte der vergangenen 200 Jahre, dass das erreicht worden ist. Ich glaube, diese Verbundenheit wurzelt tief in der Gründungsgeschichte des Theaters und der Struktur der Detmolder Bevölkerung, denn das Theater war ja stets auch ein Treffpunkt für alle Bürgerinnen und Bürger. Auch die Art der Trägerschaft, die Breite mit den vielfältigen Unterstützern, trägt sicher zur Identifikation bei. Theater war früher für das ganze Volk, zwischendurch mal elitär, dann wieder nicht, und es findet in Detmold in einem tempelhaften Gebäude hinter hohen Säulen statt. Sie haben Theater zu Beginn der Spielzeit mit einem mehrtägigen Fest vor diese Säulen getragen. Warum? Kirsten Uttendorf:Wir wollten damit dreierlei kundtun. Erstens: Wir sind wieder da nach der Sommerpause. Zweitens: Wir sind für unser Publikum da. Und drittens: Wir beginnen eine ganz besondere Spielzeit, die unseres 200-jährigen Bestehens. Wir haben ja auch draußen geprobt, und die Menschen konnten dabei zusehen und auch spüren, wie Theater entsteht. Natürlich wollten wir die Menschen auch darauf aufmerksam machen, welche neuen Produktionen es gibt und was man im Theater hinter den Säulen erleben kann und sie dorthin locken. Darüber hinaus war es auch ein Dankeschön an unsere treuen Besucher und an die Region. Wir sind im Theater ja noch in unserer Anfangsphase, aber die Zukunft ist, das Theater weiter in die Gesellschaft mit unterschiedlichen Formaten zu öffnen. Wir schaffen nicht alles auf einmal – und wir konnten das Theaterfest auch nur mit der finanziellen Unterstützung der Stiftung Standortsicherung Lippe und der Theaterfreunde erreichen. Zu Ihrem Antritt haben Sie vor etwa eineinhalb Jahren gesagt, dass Sie hoffen, die überregionale Wahrnehmung des Landestheaters in den kommenden drei Jahren zu stärken. Halbzeit. Wie weit sind Sie gekommen? Kirsten Uttendorf:Wir haben einiges geschafft und sind gut in der überregionalen Presse vertreten. Wir sehen das auch in der wachsenden Nachfrage auf dem Gastspielmarkt, der für diese Spielzeit sehr gut gebucht ist. Das aktuelle Jubiläum wird außerdem einiges an Aufmerksamkeit generieren. Einige Produktionen wurden von Kritikern, die „Die Zauberflöte“ und „Die Herzogin von Chicago“ besucht hatten, im Magazin Die Deutsche Bühne gelobt, und wir sind in der Kategorie „Beste Gesamtleistung kleines Haus“ zweimal genannt worden. In dieser Spielzeit haben wir insgesamt drei Uraufführungen in Musical, Jungem Musiktheater und Ballett und bereiten für die Spielzeit 2027/28 eine Uraufführung im Musiktheater vor. Sie kommen aus der Regie, haben viel Kindertheater gemacht, waren auch Operndirektorin und sind jetzt Intendantin. Das passt prima zu den unterschiedlichen Sparten in Detmold, zu denen auch Musical und natürlich Ballett zählen. Welche davon ist die wichtigste? Kirsten Uttendorf:Immer, wenn ich gefragt werde, welche Sparte würdest du am ehesten schließen, dann müsste ich aus wirtschaftlichen Gründen sagen: das Junge Theater, weil wir damit am wenigsten verdienen. Aber das geht natürlich nicht. Das Junge Theater ist extrem wichtig, denn das Publikum dort sind unsere Besucher von morgen. Natürlich ist das Musiktheater unsere wirtschaftlich stärkste Sparte, aber auch Schauspiel und Ballett. Wichtig sind sie alle und befruchten sich außerdem gegenseitig – und es ist ja auch so, dass das Publikum bestimmte Vorlieben hat. Manche gehen ausschließlich ins Musiktheater, andere interessiert das wiederum gar nicht. Es ist daher wichtig, alles gleichermaßen anzubieten. Sie haben drei Wünsche für das Theater frei – welche? Kirsten Uttendorf:Ich wünsche mir, dass die Finanzierung für mehrere Jahre selbstverständlich ist. Ich wünsche mir außerdem, dass die Machbarkeitsstudie für das Landestheater umgesetzt wird – darin geht es um einen Um- und Neubau, um Barrierefreiheit und vieles mehr. Ein großes und sehr teures Projekt, das für die Zukunft des Hauses immens wichtig ist. Und ich wünsche mir, dass wir im Theater im Team gemeinsam an einem Strang ziehen und das „Wir-Gefühl“ stärken – „Wir“ sind Theater, und in dem sind alle gleich wichtig. Mehr zur Serie gibt es hier. Persönlich Kirsten Uttendorf (55) ist seit 2024 Intendantin des Landestheaters Detmold. Zuvor war sie von 2018 an Operndirektorin am Staatstheater in Darmstadt. Nach Abschluss ihres Studiums der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum hatte die aus Lünen/Westfalen stammende Uttendorf diverse Lehraufträge an Hochschulen. Regieassistenzen und freiberufliche Regiearbeiten führten sie unter anderem an das Schauspielhaus Hamburg, nach Nürnberg, Dortmund, Münster oder Bielefeld.