Kreis Lippe. Beinahe wäre Heidi P. (Name geändert) gestorben. Nicht an der Gürtelrose, aber an den Folgeerkrankungen. Und auch wenn die Seniorin scheinbar wie durch ein Wunder dem Tod von der Schippe gesprungen ist, so quälen sie doch täglich starke Schmerzen, auch wenn die Bläschen am Kopf längst abgeheilt sind. Die Gürtelrose hat der Lipperin sehr viel Lebensqualität genommen. Seit mehr als eineinhalb Jahren kämpft sie mit den Symptomen einer Post-Zoster-Neuralgie. Jetzt möchte die 96-Jährige andere Menschen warnen – und ihnen den guten Rat geben: „Lasst Euch bloß impfen!“ Wer im öffentlich-rechtlichen das Vorabendprogramm schaut, der ist an sich bestens aufgeklärt: Denn im Fernsehen wird mit der Empfehlung der Ständigen Impfkommission STIKO rauf- und runter geworben. Die Zielgruppe: Menschen ab 60, die sich gegen Herpes zoster, wie die Gürtelrose im Fachjargon heißt, impfen lassen sollten. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Heidi P., deren Namen die Redaktion auf ihren Wunsch anonymisiert hat, war nicht gegen Gürtelrose geimpft: „Ich wollte mich impfen lassen, aber bin nicht mehr rechtzeitig dazu gekommen“, erzählt sie. Krankheit zu spät erkannt Ihre Leidensgeschichte beginnt im April 2024, als die Krankheit ausbricht. Heidi P. hat Fieber, fühlt sich abgeschlagen und bemerkt Bläschen im Gesicht, einseitig über der Augenbraue. Doch ihr Hausarzt erkennt die Krankheit zunächst nicht und schickt sie wieder nach Hause. Wertvolle Zeit verstreicht, in der eine Medikamentengabe die Symptome lindern und eine langfristige Schädigung der Nerven hätte verhindern können. In den ersten 72 Stunden nach Ausbruch der Gürtelrose stehen die Chancen dafür gut, heißt es. Doch die drei Tage sind längst um, als Heidi P. schließlich die Diagnose erhält – mit fatalen Folgen. Die Seniorin hat seither mehrere Lungenentzündungen gehabt, zig Klinikaufenthalte liegen hinter ihr. Zuletzt Ende 2024, als die Luftnot so groß war, dass sie beinahe erstickt wäre. Inzwischen ist sie wieder zu Hause, erholt sich langsam. Doch ihre Vitalität ist nicht zurückgekehrt, sie ist auf fremde Hilfe angewiesen: „Vor der Erkrankung habe ich sogar noch regelmäßig mittags für meine Enkeltochter gekocht, aber die Gürtelrose nimmt einem enorme Kraft weg“, schildert sie ihren Zustand. „Angst, ins Bett zu gehen“ „Es ist, als wenn einem Ameisen im Kopf herumlaufen“, beschreibt sie die Nervenschmerzen. Diese äußern sich durch Juckattacken, die die Seniorin vor allem nachts überkommen: „Ich habe regelrecht Angst, ins Bett zu gehen – denn ich kann keine Nacht durchschlafen, das Jucken reißt mich aus dem Schlaf.“ Dann versuche sie, nicht dem Impuls nachzugeben und zu kratzen, sondern mit einem kalten nassen Waschlappen gegen das Kribbeln anzugehen. Da die Gürtelrose am Kopf ausbrach, sind die Schmerzen an dieser Stelle geblieben. Heidi P. deutet auf den betroffenen Bereich – von der Augenbraue bis zum Hinterkopf: „Auch das Augenlid schmerzt, wenn ich es berühre.“ Die Seniorin hat vieles ausprobiert: klassische Medikamente, Schmerzmittel, aber auch Haus- und Wundermittelchen. Nichts half ihr wirklich. Inzwischen ist sie bei der Detmolder Neurologin Dr. Julia Schiermeyer in Behandlung. Medikamente senken Schmerzwahrnehmung Die Neurologin kennt die Problematik gut. In der akuten Erkrankungsphase werden ihren Angaben zufolge die Schmerzmedikamente nach der Intensität des Schmerzes ausgesucht. Dafür gebe es das sogenannte WHO-Stufenschema. Meist beginne man mit zum Beispiel mit Ibuprofen, häufig reiche dies nicht aus. Bei chronischen Nervenschmerzen nach einer Gürtelrose verschrieben die Ärzte zum Beispiel Antikonvulsiva oder Antidepressiva. Diese Medikamente senken die Schmerzwahrnehmung im Gehirn. Nicht jede Gürtelrose muss übrigens behandelt werden. Die Krankheit kann auch ohne Komplikationen nach zwei bis vier Wochen abheilen. „Eine Behandlung wird besonders für Patienten mit Vorerkrankungen empfohlen, die das Immunsystem schwächen, und bei Menschen über 50“, erklärt Dr. Schiermeyer. Auch das Verteilungsmuster spiele eine Rolle. Bei einem Herpes zoster im Kopf- oder Gesichtsbereich, wie er bei Heidi P. ausbrach, oder auch einer sehr starken Ausprägung werde jedoch eine sofortige Behandlung empfohlen. Als gefährliche Komplikation gilt neben der Post-Zoster-Neuralgie auch eine Meningoenzephalitis, eine kombinierte Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) und der Hirnhäute (Meningitis). Nebenwirkungen der Impfung gering Deshalb sei eine Impfung gegen Herpes zoster für ältere und immungeschwächte Patientinnen und Patienten zu empfehlen. Zumal die Nebenwirkungen vergleichsweise gering sind. Dr. Julia Schiermeyer: „Es kann zu lokalen Reaktionen im Bereich der Einstichstelle kommen. Darüber hinaus treten häufig Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Fieber und Gliederschmerzen auf. Diese klingen meist nach wenigen Tagen ab.“ Heidi P. hofft, dass sich ihr Gesundheitszustand irgendwann bessert. Sie weiß, dass sie weiter Geduld haben und hoffen muss – denn Nerven regenerieren sich langsam, die Schmerzen verschwinden bei manchen Patienten nach Wochen und Monaten, bei anderen erst nach Jahren, wenn sie nicht chronisch werden. Inzwischen hat sich die 96-Jährige auch impfen lassen – denn auch nach einer Gürtelroseninfektion besteht die Gefahr, dass sich die Patientin erneut infiziert, wenn sie nicht geimpft ist. Und sie wiederholt ihren Rat noch einmal eindringlich: „Lasst Euch impfen!“