Kreis Lippe. Jeder Mensch, der einmal an Windpocken erkrankt ist, kann eine Gürtelrose bekommen, denn beide Erkrankungen werden durch Varizella-zoster-Viren verursacht. Während einer Windpockenerkrankung nisten sich Viren im Körper in den Nervenzellen ein. Eine 96-jährige Lipperin hat der LZ von ihrer Leidensgeschichte erzählt, seit sie im April 2023 an Herpes zoster erkrankte - bis heute hat sie schlimme Schmerzen und fürchtet sich jeden Abend davor, ins Bett zu gehen. Denn dort warten die „Ameisen im Kopf“ wie sie die Nervenschmerzen beschreibt. Dr. Christiane Ferekidis ist als Fachärztin für Allgemeinmedizin, Chirotherapie, Suchtmedizin und psychosomatische Grundversorgung in der Detmolder Gemeinschaftspraxis Faust-Ferekidis-Gottschalk tätig und erläutert, warum die Gürtelrose für ältere und immungeschwächte Patienten besonders gefährlich ist, und welche überraschenden Ergebnisse eine neue Studie über den Impfstoff lieferte. Stimmt es, dass die Zahl der Gürtelrose-Erkrankten zunimmt oder ist das nur ein gefühlter Wert? Dr. Christiane Ferekidis: Die Gürtelrose ist eine Erkrankung des abwehrgeschwächten Körpers, das heißt die Wahrscheinlichkeit, an einer Gürtelrose zu erkranken, nimmt mit Alter und Schwere der Grunderkrankung zu. Dieser Zusammenhang ist stabil. Die Bevölkerung wird im Schnitt älter und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, an einer Gürtelrose zu erkranken. Statistisch gesehen erkrankt jeder Mensch über 85 Jahren einmal an einer Gürtelrose. Außerdem gibt es Studien, dass die Verläufe mit steigendem Alter/ Immunsuppression ungünstiger werden, das Auftreten von Nervenschmerzen als Komplikation wird wahrscheinlicher. Haben Sie viele Gürtelrose-Patienten in Ihrer Praxis? Dr. Christiane Ferekidis: Subjektiv treten Gürtelrose-Erkrankungen in Wellen auf: Manchmal häuft es sich, lange Zeit gibt es keine Erkrankung. Ich habe nachgeschaut: In unserer Praxis wurden im gesamten Jahr 2024 insgesamt 46 Menschen mit einer neu aufgetretenen Herpes zoster-Erkrankung behandelt, meist aufgrund von Nervenschmerzen. Bei welchen Beschwerden sollte man seinen Arzt aufsuchen? Dr. Christiane Ferekidis: Auf alle Fälle, wenn man einen bläschenförmigen Ausschlag in einem begrenzten Hautgebiet bemerkt, der mit Schmerzen oder einer Änderung der Berührungsempfindung einhergeht. Grundsätzlich können diese Missempfindungen oder Schmerzen auch den Bläschen zeitlich vorausgehen, daher ist eine Vorstellung auch dann sinnvoll. Warum sollte eine Behandlung innerhalb von 72 Stunden erfolgen? Dr. Christiane Ferekidis: Es gibt wirksame Medikamente, die die Virusvermehrung im Körper hemmen. Damit wird die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass es zu virusbedingten Entzündungen und Schäden an sensiblen Ganglien und peripheren Nerven kommt, die zur Entstehung chronischer und intensiver Schmerzen führen können. Je früher man behandelt, desto geringer das Risiko einer sogenannten Post-Zoster-?Neuralgie. Wo liegen die Gefahren nach einer Infektion? Dr. Christiane Ferekidis: Die Gefahr oder das Risiko der Herpes zoster-Erkrankung ist in der Regel nicht der Krankheitsverlauf an sich, sondern das Auftreten von Nervenschmerzen, die dem Versorgungsgebiet einer Nervenwurzel (sog. Dermatom) entsprechen. Besonders unangenehm und schmerzhaft ist der Befall einer Trigeminuswurzel („Kopfrose“) mit Auge- oder Ohrenbeteiligung. Die STIKO hat die Impfempfehlung hochgesetzt – auf 18 bei Vorerkrankungen. Ist das ein Indiz für die Gefährlichkeit und Spätfolgen? Dr. Christiane Ferekidis: Das Herabsetzen der Impfempfehlung von 50 auf 18 Jahren bei schweren Vorerkrankungen ist letztlich ein Indiz für die Verträglichkeit der Impfung und die Effektivität der Impfung, die man auch jüngeren, immunsupprimierten Menschen zukommen lassen möchte. Die Impfempfehlung der unter 60-Jähringen bezieht sich nur auf Menschen, die an einer schweren oder schlecht kontrollierten chronischen Erkrankung leiden und/oder die Immunsuppressiva einnehmen müssen. Ab welchem Alter würden Sie Impfungen empfehlen? Dr. Christiane Ferekidis: Die Impfempfehlung der STIKO lautet aktuell für alle Menschen ab 60 Jahren einmalig (um fasst die zweimalige Gabe eines Totimpfstoffes im Abstand von zwei bis sechs Monaten) und für alle Menschen ab 18 Jahren mit einer signifikanten Immunsuppression. Es gibt Studien, nach denen die Impfung vor Demenz schützen kann. Wie belastbar sind die Ergebnisse? Dr. Christiane Ferekidis: Tatsächlich wurde im April eine Studie im „Nature“ veröffentlicht, die für Aufmerksamkeit gesorgt hat: Die Wissenschaftler kamen zum Ergebnis, dass Personen, die eine Impfung gegen Herpes zoster erhalten haben, ein signifikant geringeres Demenzrisiko haben. Der Effekt war bei Frauen stärker als bei Männern nachweisbar. Es gibt auch andere Studien, die ebenfalls eine positive Korrelation zwischen Impfungen (zum Beispiel Tetanus oder Lungenentzündung) und einer verringerten Erkrankungswahrscheinlichkeit für Demenz festgestellt haben. Endgültige Erklärungen zu dem verantwortlichen Mechanismus dazu gibt es noch nicht. Aber was feststeht ist, dass eine Impfung gegen Gürtelrose mit dem Totimpfstoff die Schmerzen zu über 90 Prozent reduzieren kann und zum gesunden Altern mit hoher Lebensqualität und Selbstständigkeit beitragen kann.