Kein Pumpspeicherwerk am Mörth - Landrat ist enttäuscht

Im Naturidyll wird nicht gebaut - Hochtief steigt aus

Astrid Sewing

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Bleibt unberührt:das Naturschutzgebiet Schwalenberger Wald - © Bernhard Preuss
Bleibt unberührt:das Naturschutzgebiet Schwalenberger Wald (© Bernhard Preuss)

Kreis Lippe. Ein Pumpspeicherkraftwerk kann nicht wirtschaftlich betrieben werden - Hochtief hat deshalb die Reißleine gezogen und zieht sich aus allen derartigen Projekten zurück. Die Pläne für das Mörth sind endgültig vom Tisch.

Das Projekt, das 2013 vorgestellt wurde und ein Investitionsvolumen von 300 Millionen Euro umfasste, war umstritten. Die Gegner führten vor allem ins Feld, dass große Flächen in einem Naturschutzgebiet bebaut worden wären. Auf dem ehemaligen militärisch genutzten Gelände auf dem Mörth sollte ein Obersee angelegt werden, für den Untersee hätten einige private Flächen angekauft werden müssen.

In Lügde hatte es massive Proteste gegeben. Bürgermeister Heinrich Reker zeigte sich erleichtert, als er am Freitag von den Entwicklungen erfuhr. Landrat Friedel Heuwinkel bedauert den Schritt von Hochtief, kann die Gründe aber nachvollziehen. „Ich verstehe natürlich, dass das Unternehmen darauf achten muss, mit seinen Investitionen Geld zu verdienen“, erklärt der Landrat. „Aber für Deutschland und Lippe kann ich diese Entscheidung nur bedauern. Wenn der Atomausstieg bis 2022 funktionieren soll, brauchen wir Speichertechnologien.“ Deshalb habe der Kreis die Pläne von Hochtief unterstützt.

Ganz unverhofft kam die Entscheidung aber nicht. Bereits im Mai hatte RWE angekündigt, nicht mehr auf Pumpspeicherkraftwerke (PSW) zu setzen, weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht passten. „Viele Energieexperten und Unternehmen hatten sich eine Strompreisförderung auch für Speicherlösungen erhofft, um jetzt mit Planung und Bau beginnen zu können. Doch die aktuelle Einigung der Regierungskoalition vom 1. Juli, die Maßnahmen und Eckpunkte für die Energiewende bündelt, sieht dies nicht vor“, kritisiert Dr. Ute Röder, Fachbereichsleiterin für Umwelt und Energie beim Kreis Lippe.

Bisher überschaubar investiert
Auch Hochtief hatte von Anfang an betont, dass sich ein Kraftwerk nur dann rechne, wenn es gefördert wird. „Wir ziehen uns nicht zurück, weil wir den Standort im Kreis Lippe als ungeeignet ansehen, sondern weil Hochtief alle Aktivitäten an diesem und an weiteren geplanten Standorten im südlichen Niedersachsen und in Thüringen einstellt“, so Pressesprecher Bernd Reuther.

Die Summen, die bislang in das Projekt in Lippe geflossen sind , seien überschaubar. 2013 wurde die 100-prozentige Tochtergesellschaft PSW Lippe GmbH mit Sitz in Lügde gegründet. Hochtief hatte ein Gutachten über das Gebiet durch das Büro „Bioplan“ erstellen lassen und nach eigenen Angaben die Kosten auch komplett übernommen. „Der Kreis Lippe hat kein Geld investiert, sondern nur Daten zur Verfügung gestellt oder auch Kontakte vermittelt“, erklärt Kreis-Pressesprecherin Meike Delang auf Nachfrage.

Für Mathias Füller, Leiter der Biologischen Station Schieder, steht die Entwicklung des Fauna–Flora-Habitat-Gebietes „Schwalenberger Wald“ im Vordergrund. „Das PSW hätte ohnehin nur gebaut werden können, wenn das Verfahren zu dem Ergebnis gekommen wäre, dass die Errichtung auf dem Mörth FFH-verträglich zu realisieren gewesen wäre“, sagt Füller. Da es nun gar nicht bis zur Prüfung gekommen sei, bleibe der Status quo erst einmal, wie er ist. „Allerdings haben wir nun dank der umfangreichen Untersuchungen eine deutlich verbesserte Datengrundlage zur Bedeutung des Gebietes und der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten“, stellt Füller fest.

Die Untersuchungen haben Vieles von dem bestätigt was bereits bekannt war, aber auch verblüffende neue Erkenntnisse erbracht. „So gesehen kann das Verfahren, das Hochtief angestoßen hat, auch einen entscheidenden Impuls für Maßnahmen geben, mit denen der ökologische Zustand des Schwalenberger Waldes und seine Bedeutung für die dort lebenden Arten weiter verbessert werden kann.“

„Wichtige Investitionen bleiben aus“
Ist es sinnvoll auf Pumpspeicherkraftwerke zu setzen, um Energie rund um die Uhr verfügbar zu haben? Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (Dena), würde die Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten.

Die Dena wurde im Herbst 2000 mit Sitz in Berlin gegründet. Die Gesellschafter sind die Bundesrepublik Deutschland, die KfW Bankengruppe, die Allianz SE, die Deutsche Bank AG und die DZ Bank AG. Die Experten beraten Politiker sowie Verbraucher und entwickeln Zukunftsszenarien, wie sich die Energiewende entwickeln könnte. In einer Podiumsdiskussion der LZ im vergangenen Jahr hatte ein Vertreter der Dena Stellung für ein Pumspeicherwerk bezogen.

Dass sich Hochtief nun zurückzieht, kann Andreas Kuhlmann nur teilweise nachvollziehen. „Pumpspeicher sind ein wichtiger Baustein für die Energiewende, da sie langjährig erprobte großtechnische Stromspeicher sind.“ Allerdings seien die derzeitigen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen schlecht. „Sie erschweren einen wirtschaftlichen Betrieb – und so bleiben wichtige Investitionen in diese Technologie aus. Das ist sehr schade.“ Pumpspeicher seien sehr wichtig für die Energiewende, weil sie Bestandteil der Versorgungssicherheit seien. „Und wir sollten bedenken: Pumpspeicherwerke, die heute geplant werden, gehen in zehn bis 20 Jahren in Betrieb.“

Keine ausreichenden wirtschaftlichen Anreize
Christian Müller, Prokurist der Stadtwerke Bad Salzuflen, bedauert, dass „lokale oder regionale Projekte an politischen Rahmenbedingungen scheitern“. „Das gegenwärtige Strommarktdesign in Deutschland bietet keine ausreichenden wirtschaftlichen Anreize für den Bau von bestimmten Speicher- oder Erzeugungstechnologien, die aus ökologischer und technologischer Sicht eigentlich sinnvoll wären.“

Für die Experten des Kreises Lippe bleibt das Thema Stromspeicherung nach dem Aus für das Projekt aktuell. „In Deutschland wird viel Strom durch Wind-, Wasser- und Solarkraft erzeugt. Das Problem ist aber, dass dieser Strom unregelmäßig gewonnen wird“, erläutert Berthold Lockstedt, Fachgebietsleiter Energie beim Kreis. Zurzeit werde dies reguliert, indem konventionelle Kraftwerke je nach Bedarf hoch- oder runtergefahren werden.

„Die Antwort auf die Probleme kann nur die Zwischenspeicherung von Strom sein“, betont Landrat Friedel Heuwinkel. Im Kreis Lippe würden bereits fast 40 Prozent des Strombedarfs regenerativ erzeugt. Im Innovationszentrum in Dörentrup arbeite der Kreis gemeinsam mit der Hochschule OWL daran, Batterien und Steuerungstechnologien zu entwickeln, mit denen Hausbesitzer ihren selbsterzeugten Strom speichern können.

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