Drei Männer sollen Kinder auf Lügder Campingplatz missbraucht haben

Martin Hostert, Erol Kamisli und Janet König

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Die Polizei hat den Stellplatz des 56-jährigen Tatverdächtigen abgesperrt. - © Vera Gerstendorf-Welle
Die Polizei hat den Stellplatz des 56-jährigen Tatverdächtigen abgesperrt. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Lügde-Elbrinxen. Nahezu idyllisch liegt die Blockhütte auf einem leicht abschüssigen Wiesenhang. Wo sonst Familien unbeschwert Urlaub machen, deutet nun ein Absperrband auf ein unglaubliches Verbrechen hin. Ein 56-jähriger Mann aus Lügde und zwei weitere Täter sollen über mehrere Jahre hinweg etwa 20 Kinder im Alter zwischen vier und 13 Jahren missbraucht haben. Tatort soll der Campingplatz in Elbrinxen sein.

Bereits im Jahr 2016 hatte ein besorgter Familienvater laut LZ-Informationen Anzeige gegen den 56-Jährigen wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch erstattet. Dem Vater sei auf einem Kindergeburtstag aufgefallen, wie der Bekannte einige Kinder unsittlich berührt habe. Deswegen sei es zwischen den Männern zu einer Auseinandersetzung gekommen, woraufhin der 56-Jährige die Feier verlassen habe. Nach Gesprächen mit den Kindern soll sich später der Verdacht erhärtet haben, dass der Bekannte sich an den drei Töchtern eines befreundeten Paares sexuell vergangen haben könnte. Die Familie sei öfter auf dem Campingplatz gewesen und hätte einen sporadischen Kontakt mit dem 56-Jährigen gepflegt.

Bereits 2016 bestand ein Verdacht

Der Anzeige wurde nachgegangen. Die Ermittlungen von Polizei und Jugendamt blieben damals jedoch ohne hinreichenden Tatverdacht. Bei dem mutmaßlichen Täter soll es sich um einen Dauercamper handeln, der auf dem Platz in Elbrinxen sesshaft war und seit dem Jahr 2016 ein Pflegekind in seiner Obhut hatte. Das Mädchen soll mit dem 56-Jährigen in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen. Der mutmaßliche Täter soll gegenüber Mitcampern angegeben haben, das Kind sei die Tochter einer Bekannten, die sich wegen ihrer Drogenabhängigkeit nicht um das Mädchen habe kümmern können. Auch das Jugendamt soll mehrfach vor Ort gewesen sein, um sich nach Kind und Wohnverhältnissen zu erkundigen. Hier hätte es jedoch keine Auffälligkeiten gegeben.

Der 56-Jährige soll das inzwischen sechsjährige Mädchen dazu benutzt haben, Kontakte zu anderen Kindern zu knüpfen. Außerdem soll das Pflegekind ebenfalls zu den Missbrauchsopfern gehören.

Der Campingplatz in Elbrinxen. - © Vera Gerstendorf-Welle
Der Campingplatz in Elbrinxen. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Der Betreiber des Campingplatzes zeigte sich geschockt: „Von Außen gab es keinerlei Anzeichen." Der Dauercamper und das Kind hätten äußerst unauffällig auf dem Platz gelebt, nie hätte es Probleme gegeben. Auch von der Anzeige im Jahr 2016 und den eingeleiteten Untersuchungen habe der Betreiber nichts gewusst. Der Wohnwagen des mutmaßlichen Täters sei zurzeit abgesperrt, der ganze Platz stehe unter Schock.

Trotz der Wohnsituation und der vorliegenden Anzeigen blieb das Kind dem Dauercamper anvertraut. Für eine Stellungnahme war das zuständige Jugendamt nicht zu erreichen. Erst im November 2018 soll es nach weiteren Hinweisen zu einer Festnahme des 56-jährigen Campers gekommen sein. Seitdem sitzt der mutmaßliche Täter in Untersuchungshaft – zwei weitere Männer sind ebenfalls festgenommen worden.

Die Polizei ermittelt wegen schweren sexuellen Missbrauchs gegen den 56-Jährigen und zwei weitere Tatverdächtige. In welchen Zusammenhang die anderen Männer mit dem verhafteten Camper stehen, ist noch unklar.

"Keine Verwahrlosung"

Zuständig für das Pflegekind ist das Jugendamt des Kreises Hameln-Pyrmont. Die unter anderem von der Staatsanwaltschaft heftig kritisierte Unterbringung auf einem Campingplatz verteidigt der Landkreis: „Weder der Gesundheitszustand, die finanzielle Lage noch das Führungszeugnis des Mannes gaben Grund zur Beanstandung."

Entscheidend seien die gute Bindung des Kindes zu dem Pflegevater, dessen Einsatz für das Kind und deutliche Verbesserungen des Entwicklungszustandes gewesen. Die Situation sei wöchentlich überprüft worden. „Die Wohnsituation war sicherlich nicht optimal, hat im Vergleich zu einer funktionierenden sozialen Bindung allerdings einen deutlich geringeren Stellenwert und ist kein Indiz für die Feststellung für eine Kindeswohlgefährdung. Sie entspricht einem winterfesten Wochenendhaus mit einem Schlafbereich für das Kind, das in gutem Pflegezustand vorgefunden wurde." Der Pflegevater habe sich seinen Lebensmittelpunkt geschaffen, Freizeitaktivitäten koordiniert, sei in das Umfeld eng eingebunden gewesen.

Dem Jugendamt Lippe ist Ende 2018 die Strafanzeige bekannt geworden. „Das Kind wurde am selben Tag in Obhut genommen und in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht. Hameln-Pyrmont übernahm schließlich die Obhut des Kindes." Bereits Ende 2016 sei eine Kindeswohlgefährdung angezeigt worden. „Diese bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung – nicht eines möglichen Missbrauchs", betont Pressesprecherin Lydia Penner. Aber: „Das Kind lebte in keinem verwahrlosten Umfeld."

Ein stiller Zeitgenosse

Frank Schäfsmeier, 54, ist fassungslos. Der Besitzer des Campingplatzes kennt den Verdächtigen als „stillen, hilfsbereiten Zeitgenossen." Vor 20 Jahren habe er einen Sommer für ihn gearbeitet. „Auch nach vielem Nachdenken gibt es im Nachhinein nichts Anstößiges, was mir an ihm negativ aufgefallen wäre. Ich hätte für ihn meine Hand ins Feuer gelegt."

Campingplatzbetreiber Frank Schäfsmeier. - © Bernhard Preuß
Campingplatzbetreiber Frank Schäfsmeier. (© Bernhard Preuß)

Seit Montag seien zahlreiche Journalisten aus ganz Deutschland bei ihm gewesen, die großen Sender und Magazine waren da – er sorge sich um den Ruf seines Platzes, den seine Eltern 1973 gegründet hatten. Aber: „Es geht hier nicht um mich, es geht um die Kinder." Gefreut habe ihn, dass viele Dauergäste angerufen hätten. „Sie haben fest zugesagt, weiterhin auf meinen Campingplatz zu kommen." Er habe zahlreiche Mails und Anrufe erhalten.

Die Gemeinschaft der Camper halte eben zusammen – nach dem Motto: „Der Tatort kann ja nichts für die Tat."
Unbegreiflich findet Schäfsmeier, dass der 56-Jährige ein Pflegekind in Obhut bekommen habe: „Das hat mich gewundert. Nicht wegen meines Dauercampers, sondern weil seine Parzelle schon unordentlich war. Ich hatte ihm meine Bedenken auch geäußert. Und das Jugendamt war oft hier, um nach dem Rechten zu sehen."

Von der Verhaftung Anfang Dezember habe er erst Tage später erfahren: „Der Mann hatte eine Wohnung gefunden und musste renovieren – ein Campingplatz als fester Wohnsitz ist ja seit zwei Jahren verboten." Schäfsmeier hatte seine beiden Töchter dann sofort gefragt, ob sie Kontakt zu dem Mann gehabt hätten – „aber sie sagten Gott sei Dank Nein."

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