Die Räumung der Klingebergfabrik hat 1984 für Furore gesorgt. - © LZ-Archiv

Zeitreise
Aufruhr für ein Jugendzentrum und kultige Lokale: Das waren die 80er in Lippe

Die Räumung der Klingebergfabrik hat 1984 für Furore gesorgt. (© LZ-Archiv)

Kreis Lippe. Es ist das Jahrzehnt, in dem sich auch in Deutschland die Jugend mehr und mehr eine Stimme verschafft. Die Proteste der 68er-Generation kommen auf dem Land an – auch in Lippe. Die Zeitreise geht in die 80er.

Einige Kommunen haben hier Anfang der 80er bereits Jugendzentren geschaffen, in anderen hängt man stark hinterher. So gehen in Detmold die jungen Leute einen harten Kampf ein, um sich ihren Traum zu erfüllen und besetzen die alte Klingenbergfabrik.

Besetzer erreichen ihr Ziel

Seit Ende des 19. Jahrhunderts standen an der Hornschen Straße in Detmold die Fabrikgebäude der Klingenbergdruckerei. Doch am 12. Januar 1981 beginnt der Anfang vom Ende. 540 Polizisten und eine Abrissbirne rücken an. Die Firma hatte das Fabrikgelände bereits zwei Jahre zuvor verlassen und war ins Industriegebiet im Detmolder Westen umgezogen. Im Sommer 1980 schlägt eine Arbeitsgemeinschaft der Stadt vor, die leeren Gebäude als Standort eines selbstverwalteten Jugendzentrums zu nutzen.

Die Klingenbergfabrik. - © Stadtarchiv Detmold
Die Klingenbergfabrik. (© Stadtarchiv Detmold)

Nachdem Regierungspräsident Walter Stich als Eigentümer der Gebäude den Vorschlag im November abschmettert, besetzen die Jugendlichen zwei der Gebäude. Über die Dauer von zwei Monaten organisieren sie hier Konzerte, Kulturkreise und Treffs – zum Missfallen der Politik. Die hält an den Abrissplänen fest und lässt die Gebäude in besagter Nacht räumen. Letztendlich erzielen die Besetzer aber einen Sieg.

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Am 19. Februar 1981 gibt der Detmolder Rat grünes Licht dafür, dass die Alte Paulinenschule das neue Kommunikationszentrum wird. Auch heute besteht das autonome Jugendzentrum „Alte Pauline" an der Bielefelder Straße noch.

Diskussionkultur nimmt zu

Im ganzen Land gibt es derweil Proteste gegen den Bau von Atomkraftwerken. Das führt nicht zuletzt dazu, dass sich eine neue Partei gründet. „Die Grünen" schreiben sich auf die Fahne, besonders im Sinne des Umweltschutzes zu agieren. Im Jahr 1986 kommt es zur nuklearen Katastrophe in Tschernobyl. Ein Unglück, das lange nachwirkt. Politik findet in Lippe nun auch Einzug in die Abendkultur. In Kneipen wie der „Berta" diskutiert man die Ereignisse.

Bis 1989 gab es die "Berta" in der Hornschen Straße. - © Annette Schäfer/Stadtarchiv Detmold
Bis 1989 gab es die "Berta" in der Hornschen Straße. (© Annette Schäfer/Stadtarchiv Detmold)

Auf den ersten Blick war sie schlicht, aber ihr Charme sprach Bände. Das Publikum? Studenten, bunte Vögel, Musiker, Journalisten, Schauspieler, Politiker... Seit Anfang der 60er Jahre war diese Gastronomie in der Detmolder Hornschen Straße der Anlaufpunkt für alle, die sich in anderen Lokalitäten nicht wohl fühlten.

Die „Berta" war Geburtsstätte lokaler Künstler, politischer Bewegungen und musikalischer Ergüsse. „In der Berta fing alles an", schreibt Hans-Gerd Schmitt in seinem Buch „Die 68er in der Provinz". Im April 1989 kam dann das Aus für das Lokal. Einige Jahre stand sie leer, wurde in den 90ern komplett saniert. 1998 eröffnete dort die Zoohandlung Brackemann. Heute beherbergt das Gebäude das Tattoostudio Sonic Soul.

Die ganz Großen in der Residenzstadt

Mit dem Ende der "Berta" wurde es Zeit für etwas neues. Die Lücke füllte ein besonderes Lokal an der Elisabethstraße. Alles gut – das ist die grobe Übersetzung des englischen Slang-Begriffs „Hunky Dory". Und sinnbildlich warf dieser Name auch seine Schatten voraus, als die „Hunky Dory Music Hall" in der Detmolder Elisabethstraße im Herbst 1983 zum ersten Mal ihre Türen öffnete.

Bis 1997 gab es das Hunky Dory in Detmold. - © Preuss/LZ-Archiv
Bis 1997 gab es das Hunky Dory in Detmold. (© Preuss/LZ-Archiv)

In der Diskothek gaben sich über Jahre hinweg große Künstler die Klinke in die Hand. Jack Bruce, bekannt aus der Band Cream, machte den Anfang. Es folgten Bands wie Sisters of Mercy, Uriah Heep, Die Ärzte und Die Toten Hosen. Erst 1994 gaben die Betreiber nach elf Jahren auf. Die großen Künstler zog es inzwischen in größere Locations, und das „Hunky" bot nicht genügend Platz. Daher traten künftig nur noch lokale Musiker auf. 1997 war auch damit Schicht. Das „Hunky Dory" zog nach Lemgo ins ehemalige „Frangipani" um. Noch bis Anfang der 2000er lief der Betrieb dort weiter – allerdings mit einem anderen Konzept als reine Diskothek.

Der Vorläufer des Streamings

Und was ein Jahrzehnt zuvor noch gar nicht denkbar war, flackert nun über die heimischen Fernseher: Filme auf Wunsch! Dank zahlreicher Videotheken kann das Abendprogramm jetzt ganz individuell gestaltet werden.

"Video Killed the Radio Star". - © Anzeige: LZ, 17. Dezember 1989
"Video Killed the Radio Star". (© Anzeige: LZ, 17. Dezember 1989)

Sie waren revolutionär. Bunte Leuchtreklame, Filmplakate in den Schaufenstern und eine schier unvorstellbar große Sammlung an allem, was das Cineasten-Herz begehrte. In den 80ern eröffnete eine Videothek nach der anderen und brachte VHS-Kassetten an den Mann. Vom Familienfilm über den Science-Fiction-Hit bis zur Erwachsenen-Abteilung boten die Geschäfte ihre Auswahl feil und lieferten damit die Gelegenheit, auch außerhalb des linearen Fernsehens das Abendprogramm zu gestalten. Nicht umsonst sangen The Buggles bereits 1979 „Video Killed the Radio Star".

Heute spielen Videotheken im Alltag kaum noch eine Rolle. Laut dem Institut Statista gab es 2018 nur noch 432 Videotheken in Deutschland – zehn Jahre zuvor waren es noch 2.920. In Lippe hat im Juni zusammen mit dem Novum in Bad Salzuflen die letzte Videothek dicht gemacht.

Musik zum Anfassen

Ganz nah dran war die Musik der 80er Jahre. Nicht zuletzt, weil dank des Walkmans Synthi, Neue Deutsche Welle und Punk ein steter Begleiter wurden. Das führte auch dazu, dass Songs eine viel schnellere Bekanntheit erlangten. Die deutschen Charts des Jahrzehnts sind jetzt geprägt von Stücken aus Übersee und den ersten rockigen Bands, die sich auch hierzulande trauen, einen ganz neuen Klang zu spielen.

1 "Dance Little Bird" - Electronica’s

2 "Sun of Jamaica" - Goombay Dance Band

3 "Maid of Orleans" - O.M.D.

4 "Adios Amor" - Andy Borg

5 "Johnny and Mary" - Robert Palmer

6 "You Want Love (Maria, Maria...)" - Mixed Emotions

7 "Felicita" - Al Bano & Romina Power

8 "Skandal im Sperrbezirk" - Spider Murphy Gang

9 "Another Brick in the Wall" - Pink Floyd

10 "Santa Maria" - Roland Kaiser*

Diese und weitere Hits der 80er sowie die Lieblingssongs der LZ-Redaktion gibt es zum Nachhören bei Spotify: https://spoti.fi/2yeF8gc

*Auswertung laut chartsurfer.de nach Chartplatzierung und Dauer.

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von Yvonne Glandien

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