Mehlwürmer landen auf dem Teller: EU lässt Insekten als Lebensmittel zu

Astrid Sewing

  • 0
Mehlwürmer könnten die ersten Insekten sein, die als Lebensmittel zugelassen werden. Aber diese Brotauflage kommt ganz woanders hin – ins Vogelhäuschen. Das Drumherum auf dem Teller mundet der Fotografin sehr viel besser. - © Astrid Sewing
Mehlwürmer könnten die ersten Insekten sein, die als Lebensmittel zugelassen werden. Aber diese Brotauflage kommt ganz woanders hin – ins Vogelhäuschen. Das Drumherum auf dem Teller mundet der Fotografin sehr viel besser. (© Astrid Sewing)

Kreis Lippe. Matthias Upmann ist Experte, wenn es um das Fleisch geht, schmecken tut es ihm auch. Und mit Fleischersatz kennt sich der Professor der Technischen Hochschule OWL im Fachbereich Life Science ebenfalls bestens aus. Doch es geht um Mehlwürmer, präziser um den gelben Mehlwurm. Der ist das erste Insekt, das offiziell  in der EU als Lebensmittel zugelassen wurde.Die EU-Länder stimmten am Dienstag einem Vorschlag der Europäischen Kommission zu, wonach der Verzehr von getrockneten gelben Mehlwürmern künftig erlaubt sein soll.

Doch dass das direkt die Lebensmittelbranche revolutioniert, glaubt Upmann nicht. Und beim Thema Tierschutz ist der Wurm drin: Es gibt ihn nicht.

Es gibt bereits Lebensmittel auf Insektenbasis

Es ist für Verbraucher auch verwirrend, denn in Deutschland gibt es bereits Lebensmittel auf Insektenbasis. „Es gibt hier Sonderzulassungen", erklärt Upmann. In der Tat sind die Insekten ein Thema, steht doch immer wieder die Massenhaltung von Rindern, Schweinen, Hühnern & Co. und die daraus resultierende Klimabelastung in der Kritik. „Es werden deshalb Alternativen gesucht", sagt Upmann.

An der TH OWL hatte der Fachbereich bereits einmal die Versuchsküche angeschmissen und Insektenburger zur Verkostung angeboten. Jetzt geht es um wesentlich mehr. Die EU-Lebensmittelbehörde EFSA hält die Larven der gelben Mehlwürmer für unbedenklich. Sowohl als ganzes getrocknetes Insekt als auch in Pulverform seien sie für den menschlichen Verzehr geeignet. Die Larve enthält demnach in erster Linie Protein, Fett und Ballaststoffe. Der Verzehr sei daher „ernährungsphysiologisch nicht nachteilig", was übersetzt heißt: Man verliert erstmal nicht, wenn man die Krabbler isst.

Professor Upmann hat sich die Daten der Studie angesehen und kommt zu dem Schluss, dass der Proteingehalt von Rindfleisch und Wurm annähernd gleich sind. Beim Fett schlängelt sich der gelbe Mehlwurm so durch – sein Fettgehalt liegt zwischen Rind und Schwein. Punkte macht er im Bereich Mineralstoffe und den Fettsäuren Omega 3 und 6. „Man kann sich damit ernähren", sagt der Experte.

Lebensbedingungen sind nicht ganz so einfach

Doch er gibt zu Bedenken, dass auch diese Tiere in großen Farmen gehalten werden müssen und sie bestimmte Lebensbedingungen brauchen. Wärme und Feuchtigkeit sind für Würmer Wohlfühlklima. „Würde man solche Farmen in Ländern bauen, die viele Sonnenstunden haben, zum Beispiel Afrika, dann müsste man dort aber auch Insektenfutter – also Futterpflanzen – und ausreichend Wasser zur Verfügung haben. Wüste geht also nicht. Es ist also nicht ganz so einfach." Die Hygiene spiele ebenso eine große Rolle wie in der herkömmlichen Tierhaltung. Bakterien wie Salmonellen seien auch für insektenbasierte Lebensmittel eine Gefahr.

Außerdem sei das Tierschutzgesetz nicht auf Insekten ausgelegt – Haltung und Transport seien zwar geregelt, nicht jedoch das Töten von Insekten. Und gesund sind die Tierchen auch nur, wenn das Futter keine Rückstände enthält. „Denn sonst sind auch Mehlwurm-Produkte belastet", sagt Upman. Zudem können Lebensmittelallergien ausgelöst werden, es gebe teilweise Kreuzreaktionen mit Krustentierallergien. Außerdem habe der Wurm ein Imageproblem – dass man ihn so richtig mit Appetit verspeist, kann sich der Experte nur dann vorstellen, wenn man ihn nicht als Ganzes sieht. „Als Mehl verarbeitet, ist das was anderes."

Dass die Lehre nun komplett auf den Kopf gestellt wird, sieht Matthias Upmann nicht. „Es kann aber eine sinnvolle Ergänzung sein. Wir arbeiten gerade daran, auch alternative proteinreiche Produkte in unseren Lehrplan aufzunehmen." Rein privat sieht der Speiseplan anders aus. Upmann ist bekennender Fleisch-Fan, isst aber in Maßen. „Man sollte darauf achten, was man kauft und lieber auch mal mehr zahlen und dafür weniger kaufen."

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare