Kreis Lippe. „Die diesjährige Ernte war schon extrem“, resümiert Dieter Hagedorn, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Lippe, zum Erntedank. So ein Jahr habe es lange nicht mehr gegeben. Vor allem die schwierigen Erntebedingungen hätten den Bauern zu schaffen gemacht. Den Klimawandel könne man spüren. Dieser Regensommer zeige auch, dass gute Ernten nicht selbstverständlich seien, wird Hagedorn in einer Pressemitteilung des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes zitiert.
Dauerregen ließ keine Erntearbeiten zu
Nachdem die Gerste Anfang bis Mitte Juli noch bei schönem Wetter gedroschen werden konnte, setzte dann Dauerregen ein. Dieser ließ keine Erntearbeiten zu. Weizen, Triticale (Kreuzung aus Roggen und Weizen), Roggen sowie Hafer standen rund vier Wochen reif auf den Feldern. „Mit jedem Regentag, an dem der Mähdrescher nicht fuhr, nahm die Backqualität von Weizen und Roggen ab“, schildert der Vorsitzende. So verwandelte sich Brotgetreide vielerorts zu Futtergetreide. Oftmals konnte das Getreide auch nur noch über die Biogasanlage verwertet werden. Einige Felder konnten sogar überhaupt nicht mehr geerntet werden. Bei Raps und Ackerbohnen gab es ebenfalls Auswuchs und aufgeplatzte Schoten. Die Kartoffeln litten außerdem unter den feucht-warmen Bedingungen.
Vom Regen profitiert haben dagegen der Wald, die Wiesen und Weiden, der Mais und die Zuckerrüben. „Wiesen und Weiden sowie Mais sind gut gewachsen“, berichtet der Vorsitzende. „Wiesen und Weiden, also das Grünland, brauchen Feuchtigkeit und die hatten wir in diesem Frühjahr und Sommer". Die Landwirtsfamilien mit Rindern, Pferden und Schafen müssen sich daher im Vergleich zu den Dürrejahren keine Sorgen um knappes Futter machen. Wie bei Grünland und Mais erwarten die Landwirte auch bei den Zuckerrüben eine gute Ernte.
Tierhaltung verwertet einen großen Teil der Ernte
Gerade die schwierige Erntesituation in diesem Sommer verdeutlicht nach Angaben von Hagedorn, dass für den Menschen nicht geeignete Ernteprodukte über die Tierhaltung nutzbar werden. Ohne die Tierhaltung sei eine nachhaltige Ernährung nicht möglich. „Unsere Tierhaltung verwertet in diesem Jahr einen großen Teil der Ernte“, erläutert der Vorsitzende. Verbleibt das reife Korn wie in diesem Jahr zu lange bei feuchter Witterung auf dem Halm, keime es. Es setzen Keimungsprozesse ein, die die Backeigenschaften reduzieren. Brot aus diesem Getreide würde nicht mehr richtig aufgehen und wäre unverkäuflich.
Das Getreide, das wegen des Dauerregens so stark gelitten hat, dass es auch als Tierfutter nicht mehr verwertet werden konnte, konnte zu großen Teilen in Biogasanlagen genutzt werden. Es wird in Strom und Wärme umgewandelt. Hagedorn erklärt die Verwertungsrangfolge: Die Priorität sei zunächst die Verwertung für den Teller, also die menschliche Ernährung, dann für den Trog, also als Tierfutter und, wenn auch das nicht mehr geht, als letztes als nachwachsender Rohstoff. Doch: Jede reduzierte Verwendung sei für die Landwirte mit finanziellen Einbußen versehen. Aber zumindest sei so das Getreide im Sinne der Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz sinnvoll genutzt.
Landwirte fordern verlässliche Agrarpolitik
Mehr noch als das Wetter machen den Bauernfamilien die politischen Vorgaben Sorgen. Man müsse den Landwirten die Luft zum Atmen lassen. Sie nicht mit immer mehr Gesetzen, Auflagen und Bürokratie belasten - und das in einem immer schnelleren Tempo - die zugleich mit viel Geld und Investitionen verbunden seien.
„Wir brauchen von der Politik ein klares Bekenntnis zur heimischen und regionalen Landwirtschaft“, mahnt der Vorsitzende, „insbesondere für die Tierhalter. Wir brauchen dringend tragfähige Konzepte zur Weiterentwicklung der Tierhaltung und vor allem Perspektiven.“