Kreis Lippe. Wie reagieren Sie, wenn Sie unvermittelt von jemandem angerempelt werden? Sind Sie dann vielleicht verärgert? Dann ergeht es Ihnen womöglich wie den erdeigenen Molekülen, die während eines sogenannten Sonnenwinds von geladenen Sonnenteilchen angerempelt werden. Vor Wut beginnen sie zu leuchten – vielleicht vergleichbar mit einem Menschen, dem die Zornesröte ins Gesicht schießt. Und schon sehen wir Menschen auf der Erde ein mystisches Leuchten im Norden – grün, gelb, rot oder orange: Die Polarlichter, in unseren Breitengraden auch Nordlichter oder Aurora borealis genannt, erscheinen am Himmel.
Wenn der Naturfilmer und Wetterexperte Robin Jähne (54) die Entstehung von Polarlichtern mit angerempelten, ärgerlich leuchtenden Molekülen erklärt, kann sie jeder verstehen – selbst die, die mit Physik und Astronomie nichts am Hut haben. Vor einigen Wochen gerade war das Himmelsschauspiel wieder über Lippe zu sehen – und manch einer zog mit der Kamera raus aufs Feld, um schöne Bilder zu erhaschen. Gaby Prasse und Ralf Nierhaus fotografierten nahe Istrup, Annette Meyer im Kalletal. Auch die Fotos, die man bei Facebook oder Instagram findet, sind imposant – und bieten Stoff für Spekulationen: Woher kommt das Leuchten? Ist es Ausfluss des Klimawandels, wie Kommentatoren in den sozialen Netzwerken mutmaßen? Oder steht uns der Weltuntergang bevor?
Wetterexperte Jähne, der in Hornoldendorf lebt und schon in den 90er Jahren – damals noch analog – Polarlichter über Lippe mit seiner Kamera eingefangen hat, schüttelt energisch den Kopf. Er hält nichts von den Verschwörungstheorien. Seine Erklärung dafür, dass es Polarlichter immer häufiger auch bei uns zu sehen gibt, ist einfach: Die Zahl der Ereignisse habe sich nicht erhöht, vielmehr seien die Menschen dank der ausgefeilten Technik aufmerksamer geworden. „Die Satelliten funken ihre Daten zur Erde. Dadurch bekommen mehr Leute das Ereignis mit. Denn es gibt spezielle Seiten im Internet, auf denen die Nordlichter angekündigt werden. Und natürlich hat sich die Kameratechnik deutlich verbessert, sodass mehr Bilder entstehen – und die Aufnahmen gehen im Internet rum.“
Auch wenn der Anblick der Polarlichter mystisch ist, und, wie Robin Jähne sagt, „ein Fest für die Sinne“, der Hintergrund ist reine Physik: Geladene Teilchen werden aus der Sonne herausgeschleudert und treffen entlang der magnetischen Feldlinie in der Nähe der magnetischen Pole auf die Moleküle der Erdatmosphäre. „Und die fangen dann wie eine Neonreklame an zu leuchten“ – und schon ist das Himmelsspektakel perfekt.
Wobei. Ganz so profan ist das Ganze dann doch nicht. Denn ein Sonnensturm allein reicht nicht aus, damit die Lipper die Polarlichter sehen können. Zunächst einmal braucht es einen klaren, aber dunklen Himmel. Denn die Reaktion findet oberhalb der Wolkendecke, in etwa 100 Kilometern Höhe statt. Und auch weitere äußere Rahmenbedingungen müssen passen, denn nicht jeder Sonnenwind fliegt auch in Richtung Erde. Übrigens: Wenn die Richtung stimmt, dauert die Reise lange: „Bis zu zwei Tage“, sagt Jähne.
Eine längerfristige Vorhersage von Nordlichtern sei deshalb nicht möglich. Wer aber gerne mal selbst hinausgehen und Fotos machen will, dem empfiehlt der 54-Jährige die recht verlässliche Prognose auf der Seite www.polarlicht-vorhersage.de. Und dann heißt es: Warm anziehen, und warten. Aber alle, die das Spektakel schon einmal gesehen haben, versichern: „Es lohnt sich.“
Sonnensturm stört Flugverkehr
Etwa alle elf Jahre erreicht die Aktivität der Sonne ihr Maximum: Auf ihrer Oberfläche sind mehr Flecken als sonst zu sehen, in deren Nähe es zu Eruptionen kommt. Dabei wird Masse aus der Korona, dem äußersten Teil der Sonnenatmosphäre, ausgestoßen.
Die Folge eines solchen koronalen Massenauswurfs (CME, Coronal Mass Ejection) kann ein Sonnensturm sein. Für Menschen bedeutet ein Sonnensturm keine unmittelbare Gefahr, denn die Erde ist durch ihre Atmosphäre und ihr Magnetfeld geschützt.
Die hochenergetischen, schnellen Teilchen können aber Satelliten treffen und elektronische Geräte außer Gefecht setzen und somit zu Stromausfall führen oder den Flugverkehr stören. ??Quelle: www.ardalpha.de