Detmold. Der Himmel ist düster, nur ein Stacheldrahtzaun zieht sich bedrohlich durch die Landschaft, daneben thront ein Wachturm. Am Horizont rollt ein Güterzug an, Rauch steigt aus der Dampflok auf. Es ist eine Szene, die in Erwachsenen ganz automatisch die Schrecken des Holocausts hochkommen lässt: Die Zeichnung lässt deutlich das Konzentrationslager Auschwitz erkennen. Millionen Menschen sind hier ermordet worden. Ganz vorne aber wächst ein Hoffnungsschimmer: Im Gras blühen Wildblumen und Lupinen.
Illustratorin Francis Kaiser hat die Bildkomposition sehr bewusst gewählt, um dem Schrecken etwas Schönes entgegenzusetzen. „Ich wollte ein Bild schaffen, in das man so tief einsteigen kann, wie man möchte“, sagt die Detmolderin. Jeder Rezipient könne selbst entscheiden, inwieweit er oder sie die Szene entschlüsseln möchte - und sich notfalls bewusst zurückziehen. Diese Möglichkeit offen zu lassen, sei wichtig gewesen, gerade für die junge Zielgruppe, für die die Zeichnung bestimmt ist.
Erwachsene können KZ-Bilder lesen, Kinder nicht
„Wir sind als Erwachsene so konditioniert, dass wir beim Anschauen gleich dieses schreckliche Gefühl bekommen, Kinder kennen das noch nicht.“ Die Zeichnung des Konzentrationslagers gehört zum 38 Seiten starken bebilderten Sachbuch „Damals hieß ich Rita“, das im Februar 2024 im Peter Hammer Verlag erscheint. Den Text schrieb der deutsch-niederländische Autor und Pädagoge Lutz van Dijk, die Detmolderin Francis Kaiser hat die Geschichte mit Bildern zum Leben erweckt. Das Buch soll Kindern ab acht Jahren helfen, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Im Fokus steht die Geschichte der niederländischen Holocaust-Überlebenden Rozette Kats.
Für die Detmolder Künstlerin ist es das erste Buchprojekt, das sie jemals illustriert hat. „Es ist immer noch ganz surreal“, sagt die 35-Jährige. „Ich werde es wahrscheinlich erst realisieren, wenn es wirklich in den Geschäften steht.“ Kaiser erinnert sich noch genau, wie sie selbst vor einem Jahr vorm Fernseher saß und die Rede von Rozette Kats im Deutschen Bundestag zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus verfolgte.
Schon damals war sie sehr von ihrem Auftritt berührt, sagt Francis Kaiser. Wenige Wochen später meldete sich ihre zukünftige Lektorin dann mit der Anfrage. „Sie haben bewusst nach einem fotorealistischen Stil gesucht und sind deshalb auf mich aufmerksam geworden.“ Gefühle und Emotionen in kleinen Alltagsmomenten einzufangen und nach außen zu transportieren, genau das mache ihre Arbeiten aus.
Buchprojekt bringt Detmolderin an ihre Grenzen
Mit ihrem ersten Buchprojekt stößt Kaiser dann gleich auf ein Thema, das wie kein zweites herausfordernd ist. Wie viel Schrecken darf ein Kinderbuch zeigen? Wie schafft man es, den Holocaust kindgerecht in Bildern zu erzählen, ohne junge Menschen zu traumatisieren? Eine Aufgabe, die ihr auch persönlich einiges abverlangt hat, sagt Kaiser. „Meine Bilder leben von Emotionen - und die muss ich auch fühlen.“ Die erste Zeit der Recherche und des „Drauflos-Malens“ sei daher sehr emotional und auch belastend gewesen. „Ich habe zusehends gemerkt, dass ganz viel Verantwortung darin steckt.“
Geholfen hat der Detmolderin der enge Kontakt mit ihrer erfahrenen Lektorin Karin Gruß, die ihr auch immer wieder Tipps gegeben habe. Eine Szene im Ghetto, in der jüdische Männer vor bewaffneten SS-Wachen knien und sich ergeben, habe die Illustratorin erst an den Rand des Bildes gesetzt. „Mir war klar, dass ich so etwas zeigen muss, aber ich habe mich erst nicht getraut.“ Ihre Lektorin habe sie ermutigt, die Szene ins Zentrum zu setzen. „Wir zeigen Schrecken, tun das aber wohldosiert.“
Damit junge Leserinnen und Leser nicht überfordert werden, ist Rozette Kats Überlebensgeschichte in einer Rahmenhandlung eingebettet. Die heute 81-jährige Holocaust-Überlebende erzählt im Buch Grundschulkindern, wie ihre jüdischen Eltern sie mit acht Monaten einer niederländischen Pflegefamilie überließen, um ihre Tochter zu retten. Die Eltern und ihr kleiner Bruder, der wenig später im Durchgangslager geboren wird, sterben in Auschwitz. Erst Jahre erfährt Rozette vom Schicksal ihrer Familie.
Berührende Szene: Eltern nehmen Abschied von ihrem Kind
Die Abschiedsszene der liebenden Eltern ist es, die der Illustratorin beim Zeichen besonders nahe ging. Das Paar drückt ihr Kind noch einmal fest an sich, die Eltern riechen ein letztes Mal am Köpfchen des Babys. „Der Geruch deines Kindes ist ein ganz besonderer“, sagt Francis Kaiser. „Ich bin selbst Mutter und hatte die Gerüche meiner Kinder sofort im Kopf.“ Der Schmerz, den die Eltern empfunden haben müssen, sei ihr dann ganz nah gewesen.
Die Erzählweise lasse junge Rezipienten nicht alleine, das sei allen Beteiligten enorm wichtig gewesen. „Die Geschichte wird immer wieder von Fragen, Kommentaren und Reaktionen der zuhörenden Kinder unterbrochen“, sagt Francis Kaiser. Die Charaktere im Buch bildeten dabei die Projektionsfläche für die lesenden Kinder in der Realität. Dabei grenzt die Illustratorin bewusst das Heute und Damals voneinander ab. Leuchtende Farben und ein auffällig gelber Sessel sind die Marker für die Erzählsituation in der Schule, Rozettes Geschichte ist dagegen in gedeckteren Farben gehalten.
Enger Kontakt mit Holocaust-Überlebenden
Um das Bilderbuch zu verwirklichen, hat die Detmolderin immer wieder den Kontakt zu Rozette Kats selbst gesucht. „Mir war es wichtig, dass sie sich mit den Bildern wohlfühlt.“ Daher habe die 35-Jährige einige Änderungswünsche berücksichtigt, auch wenn das gar nicht unbedingt üblich sei. „Es ist schließlich ihr Vermächtnis und sie war mir komplett ausgeliefert.“
Als die ersten Belegexemplare ankamen, meldete sich Rozette Kats kurz darauf bei ihr. „Sie hat mir eine sehr berührende Mail geschrieben, was mir unheimlich viel bedeutet hat. Wahrscheinlich sogar am Allermeisten.“ Die Detmolderin steckt jetzt gerade in ihrem nächsten Bilderbuchprojekt, für das sie neben der Illustrationen auch selbst den Text geschrieben hat. „Es ist genau das, was ich machen will“, sagt sie. „Ich fühle mich angekommen.“
„Damals hieß ich Rita - Die Geschichte von Rozette Kats“ erscheint am 5. Februar 2024 im Peter Hammer Verlag. Die Altersempfehlung gilt ab acht Jahren. Das Buch hat 38 Seiten und kostet 20 Euro.
Illustratorin bietet Lesungen ab Klasse 4 an
Die Illustratorin Francis Kaiser bietet für Schülerinnen und Schüler ab der vierten Klasse an, Rozette Kats Geschichte in Auszügen zu lesen und dabei über die Bilder ins Gespräch zu kommen. Je nach Schwerpunkt kann die Thematik des Holocausts dabei laut Kaiser behutsam aufgearbeitet werden. Eine Vor- bzw. Nachbereitung durch die Schule ist angebracht, heißt es von der studierten Pädagogin. Wer Interesse hat, kann sich per Mail an francis.kaiser@kaiserwerk.de melden.