Detmold. Kaum hat die Große Jugendkammer unter dem Vorsitz von Richterin Anke Grudda den zweiten Prozesstag zu den tödlichen Schüssen in der Bachstraße eröffnet, gibt der wegen Mordes angeklagte Schütze das Geheimnis um den Verbleib der Waffe preis. Damit nicht direkt Unbefugte zum Suchen ausschwärmen, bekommt Staatsanwältin Johanna Bretthauer die Info diskret von Verteidiger Christoph Rautenstengel auf dem Gerichtsflur übermittelt. Dass der 19-Jährige die Pistole am 4. Januar wohl auf der Flucht mit seinem wegen Beihilfe angeklagten Kumpel (19) irgendwo ins Wasser geworfen hatte, klingt dennoch im Saal an. „Gummistiefel wären hilfreich“, kommentiert Verteidiger Dr. Tobias Dietrich, der den Schützen ebenfalls vertritt. Noch am selben Tag schwärmen Taucher der Feuerwehr Lemgo aus, um die Tatwaffe zu suchen. Dashcam als entscheidender Beweis In der Beweisaufnahme geht es weiter darum, die Eskalation aufzuarbeiten. Mehrere Zeuginnen und Zeugen sagen aus, die die Schlägerei mit tödlichem Nachspiel am helllichten Tag mitten in Detmold mitbekommen hatten. Da es mit dem Video ein objektives Beweismittel gibt, ist der grobe Ablauf unstrittig. Genau das stellt die Vorsitzende Richterin heraus, als eine zentrale Zeugin aussagt. „Ihrer Dashcam ist es zu verdanken, dass wir diesen Fall überhaupt aufklären können“, sagt Grudda. Während die Frau zufällig an der Szene vorbeigefahren war, saß auch ihr sechsjähriges Kind im Auto, das alles mitansehen musste. Der kleine Junge soll davon Bilder gemalt haben. Immer wieder lässt sich in den Zeugenaussagen herauszuhören, wie der Vorfall unbeteiligte Menschen nachhaltig belastet hatte. „Ich habe mit allen Mitteln versucht, es zu vergessen, das ist mir sehr schwergefallen“, sagt eine Anwohnerin. Fest steht, dass der Getötete (43), sein Sohn (20) und dessen Cousin (24) zuerst auf die beiden 19-Jährigen losgingen und auf den späteren Schützen einschlugen. Dabei stach der als Nebenkläger im Saal sitzende Sohn mit dem Messer zu. Für diese gefährliche Körperverletzung verurteilte ihn das Jugendschöffengericht erst am Montag zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe, sein Begleiter bekam ein Jahr weniger. Augenzeugen stark belastet Wie heftig das Trio auf ihre Kontrahenten losgegangen sein soll, beschreibt ein Berufsschullehrer vor Gericht. „Das war wie Raserei.“ Er habe erst dazwischen gehen wollen, sich dann aber wegen der Brutalität des Angriffs dagegen entschieden. Ein Ehepaar berichtet, es habe dann so gewirkt, als würde die Gewalt deeskalieren und die beteiligten Gruppen auseinandergehen. Dann soll der eine 19-Jährige eine Pistole gezogen und mehrfach geschossen haben. Das Trio habe in der Sekunde längst wieder am Auto gestanden. Nach dem zweiten Schuss sei der 43-Jährige zusammengebrochen, sagt ein weiterer Passant aus. Kurz vor dem Zusammentreffen soll der Wagen des Trios den beiden Jungs den Weg abgeschnitten haben. Mehrere Zeugen berichten, wie das Auto anraste. Die beiden Jungs hatten vorher an der Tür eines Familienmitglieds provoziert. Drogenschulden sollen Streit entfacht haben Das Motiv lässt sich für die Kammer nun etwas klarer herausarbeiten. Ein junger Mann aus dem der hiesigen Justiz bekannten Freundeskreis berichtet, dass sowohl er als auch die beiden Angeklagten Geldschulden bei dem Sohn des Getöteten gehabt haben sollen. „Er hatte uns Drogen besorgt - Gras.“ Die Rede ist von 800 und 1000 Euro. Bezahlen wollte offenbar niemand etwas. Details zu der Schusswaffe will der Zeuge lieber nicht nennen. Rechtsanwalt Johannes Salmen passt als Zeugenbeistand auf, dass sich sein Mandant nicht belastet. Dass er die Waffe kennt, kann er nicht abstreiten. Auf seinem Handy hatten die Ermittler Videos gefunden, die der Zeuge etwa einen Monat vor der Tat selbst aufgenommen hatte. Darauf spielt der wegen Mordes angeklagte Detmolder mit einer Pistole herum und lacht. Bei der Polizei soll sein Kumpel ausgesagt haben, die Beamten wüssten doch, dass man in Detmold leicht an scharfe Waffen kommen würde. Zeugen erscheinen erst gar nicht Zwischen der Freundin (18) des Mitangeklagten und Rechtsanwalt Burkhard Benecken, der den Sohn des Getöteten in der Nebenklage vertritt, kocht es sich im Anschluss hoch. Weil die junge Frau gelogen habe, sagt Benecken, was ihr Wissen über den Tatablauf angeht, bringt er mögliche Sanktionen ins Spiel. Nebenklage-Vertreterin Katja Noe sieht das ähnlich. Der Mitangeklagte hatte der 18-Jährigen aus der U-Haft Briefe geschrieben. Richterin Grudda geht darauf nicht weiter ein, fragt selbst noch einmal nach. Daraufhin gibt die Freundin an, sich nicht zu erinnern. Zwei weitere Zeugen aus dem Freundeskreis erscheinen erst gar nicht. Da die Polizei sie am Freitag nicht greifen kann und das Gericht die Hintergründe der Tat für aufgeklärt hält, verzichtet die Kammer mit dem Einverständnis aller Prozessbeteiligten ganz auf sie. Demnach könnte am nächsten Prozesstag (11. Juli) ein Urteil fallen.