Kreis Lippe. An den Grundschulen und in der Sekundarstufe 1 fehlen in Nordrhein-Westfalen bis zum Jahr 2031 jährlich mehrere Hundert Lehrerinnen und Lehrer. Wer den beiden Lipperinnen D. und K. mit dieser Prognose aus dem Schulministerium in Düsseldorf kommt, erntet bestenfalls ihr Kopfschütteln. Lehramtsstudentin D. (25) will in Lippe bleiben „Nach mehreren Jahren Studium möchte ich jetzt ins Referendariat. Beworben habe ich mich für den Seminarort Detmold, angeboten bekommen habe ich Gelsenkirchen. Aus Sicht von uns Landeiern hässlich – und bestimmt auch eine Brennpunktschule. Aber das wäre nicht einmal mein Hauptproblem. Das ist die Entfernung. Mein Freund hat Eigentum hier in Lippe, nächstes Jahr wollen wir heiraten. Die Location haben wir schon reserviert und angezahlt. Ich sehe meine Zukunft einfach hier in Lippe. Und jetzt soll ich innerhalb von zwei Monaten eine Wohnung in Gelsenkirchen finden und hier alles abbrechen? Ich hoffe noch auf einen Platz über das Tauschverfahren, das wird mit meiner Fächerkombination allerdings fast unmöglich. Ich werde Gelsenkirchen ablehnen und es im Mai wieder versuchen. Davor heiraten wir, schnell, standesamtlich und eher unromantisch. Auch das war eigentlich fürs nächste Jahr geplant. Aber ich bin ja gezwungen, die Sozialpunkte für die Ehe zu sammeln, um doch nach Detmold zu kommen. Ein bisschen unfair ist es, dass man für eine ehrenamtliche Tätigkeit auch Sozialpunkte bekommt. Dazu hatte ich nie die Chance, ich habe mir mit zwei Jobs das Studium überhaupt erst ermöglicht – für ein Ehrenamt war da keine Zeit. Alle haben immer gesagt: Bei dem Lehrermangel kriegt jeder eine Stelle. Also, wenn ich das vorher gewusst hätte, ich hätte etwas anderes studiert. Jetzt muss ich auf eine Vertretungsstelle hoffen, sonst bin ich ab November arbeitslos.“ Referendarin K. (24) will zurück nach Lippe „Gerade mache ich mein Referendariat und suche nun nach Möglichkeit natürlich nahtlos eine feste Stelle. Bei uns gibt es aber momentan gar keine Angebote. Ich würde deswegen auch gerne zurück in meine alte Heimat, nach Lippe, gehen. Doch was bekomme ich stattdessen angeboten? Eine Stelle in Düsseldorf – aber erst einmal direkt mit vierjähriger Abordnung ins Ruhrgebiet. Zu Beginn meines Referendariats hieß es noch, es wird nur für zwei Jahre abgeordnet – das haben sie jetzt geändert.Jetzt muss ich mich innerhalb von fünf Tagen für oder gegen das Angebot entscheiden. Das finde ich sehr ungünstig, weil man seine weiteren Optionen ja gar nicht kennen kann. Vielleicht kommen noch andere Möglichkeiten. Die Stellen, die nicht über das Listenverfahren laufen, kommen ja schließlich erst in den Herbstferien raus. Als ich zum Studium von Lippe weggegangen bin, habe ich mit so einer Situation absolut nicht gerechnet. Überall hieß es: Wir brauchen Lehrkräfte, Lehrkräfte, Lehrkräfte ... Und auch in Lippe fehlen doch Lehrer. Dort wird nur nicht ausgeschrieben, um – das ist zumindest meine Vermutung – die Lehrer in den Ruhrpott und ins Rheinland zu lotsen. Bei uns hier wurden sogar Fachkräfte abgeordnet, deren Stellen dann mit fachfremdem Ersatz besetzt wurden. Ich habe mich umgehört: Nicht wenige meiner Kolleginnen und Kollegen ohne feste Stelle erwägen jetzt sogar, in ein anderes Bundesland zu wechseln.“ Eingriff in Lebens- und Familienplanung Ihre echten Namen wollen weder D. noch K. in der Zeitung lesen. Aus Sorge, im Bewerbungsverfahren Schwierigkeiten zu bekommen. Ihre Vermutung äußern sie gleichwohl deutlich: Das Land versuche offensichtlich, junge Pädagogen mit unbefristeten Jobs an Rhein und Ruhr zu locken, wo noch viel mehr Lehrerinnen und Lehrer fehlen als in den nördlichen Landesteilen. Der Kreis Lippe und sein Lehrernachwuchs? „Bleiben dabei auf der Strecke“, sind beide überzeugt. D. (25) sagt: „Ich sehe das als Eingriff in meine Lebens- und Familienplanung.“ Um den Unmut der zwei Nachwuchslehrerinnen zu verstehen, muss man wissen: Die Lehrerstellen in NRW werden nicht wie „normale“ Arbeitsplätze bei Firmen vergeben. Stattdessen gibt es sogenannte schulscharfe Ausschreibungen, bei denen Schulen passgenau aufschreiben, wen sie brauchen. Auch wenn das niemand offiziell bestätigt: Nicht selten formulieren die Schulen ihre Ausschreibungen dabei so, dass ein ins Auge gefasster Bewerber – das kann eine bereits an der Schule tätige Vertretungskraft oder Referendar sein – den Job ziemlich sicher hat. Gerade für Berufseinsteiger, die nicht das Glück haben, dass ihre Ausbildungsschule gerade ausschreiben darf, werden die schulscharfen Ausschreibungen oft zur Odyssee aus Bewerbungen, Vorstellungsrunden und vielen, vielen Absagen. Dazu kommt das Prinzip der Bestenauslese: Die Bezirksregierung schickt der Schule im Vorfeld eine vorsortierte Liste, nach der sie zu den Bewerbungsgesprächen einladen muss. System dahinter? Wer da nicht mit einem sehr guten Staatsexamen dienen kann, hat es doppelt schwer – und muss den zweiten Weg wählen: das Listenverfahren. Dabei kann NRW den Stellen- und Lehrereinsatz landesweit steuern und so Lücken besser ausgleichen. D., die als Lipperin ein Referendariat in Gelsenkirchen antreten könnte, und K., die eine feste Stelle in Düsseldorf angeboten bekommen hat, um die ersten vier Jahre ins Ruhrgebiet versetzt zu werden, sehen sich beide als Opfer dieser „Lehrerverschickung“. Wer – wie die beiden – System dahinter vermutet, findet in einer Antwort des Schulministeriums, etwas verklausuliert, die Bestätigung. Mit Blick auf die Referendarsplätze bestätigt ein Ministeriumssprecher: „Die Verteilung der Bewerber auf die Bezirke erfolgt nach einem festzulegenden Schlüssel, der sich am Umfang des erteilten Unterrichts orientiert. Das Land behält sich vor, diesen Schlüssel vor dem Hintergrund unterschiedlicher regionaler Bedarfe in der Lehrkräfteversorgung geringfügig zu korrigieren.“ Im selben Atemzug erwähnt der Pressesprecher die „vergleichsweise gut versorgte Region des Bezirks Detmold“ gegenüber den vom „Lehrkräftemangel besonders stark betroffenen Ballungsräumen der Rhein-Ruhr-Schiene“. Sprich: Eigentlich stünden Ostwestfalen und Lippe mehr Referendare zu, um den Status quo zu halten – weil an Rhein und Ruhr die Lage aber noch schlimmer ist, muss OWL Ausbildungsstellen für angehende Lehrer dorthin abgeben. Dietmar Winsel, bei der Lehrergewerkschaft GEW zuständig auch für den Kreis Lippe, hält dabei auch die Lage in Lippe und Ostwestfalen für so schlecht, dass man jede Nachwuchskraft selbst brauchen könnte. Der Gewerkschaftssekretär räumt zwar ein: „Der Regierungsbezirk Detmold ist der einzige in NRW, der 100 Prozent der Lehrerstellen besetzt hat.“ Das gelte aber nur auf dem Papier. Wer krank, in Mutterschutz, Elternzeit, Fortbildung oder Sabbatjahr ist, zählt bei den 100 Prozent trotzdem mit. Verschiebebahnhof an Rhein und Ruhr Die Folge der vermeintlichen Vollversorgung: In der Region werden laut Winsel nur noch 80 Prozent der Vertretungsstellen besetzt. „Ein glasklares Sparprogramm“, meint der GEW-Mann. Mehrarbeit, also Überstunden für Lehrer, die vor wenigen Jahren noch die Ausnahme gewesen seien, nähmen an einigen Schulen „systemerhaltende Züge“ an. Winsel: „Wir erhalten Spitzenmeldungen von Kolleginnen und Kollegen, die 20 Stunden mehr im Monat machen.“ Die Folgen seien ausgebrannte Lehrkräfte, die Attraktivität des Jobs leide weiter. Berichte wie die von D. und K. kennt Winsel zur Genüge. „Nicht nur böse Zungen sprechen bereits von einem Verschiebebahnhof ins Ruhrgebiet und Rheinland“, sagt der Gewerkschafter. Ein Verschiebebahnhof, der junge Menschen trifft, die familiär in Lippe angebunden sind. Die in Wochenendbeziehungen gedrückt werden. Die die Familienplanung hinten anstellen sollen. „Natürlich greift das Land steuernd ein, in der Hoffnung, dass der Klebeeffekt greift und zumindest Einige dauerhaft an Rhein und Ruhr bleiben“, ist sich GEW-Mann Winsel sicher. So spricht er von „vielen angehenden Lehrerinnen und Lehrern, die wir bei der Gewerkschaft in der Beratung haben, weil sie eben nicht nach Oberhausen, Gelsenkirchen oder Köln gehen“. Denn solch eine Entscheidung hat Folgen: für Pensionsansprüche, für Vertretungsstellen, die laut Winsel nach fünf Jahren keine Option mehr sind („Kettenverträge“). Nicht wenige Referendare und junge Lehrerinnen und Lehrer gerade aus dem nördlichsten Landesteil zögen mittlerweile eine Bewerbung in Niedersachsen vor. Ein echter Verlust für das Schulsystem in NRW. Das Schulministerium dagegen stellt die Lage positiver dar. Es spricht von einer „Ausbildungsplatzgarantie“ für Bewerber für ein Referendariat. Außerdem sei die Zahl der Referendare im Mai gegenüber dem Vorjahr um zehn Projekt gestiegen. Darunter auch 800 angehende Grundschullehrkräfte mehr – „so viele wie seit vielen Jahren nicht mehr“, freut sich der Ministeriumssprecher. Gleichwohl bestehe für niemanden ein Anspruch auf konkrete Ausbildungsstandorte (die sogenannten Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung, ZfsL) wie es sie in der Region in Detmold, Bielefeld, Paderborn und Minden gibt. Auch eine Ausbildungsschule könne man sich nicht aussuchen. Selbst als Festangestellte nicht sicher Das Schulministerium verweist auf den Abgleich der Ortswünsche mit den Ausbildungskapazitäten. Bewerber, die „schwerwiegende soziale Gesichtspunkte“ mitbrächten, hätten Vorrang hinsichtlich ihrer Wünsche. Bewerberinnen wie die Lipperin D. (25) – kinderlos, nicht verheiratet, kein Wohneigentum – fallen da offensichtlich hinten rüber. Nicht als Einzige. Ihren Erstwunsch bekamen 72,2 Prozent, rechnet der Ministeriumssprecher vor. 88,9 Prozent der Bewerber hätten einen ihrer vier Ortswünsche bekommen. Zahlen für die einzelnen Regierungsbezirke führt das Ministerium nach Aussagen ihres Sprechers nicht. Für GEW-Vertreter Dietmar Winsel hingegen ist klar: Da das Land systematisch Bewerber in südlichere Landesteile NRWs verschiebt, müsse man davon ausgehen, dass die Quote in OWL deutlich darunter liegt. Selbst über den Kolleginnen und Kollegen, die teils seit Jahren, ja Jahrzehnten, feste Stellen bekleiden, schwebt aufgrund des ungleich verteilten Lehrermangels nach Ansicht von Dietmar Winsel ein Damoklesschwert: die sogenannte Kaskadenabordnung. Bei der werden Lehrerinnen und Lehrer innerhalb eines Regierungsbezirks an andere Schulen geschickt, von wo wiederum jemand anderes weitergereicht wird – ... bis die Kaskade am Ende die Schulen erreicht, wo die Not am größten ist. Im Regierungsbezirk Detmold „gab und gibt es das nicht“, beantwortet der Ministeriumssprecher die Frage nach Kaskadenabordnungen in Lippe. Gewerkschafter Winsel prognostiziert jedoch, dass es ab dem Schuljahr 2027/28 auch hier so weit sein könnte. Einige ihrer Kollegen hätten das schon mitgemacht, berichtet D., die fürs Referendariat Lippe verlassen hat. „Kolleginnen und Kollegen wurden abgeordnet, ihre Stellen dann aber fachfremd neu besetzt – beispielsweise mit einem Gymnasiallehrer, der die freigewordene Grundschulstelle übernehmen musste.“ Dann vielleicht doch lieber gleich ins Ruhrgebiet gehen ...