Kreis Lippe. Der Schock ist bereits ein paar Tage alt, aber er sitzt Jutta Jelinski noch in den Knochen. „Wie konnte mir das passieren?“ - Diese Frage geistert der Detmolderin immer noch durch den Kopf. 7200 Euro hat sie verloren, weil sie im Internet auf eine miese Masche hereingefallen ist. Jutta Jelinski ist gelernte Fotografin und eigentlich schon im Ruhestand. „Ich fotografiere noch und verkaufe ab und zu Kleidung aus dem Nachlass meiner Mutter im Internet“, erzählt sie, damit bessere sie ihre spärlichen Bezüge auf. Jutta Jelinski stellte eine schicke schwarze Lederjacke bei Vinted ein, gut erhalten, für 59 Euro. „Und es dauerte nur ein paar Minuten, da bekam ich die Nachricht: ,Dein Artikel wurde gekauft und die Angaben zur Bestellung wurden hinterlegt. Bitte prüfe die Übersicht unten und bestätige den nächsten Schritt.’“ Dass diese Nachricht einen sonderbaren Absender hatte, fiel ihr nicht auf, zumal der Name der vermeintlichen Käuferin, Stephanie Kohler aus Wertingen in Süddeutschland, ihr glaubwürdig erschien und die angegebene Lieferadresse tatsächlich existiert - nur die Käuferin anscheinend nicht. Total aufgeregt, weil schon so schnell ein Verkauf winkt, trat die Detmolderin in einen „Support“-Dialog ein, der auf ihrem Bildschirm aufploppte. „Der war im Vinted-Design, darum bin ich nicht misstrauisch geworden.“ Sie wurde angewiesen, ihre Bankverbindung und die Daten ihrer Kreditkarte zu „verifizieren“, und dann bekam sie einen Anruf von einer angeblichen Vinted-Mitarbeiterin. Kontosperrung kommt zu spät „Die Frau sprach sehr schlecht Deutsch, aber dabei habe ich mir nichts gedacht.“ Stattdessen befolgte sie die Anweisung, eine Push-Tan für die Kreditkarte zu benutzen und anschließend drei Mal hintereinander vierstellige Codes einzugeben. Der erste lautete 4958, es folgten zwei weitere. „Nur waren das keine Codes, sondern Summen, die von meinem Konto abgebucht wurden, aber das konnte ich nicht sehen. Am Ende waren es mehr als 7200 Euro.“Das damit ihr sauer Erspartes flöten ging, realisierte Jutta Jelinski erst viel später. Auch dass das Geld auf ein Konto in der Slowakei ging. Und dass Vinted sie per E-Mail umgehend gewarnt hatte: „Es wurde versucht, sich mit einem unbekannten Gerät in Deinen Account einzuloggen“, hieß es hier. „Du warst es nicht? Schütze jetzt Deinen Account - ändere Dein Passwort.“ Die Warnung las die Detmolderin leider erst, als es schon zu spät war an ihrem Rechner. „Das Ganze hat nicht mal eine Stunde gedauert, aber schon war das Geld weg.“ Ihre Versuche, ihr Konto zu sperren, kamen zu spät. Während sie das alles der LZ erzählt, schüttelt sie immer wieder mit dem Kopf. „Was habe ich da bloß gemacht? Wie konnte ich nur so dumm sein?“ Als Erstes hatte sie ihre Bank kontaktiert. „Wir bedauern, dass Sie Opfer eines Betruges geworden sind“, schreibt die Comdirekt. Man habe direkt nach Bekanntwerden des Betrugsfalles Anfragen auf Rücküberweisung bei den Empfängerbanken gestellt. „Über das Ergebnis werden wir Sie nach Abschluss der Recherche informieren.“ Mehr könne die Bank nicht tun. Gefälschte Webseiten Auch die Kreditkartenfirma VISA winkt ab: „Gemäß Ihrer Schilderung des Sachverhaltes haben Sie selbst Kartendaten Dritten zur Verfügung gestellt und diesen damit die Möglichkeit gegeben, Transaktionen vorzunehmen.“ Mit anderen Worten: Sie habe selbst die Daten weitergegeben und solle sich nun an die Polizei wenden. Vinted, das seinen Hauptsitz in Litauen und eine Niederlassung in Deutschland hat, bedauert den Vorfall gegenüber der LZ. „Die Sicherheit und das Vertrauen unserer Mitglieder haben für uns oberste Priorität.“ Tatsächlich finden sich auf der firmeneigenen Homepage ausführliche Warnungen vor möglichen Betrugsversuchen und sogenannten Phishing-Attacken: „Bei Phishing handelt es sich um Online-Betrug. Dabei wird über eine Nachricht versucht, dich dazu zu bringen, deine persönlichen Daten offenzulegen oder Malware auf deinen Geräten zu installieren“, heißt es hier. „Die Betrüger geben sich oft als Vinted aus oder erstellen Nachrichten und Websites, die täuschend echt aussehen, um so an deine Anmeldedaten, Passwörter oder Zahlungsdaten zu gelangen. Sobald sie diese haben, können sie dich aus deinem Account aussperren, dein Geld stehlen oder deine Daten für betrügerische Aktivitäten verwenden. Zu den Phishing-Methoden gehören Nachrichten auf Vinted, Textnachrichten an dein Telefon, E-Mails und QR-Code-Anhänge.“ Und hier steht auch: „Leg deine Daten nicht in Nachrichten offen, es sei denn, du hast das Support-Team wegen eines Problems kontaktiert. Normalerweise werden deine Daten (zum Beispiel Zahlungsdaten, Kontaktdaten oder eine Adresse) beim Abschluss einer Bestellung automatisch aus deinen Profileinstellungen auf Vinted verwendet. Du brauchst sie also nicht nochmal in einer Nachricht anzugeben.“ „Empfänger ist nicht immer der Täter“ „Mir ist ja klar, dass es meine eigene Schuld ist“, die Selbstvorwürfe belasten Jutta Jelinski schwer. Sie hat sich natürlich auch an die Polizei gewandt. Für die ist das kein Einzelfall: „Die Polizei Lippe versucht alles rechtlich Mögliche, um das Geld von Geschädigten zurückzubekommen. Schnellstmöglich werden die Bank des Geschädigten und die Empfänger-Bank (auch im Ausland) angeschrieben und über den Betrugsfall informiert. Im besten Fall ermöglicht die Rechtslage im Ausland, dass die dortigen Banken das Geld rücküberweisen. Je nach Land der Bank wird uns zum Teil auch mitgeteilt, an wen das Geld gegangen ist.“ Zwingen könne man die Banken allerdings nicht, schreibt die Pressestelle. In vielen Fällen sei der erste Geldempfänger gar nicht der Täter. „Es handelt sich stattdessen um sogenannte Finanzagenten, die häufig gar nicht merken, dass sie fahrlässig Geldwäsche betreiben oder gegebenenfalls selbst Betrugsopfer oder Opfer eines „Identitätsdiebstahls“ geworden sind. Das Geld ist in der Regel weg.“ Viel Hoffnung, das Geld noch einmal wiederzusehen, hat Jutta Jelinski tatsächlich nicht. Dass sie sich trotzdem an die LZ gewandt hat, erklärt sie so: „Ich will einfach, dass die Leute gewarnt werden. Ich selbst hätte nie gedacht, dass mir so etwas mal passieren würde. Aber es geht schneller, als man denkt.“