Bad Salzuflen. Kabarettist, TV-Unterhalter und Musiker Bernd Stelter kommt in die Bad Salzufler Konzerthalle. Der Name seines Programms „Reg’ Dich nicht auf! Gibt nur Falten“ liest sich wie eine Zustandsbeschreibung Deutschlands im Winter 2025. Krieg, Rente, Inflation, Stadtbilder ... wer bleibt da noch gelassen? Also, einer ganz bestimmt: Bernd Stelter (64), der im LZ-Interview erklärt, wie er am 11. November 2026 auch seinem lippischen Publikum zu mehr Gelassenheit verhelfen will. Die Baustellen in Deutschland sind zahlreich und riesengroß, wenn man den Meckerpötten glaubt. Sie sagen aber: „Reg’ Dich nicht auf!“. Wo sehen Sie denn Potenzial für Lachfalten statt Zornesfalten? Bernd Stelter: Wenn ich ganz ehrlich sein soll, im Ausland. Hierzulande ist immer irgendwer an irgendetwas schuld. Ganz fürchterlich. Wenn man nach Holland oder Dänemark kommt, da sind die Menschen viel gelassener. Das merkt man ja, sobald man mit dem Auto über die Grenze fährt ... Genauso ist es. Mit Tempo 100 in Holland tagsüber nimmst du alles viel lockerer. Natürlich spielt da auch das Alter eine Rolle. Früher waren auch mir schnelle Autos wichtig, da lasse ich nun los. Vier L als Lebensmotto Wie klappt das? Wie lautet Ihre Taktik für Gelassenheit, wenn von hinten mal wieder einer drängelt? Meditation, Duftstäbchen, Wutball? Also, wie bin ich im Auto ein gelassenerer Mensch geworden? Durch die richtige Einstellung. Ich habe den wunderbaren Satz gehört „Wer sich aufregt, büßt die Sünden anderer Leute“. Das ist doch ein spannender Gedanke: Es ist nicht mein Problem, wenn der Typ hinter mir fährt, wie besengt, sondern seines. Um das zu verinnerlichen, schwöre ich auf die vier L - Lieben, Lernen, Lachen und Loslassen. Der Bernd Stelter meiner Jugend ist der Bernd Stelter aus „7 Tage, 7 Köpfe“ ... ... auch so ein Musterbeispiel für das Thema „Loslassen“. Inwiefern? Als die letzte Sendung abgedreht war, haben wir alle gedacht: Was machen wir jetzt? Und was machen wir – nach seinem Tod – eigentlich ohne Rudi Carrell? Existenzielle Fragen, aber nach einem halben Jahr ist man dankbar dafür, dass man mitmachen und diese wunderbaren Menschen kennenlernen durfte, und schlägt das nächste Kapitel auf. Erinnerungen an TV-Klassiker War „7 Tage, 7 Köpfe“ denn so ein lockerer Plausch, wonach es im Fernsehen aussah? Es war tatsächlich auch harte Arbeit. Rudi Carrell hat darauf bestanden, dass man bestens vorbereitet war. Und jeder hatte seine maßgeschneiderten, selbst geschriebenen Texte mit der ganz eigenen Art von Humor. Ich hätte meine nicht mit denen von Kalle Pohl tauschen können. Das hätte nicht funktioniert und war das Besondere - daran haben wir ganze Nächte geschrieben. Die Einladung ins Dschungelcamp haben Sie dagegen ausgeschlagen. Genaugenommen sogar zwei Mal. Und da können die noch hundertmal anrufen, ich bin nicht dabei. Auch wenn das ehrlich gesagt die einzige Realityshow ist, die ich selbst gerne gucke. Grenze zwischen Humor und Blödsinn Apropos Dschungelcamp: Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen guter Unterhaltung und Blödsinn? Da muss ich noch mal mit Rudi Carrell antworten, der zu sagen pflegte: „Wenn du den Leuten einen schönen Abend machen willst, bring sie zum Lachen. Wenn sie einen tollen Abend haben sollen, bring sie zum Lachen und zum Weinen.“ Mit dem Älterwerden verschieben sich da natürlich auch die Maßstäbe. Was meinen Sie damit? Ich habe Kollegen trotz zunehmender Reife gesehen, die die gleiche Comedy machen wie vor 30 Jahren. Das ist dann irgendwann nicht mehr authentisch. Deswegen bezeichne ich mich nicht als Comedian. Lustig sein, das reicht mir nicht. Dazu passt ja auch ihr Wechsel von RTL zum WDR und damit ins ernsthaftere Fach. Das NRW-Duell dort haben Sie humorig moderiert, aber eine Wissenssendung bleibt eine Wissenssendung. ... und ich könnte mir für einen Westfalen, der im Rheinland lebt, keine Bessere vorstellen. Karneval und Lampenfieber Nur: Wo bleibt da Lippe? Im Wappen haben wir eine kleine Ecke abbekommen, aber im Namen des Bindestrich-Landes kommen wir nicht vor ... Ist das nicht ein Grund für uns, sich aufzuregen? Ich denke nicht. Die Lipper dürfen sich in NRW schon wahr- und ernstgenommen fühlen. Wo sitzen denn die erfolgreichsten Firmen und die meisten Millionäre? Wo ist die Landschaft in NRW am schönsten? Wenn ich an Lippe und Ostwestfalen denke, sehe ich als Wanderer gepflegte Dörfer, wunderbare Landschaften und tolles Essen, das in kleinen Restaurants regional und mit viel Hingabe und Liebe gekocht wird. Womit sich Lipper bekanntermaßen schwertun, ist ja der Karneval. Haben Sie als bekennender Büttenredner am 11.11.2026 nicht Besseres zu tun, als ausgerechnet in Bad Salzuflen aufzutreten? Ach, der 11.11. ist im Karneval ja der Party-Tag, ich aber bin eher der Redner. Da trete ich dann an dem Datum gerne auch in Bad Salzuflen auf. Natürlich spiele ich am Ende „Ich hab’ drei Haare auf der Brust ...“. Versprochen. Hat man bei so etwas eigentlich noch Lampenfieber? Bei einem Programm, das man schon 100-mal gespielt hat, ehrlich gesagt nicht mehr. Da freut man sich dann eher über unerwartete Zwischenrufe oder technische Pannen wie neulich, als das Saallicht nicht ausging. Auch nicht in der Salzufler Konzerthalle? Dort findet ihr Auftritt anstelle des Kurtheaters statt, das wegen des Brandschutzes nicht bespielt wird. 1200 statt 500 Besucher ... Wer karnevalserprobt ist, kennt auch volle Hütte. Außerdem kriegt man ja keine Stimmung rein, wenn der Saal halb leer ist. Ich hoffe also auf viele Leute und ein ausverkauftes Haus. Ohne Lampenfieber. Schönheit, Alter und Authentizität Gilt das dann auch bei den neuen Nummern? Wenn ich die einstudiere, dann laufe ich zu Hause tatsächlich Trampelpfade in den Granitboden, um textsicher zu werden. Das gibt sicher auch Falten ... Bestimmt, aber meine Markanteste trage ich ohnehin vom Schlafen diagonal über der Stirn. Ich habe aber kein Problem damit wie die Bohlens im Show-Business. Älter werden ist okay, und man soll sehen: Es hat Spaß gemacht. Bei Frauen im Show-Business scheinen oftmals andere Maßstäbe zu gelten. Nicht für mich. Jutta Speidel beispielsweise, die hat viele Falten, sieht aber doch klasse aus. Man sieht ihr die Reife an. Ich war mal bei einem Empfang, da kamen so viele operierte und gebotoxte Frauen zusammen: schrecklich! Wenn jemand psychische oder gesundheitliche Probleme hat, dann kann und muss man etwas ändern - aber nur für ein glattes Gesicht? Das finde ich sehr traurig. Dann Hand aufs Herz: Färben Sie sich die Haare? Nein, die waren immer so ein bisschen blond, inzwischen zieht sich ein helles Grau dadurch. Im Sommer mehr, im Winter weniger. Politik und klare Haltung Mit Bad Salzuflen kommen Sie in eine Stadt, die gerade erst politisch bundesweit in den Schlagzeilen war. Sabine Reinknecht von der AfD wurde erst zur Vize-Bürgermeisterin gewählt und dann wieder abgesetzt. Hätten Sie Frau Reinknecht die Hand geschüttelt, wenn sie zum Begrüßungskomitee der Stadt gehört hätte? Ja, das hätte ich getan. Ich finde, wir müssen mit denen reden und hart diskutieren. Sonst bekommen wir denen ja nie klargemacht, dass sie unrecht haben. Was ist mit der sogenannten Brandmauer? Beim Regieren sehe ich die unbedingt. Mit denen koalieren, das geht nicht. Man muss eindeutig wissen: Die AfD ist eine Partei, die nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht, sondern unsere Demokratie eigentlich nicht will. Aber sie fordert die Normalisierung der Beziehungen zu Russland? Ich glaube, ich spinne ... Noch einmal: Mit denen reden ja, mit denen regieren, nein. Befürchten Sie keinen Maulkorb, sollte die AfD an die Macht kommen? Das wäre Diktatur, und ich glaube, das wird nicht passieren. Sollte die AfD in einem Landesparlament in Verantwortung kommen, vielleicht sogar in einer Alleinregierung, bin ich gespannt, wie das wird. Vielleicht werden die Menschen dann wach und sehen die Wirklichkeit. Bleiben wir bei der Politik: Als Mitglied der 17. Bundesversammlung haben Sie ja Frank-Walter Steinmeier, übrigens auch ein Lipper, mit zum Bundespräsidenten gewählt. Da wurde weniger diskutiert, oder? Nein, das nicht. Da geht es ja um die Personalie des Bundespräsidenten, die im Vorfeld weitestgehend geklärt ist, auch wenn die Wahl geheim ist. Es war trotzdem sehr unterhaltsam; erst hat Friedrich Merz gesprochen, dann Steinmeier. Dass ich dafür ausgewählt wurde, darauf bin ich schon ein bisschen stolz. Sprache, Gendern und Tabus Wie kam es denn dazu? Der Generalsekretär der CDU rief an, ob ich als Repräsentant für die Christdemokraten in die Bundesversammlung gehen würde. Das ist bei den Parteien so üblich, dass die sich bekanntere Gesichter dafür suchen. Zunächst habe ich an einen Auftritt bei der CDU gedacht und wollte schon sagen: Im Wahlkampf mache ich so etwas nicht. Doch dann war klar, worum es ging. Und so stand ich am Ende - stolz und als glühender Verfechter unserer Demokratie im Reichstagsgebäude - neben Dieter Nuhr, der auf FDP-Ticket da war, und Dietmar Bär, der die SPD vertrat. Vermutlich auch in dem Wissen, dass gerade Künstler in einer Demokratie den Schutz genießen, zu sagen, was sie denken ... Unbedingt. Wobei es auch Grenzen gibt, etwa Sachen, die ich schon früher nicht gesagt hätte, weil sie Menschen unter der Gürtellinie angreifen. Es muss halt auch nicht jedes Tabu gebrochen werden. Aber wenn es um den Gebrauch der Sprache geht, halte ich wenig von vorauseilendem Gehorsam. An was denken Sie da konkret? An die elegante deutsche Sprache. Deshalb gendere ich nicht und erinnere an das Beispiel von den Studenten, die nur Studierende sind, wenn sie beispielsweise im Hörsaal sitzen, um gerade zu studieren, aber nicht, wenn sie als Studenten biertrinkend in der Kneipe sitzen. Oder der Gottesdienst, in dem ich mal war. Da war von Josef und seinen Jünger:innen die Rede. So etwas macht doch Sprache kaputt. Der Kartenvorverkauf läuft Karten für den Auftritt von Bernd Stelter am Mittwoch, 11. November 2026, gibt es unter anderem bei der Lippischen Landes-Zeitung unter Tel. (05231) 911-113. Es gibt zwei Preiskategorien – zu 39,20 Euro und zu 43,80 Euro.