Kreis Lippe. Durch die neue Streitwertgrenze von 10.000 Euro vor den Amtsgerichten können Lipperinnen und Lipper - wenn sie möchten - deutlich mehr zivile Klageverfahren durchziehen, ohne sich anwaltlich vertreten zu lassen. Bisher nimmt die Möglichkeit nur ein Bruchteil wahr, schätzt die lippische Justiz. Ein Trend, der sich in den Gerichtssälen allerdings durchaus beobachten lässt: Inzwischen werden Anwältinnen oder Anwälte häufiger mal durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzt. Und das scheint zumindest nicht immer für die Tonne zu sein. Laut Landgerichtssprecher Dr. Wolfram Wormuth kann KI inzwischen bei einfachen Sachverhalten tatsächlich brauchbare Klageschriften verfassen. Vorausgesetzt der dazugehörige Prompt - also der Arbeitsauftrag an die KI - ist entsprechend klar und gut gemacht. Genauso wichtig sei, dass der Mensch vor dem Bildschirm das Ergebnis sorgfältig prüfe. Ansonsten könnten Klägerinnen und Kläger schnell aufgeschmissen sein. KI nutzt Paragrafen, die es nicht gibt Der Grund dafür ist simple. „Wenn sie nicht weiterweiß, fängt KI gern an zu fabulieren“, erklärt Wormuth. Das habe zur Folge, dass plötzlich Paragrafen und Rechtsprechungen zitiert würden, die überhaupt nicht existierten. Problem sei hierbei auch, dass die juristischen Datenbanken - wie Beck oder Juris - meist kostenpflichtig seien und künstliche Intelligenz daher auf die dahinter liegenden Informationen nicht zugreifen könne. Inzwischen gebe es aber schon KI-gestützte Plattformen für die juristische Recherche, bei denen User für einen Abo-Preis von etwa 20 Euro ganze Aktensätze hochladen könnten, die die KI dann sorgfältig durcharbeite. „Ob das datenschutzrechtlich eine gute Idee ist, sei dahingestellt“, sagt Wormuth. Immerhin bedeute das, vertrauliche Dokumente auf einen fremden Server hochzuladen. Werden Anwälte überflüssig? Sich bei hohen Streitwerten also voll und ganz auf kostenlose KI-Tools zu verlassen, könne vor Gericht auch ganz schön nach hinten losgehen. Laut einer Befragung vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (bitkom) aus dem Jahr 2025 glaubt dennoch jeder Achte daran, dass KI Anwälte weitestgehend überflüssig macht. Ein Viertel der insgesamt 1004 Befragten könne sich vorstellen, sich von KI rechtlich beraten zu lassen. Gerade bei Älteren ab 65 Jahren ist das Vertrauen in die KI aber eher gering. Die Hälfte geht zudem davon aus, dass ein Mensch rechtliche Fragen besser erklären kann. Daher macht sich die lippische Anwaltschaft aktuell keine großen Sorgen. Wolf-Dieter Tölle, Rechtsanwalt und Notar aus Detmold, geht als Vorsitzender des lippischen Anwaltsvereins nicht davon aus, dass KI komplexe Fälle so einfach übernehmen könne. „Wir glauben nicht, dass der Anwalt ersetzt wird, sondern sehen KI eher als Unterstützung unserer täglichen Arbeit“, sagt Tölle. KI sei nach wie vor zu fehleranfällig, könne aber sicher einfachere Fälle bearbeiten. Dadurch verschiebe sich die Arbeit der Anwältinnen und Anwälte möglicherweise - so wie es vielen anderen Branchen auch geht. Das Experiment bei einer Tagung, Chat GPT ein einfaches Testament erstellen zu lassen, offenbarte dazu noch weitere Fallstricke, so hat es der Detmolder Anwalt erlebt. Ein und derselbe Prompt führte laut Tölle dabei zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Dahinter steckt wohl sogar eine gewisse Logik, da die KI durch die wiederholte Eingabe desselben Auftrags so kurz hintereinander davon ausgehe, der User sei mit dem Ergebnis davor nicht zufrieden gewesen. In jedem Fall sei es ratsam, die Arbeit der KI zu prüfen - damit es am Ende keine bösen Überraschungen gibt.