Lemgo. Es geht um einen langen Zeitraum, und die Aufgaben sind enorm: Die Stadtwerke Lemgo haben die kommunale Wärmeplanung bis 2045 vorgelegt, die sie im Auftrag der Stadt erarbeitet haben. Darin ist aufgeführt, wie und wo welche Gebäude in Zukunft beheizt werden können und sollen. Stichwort: Abschied von der Gas- und der Ölheizung. Fazit für die Bürger: In der Kernstadt wird in Zukunft vor allem mit Fernwärme geheizt. In nahezu allen Ortsteilen soll die strombetriebene Luft-Wärmepumpe auf dem Weg zu einem CO2-neutralen Lemgo die wichtigste Rolle spielen. Zugleich wollen die Stadtwerke stark in die Energieerzeugung ohne fossile Brennstoffe investieren. Dabei setzen sie stark auf Biogas. Wenn die Wärmeplanung, an der das Büro Enerko aus Aldenhoven bei Aachen mitgewirkt hat, wie geplant im Dezember 2025 vom Lemgoer Rat beschlossen wird, dann gibt sie die Leitlinien der Stadtentwicklung in Sachen Energie vor. Denn: Beim Heizen gibt es noch viel zu tun. Viele Gebäude in Lemgo werden zurzeit mit Gas beheizt, vor allem in den Ortsteilen, aber auch in der Kernstadt. Die Kernstadt Dort spielt die Fernwärme zwar heute schon eine bedeutende Rolle, doch sie soll noch deutlich zunehmen. „Wir wollen die Fernwärme in der Innenstadt und im Industriegebiet Lieme ausbauen", sagt Stadtwerke-Prokurist Dr. Georg Klene im LZ-Gespräch. Unterm Strich werden laut Wärmeplanung mehr als 9000 von 12.000 Lemgoer Haushalten künftig anders beheizt. Das sind drei Viertel. Bürger können auf der Stadtwerke-Internetseite nachsehen, ob ihre Straße in nächster Zeit an Fernwärme angeschlossen wird und ob sie sich so die Anschaffung einer neuen eigenen Heizung sparen können. Die Ortsteile Für die Ortsteile haben sich dagegen die Fernwärme-Pläne zerschlagen. Die Umstellung wäre nach den Berechnungen von Stadtwerken und Enerko nicht wirtschaftlich (die LZ berichtete). Ausnahme: das Industriegebiet Lieme. „Dort gibt es genug große Abnehmer", sagt Klene, der bei den Stadtwerken auch den Bereich Eigenerzeugung verantwortet. Das bedeutet: In den Ortsteilen wird die Wärmepumpe für Wohnhäuser eine immer größere Rolle spielen. Klene: „Wir können Hausbesitzern nichts vorschreiben, aber die Wärmepumpe ist das Maß aller Dinge, wenn wir CO2-neutral werden wollen." Alternativen könnten Pellet- oder Biomasseheizungen sein, selten auch Erdwärmeheizungen oder Solarthermie (also die Erzeugung von Warmwasser mit Sonnenenergie). Für manche Neubauten kommen nach den Worten des Stadtwerke-Prokuristen auch reine Stromheizungen in Frage. Auf Wasserstoff, etwa im Erdgasnetz, werden Hausbesitzer und Häuslebauer jedenfalls nicht hoffen können. „Lemgo wird keinen Anschluss ans Wasserstoffkernnetz bekommen", sagt Klene – man habe sich schlau gemacht. Aus diesen Gründen spiele Wasserstoff bei der Gebäudeheizung in der Wärmeplanung für Lemgo keine Rolle. Das Wasserstoffkernnetz ist derzeit im Bau und soll das Grundgerüst für die Wasserstoffinfrastruktur in Deutschland werden. Wärmepumpe – auch für schlecht gedämmte Altbauten? „Es gibt Untersuchungen, wonach sie auch in nicht gedämmten Bestandsgebäuden funktioniert", sagt Klene. Denn die Technik der Wärmepumpe werde immer besser, sie könne inzwischen auch höhere Temperaturen erzeugen. Bislang hieß es, dass für Wärmepumpen wegen der vergleichsweise niedrigen Vorlauftemperaturen ein gut gedämmtes Haus und möglichst auch eine Fußbodenheizung notwendig seien. Die Wärmeplanung geht davon aus, dass jährlich 1,1 Prozent der Gebäude saniert werden. Nach diesem Szenario sinkt der Wärmebedarf in Lemgo bis 2045 um 21 Prozent. Voraussetzung für den Betrieb von immer mehr strombetriebenen Wärmepumpen ist der Ausbau der Stromnetze „Der geht voran", sagt Klene, verursacht aber auch Kosten. Zugleich wird nach seinen Worten Erdgas schon deshalb teurer werden, weil die Netzkosten steigen. Je mehr Menschen ihren Gasanschluss kündigen, auf desto weniger Köpfe verteilen sich die Netzkosten. Ein Großteil des Gasverteilnetzes werde stillgelegt. Generell gilt nach Klenes Worten fürs Heizen, „auch wenn es keiner hören will: Es wird teurer. Da müssen wir uns ehrlich machen." Ihm ist aber wichtig zu betonen, dass im Regelfall nicht die erneuerbaren Energien selbst der Kostentreiber seien, sondern im Schwerpunkt der „notwendige Umbau der Infrastruktur". Langfristig seien erneuerbare Energien auch wegen der sinkenden Kosten alternativlos. Tipps für Hausbesitzer Was soll also der Hausbesitzer tun, der heute eine Gas- oder Ölheizung hat? Erst mal schauen, wie weit die Vorlauftemperatur der Heizung abgesenkt werden kann, sagt Klene. Bei Werten unter 60 oder 50 Grad könne eine Wärmepumpe in die engere Wahl kommen. Sonst sei es sinnvoll, das Gebäude zu dämmen. Klene äußert sich klar: „Ich empfehle keine neue Gas- oder Ölheizung." Denkbar sei allenfalls eine Hybridlösung: eine Wärmepumpe mit einer zusätzlichen Gastherme beispielsweise. Ohnehin gelte: „Jeder ist gut beraten, sich um die Dämmung seines Gebäudes zu kümmern." Dazu stünden auch die Fachleute im Energie- und Umweltzentrum (EUZ) am Treffpunkt neben der Johanniskirche zur Verfügung. Dass eine Investition von 30.000 Euro in eine Wärmepumpe für ein Einfamilienhaus groß sei und die Kosten so manchem Angst machen, könne er nachvollziehen, sagt Klene. Aber klar sei auch: „Wenn man nichts tut, wird es auch nicht billiger." Im Übrigen sei es auch für diejenigen sinnvoll, die schon eine Wärmepumpe haben, mit einem Fachmann zu überprüfen, ob das Gerät richtig eingestellt ist. Die Wärmeplanung, so sie denn vom Stadtrat beschlossen wird, hat für die Bürger Informationscharakter. „Keiner wird zu irgendetwas gezwungen", betont Klene. Zwar könnte die Stadt einmal eine Fernwärmesatzung mit Anschlusszwang beschließen, aber das hält er für eher unwahrscheinlich. Die Energieerzeugung Zurück zur Fernwärme: Um diese klimafreundlich zu erzeugen, nehmen die Stadtwerke Schritt für Schritt Abschied vom Erdgas. „Wir werden es bei unseren Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung Schritt für Schritt durch heimisches Biogas ersetzen", sagt Klene mit Blick auf die Heizkraftwerke im Stadtgebiet. Diese erzeugen weiterhin Strom. Mit dem Strom lasse sich nicht nur an der Strombörse gut Geld verdienen – die Stromversorgung für Notfälle in der eigenen Hand zu behalten, sei auch „ein Stück Krisenvorsorge". Lemgo könne mit seiner Größe und Lage gut auf Biogas setzen. Die Stadtwerke seien „ganz konkret" in Gesprächen mit zwei Landwirten und haben noch mehr vor: „Wir planen einen Siebeneinhalb-Megawatt-Biomassekessel." In diesem Heizwerk – Investitionssumme: zehn Millionen Euro – sollen Grünabfälle von der Straßenpflege verarbeitet werden, sagt Klene. Die dort gewonnene Wärme kann in den 50 Meter hohen Wärmespeicher eingespeist werden, der momentan am Liemer Weg entsteht. Die gesamte Wärme wird für die Fernwärme genutzt. Klene: „Wichtig ist der Wärmespeicher auch für die Kraft-Wärme-Kopplung und die Solarthermie, weil durch die Zwischenspeicherung die Entkopplung zwischen der Wärmeerzeugung und dem Wärmeverbrauch möglich ist." Das Heizwerk soll am Industriegebiet Lieme mit dem Unternehmen Freise als Partner entstehen. „Wir planen dafür Leitungen nach Lieme und verlegen sie teilweise schon." Ende 2026/Anfang 2027 könnte es in Betrieb gehen. Das Ziel Am Ende – also im Jahr 2045 – ist der Anteil von Erdgas als Energieträger für die Heizung laut Wärmeplanung von 47 Prozent im Jahr 2022 auf 0 Prozent zurückgegangen, der von Fernwärme von 29 auf 46 Prozent, der der Luft-Wärmepumpe (Strom) auf 41 Prozent gestiegen. Und die Treibhausgasemissionen sind um 95 Prozent vermindert.