Beweismittel im Lügder Missbrauchsskandal verschwunden

Jürgen Mahncke, Erol Kamisli und Janet König

  • 0
Ermittler sichern Spuren auf dem Campingplatz. - © Vera Gerstendorf-Welle
Ermittler sichern Spuren auf dem Campingplatz. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Düsseldorf/Lügde/Detmold. Ein massiver Polizeiskandal rund um die Aufklärung im Fall um den jahrelangen Missbrauch auf dem Campingplatz "Eichwald" in Elbrinxen deutet sich an. Kurz vor 17 Uhr hat Innenminister Herbert Reul am Donnerstag im Düsseldorfer Landtag kurzfristig zur Pressekonferenz aus "aktuellem Anlass" gebeten. Der Grund: Aus einem Ermittlungsraum der Kreispolizeibehörde in Detmold sind 155 CDs/DVDs mit Beweismaterial verschwunden.

Reul äussert sich am Donnerstag auf einer Pressekonferenz zu den Ermittlungen nach den Missbrauchsfällen in Lügde. - © Federico Gambarini/dpa
Reul äussert sich am Donnerstag auf einer Pressekonferenz zu den Ermittlungen nach den Missbrauchsfällen in Lügde. (© Federico Gambarini/dpa)

Dass Beweisstücke vermisst werden, fiel laut Innenministerium erst am 30. Januar auf. Der Koffer mit den Datenträgern sei aber schon am 20. Dezember aus einem nicht ordnungsgemäß gesicherten Raum der Kreispolizeibehörde in Detmold verschwunden. Dies sei einer der Gründe, weshalb das Polizeipräsidium Bielefeld die Ermittlungen Anfang Februar übernommen hatte.

Wie RP-Online berichtet, soll ein Polizei-Anwärter mit der Auswertung des Beweismaterials beauftragt worden sein.

Innenminister Reul fand auf einer am Donnerstagabend kurzfristig einberufenen Pressekonferenz drastische Worte: „Man muss hier klar von Polizeiversagen sprechen." Von den 155 Datenträgern seien erst drei CDs ausgewertet worden. Ob es sich bei den verschwundenen Beweismitteln um kinderpornografische Inhalte handelt, ließe sich daher nicht sagen. Medienberichten zufolge sollen Polizisten ausgesagt haben, dass bei ersten Sichtungen auf den CDs Software gefunden wurde. Von kinderpornografischen Inhalten sei zunächst nicht die Rede gewesen.

Wie die Datenträger aus dem Raum verschwinden konnten, stehe noch nicht fest. Der Innenminister wolle Vorsatz nicht ausschließen. Fünf Sonderermittler hat Reul nach Detmold geschickt. Diese hätten inzwischen schon aufgedeckt, dass auch die Auswertung der Daten nicht korrekt ablaufe. Für den Innenminister lasse sich die Situation nur als "Debakel" umschreiben.


Auch Lippes Landrat Axel Lehmann musste am Abend zum Rapport nach Düsseldorf. Die Stimmung sei angespannt gewesen, mit Details hielt sich der Landrat zurück. „Seit Mittwoch sind fünf LKA-Ermittler bei uns im Haus. Wir tun alles, um das aufzuklären", so Lehmann. Mehr könne er derzeit nicht sagen. Er habe nach Bekanntwerden umgehend am Montag einen unabhängigen Kommissariatsleiter mit der Aufklärung des Falles beauftragt. Die fünf LKA-Ermittler sollen jetzt mit unterstützen.

Der ermittelnde Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter äußerte sich zurückhaltend zu der brisanten Thematik. Offenbar wurde auch bei der Staatsanwaltschaft nach dem vermissten Alukoffer mit den CDs und DVDs gesucht - in der Hoffnung, dass sich der Alukoffer dort befindet. Die Hoffnung bestätigte sich nicht.

Lippes Polizeisprecher Lars Ridderbusch spricht in einer Mitteilung „von eklatanten Fehlleistungen". Die Kreispolizeibehörde wolle jedoch für die Aufklärung eng mit dem Landeskriminalamt zusammen arbeiten, um bei der Aufklärung zu helfen. Klar ist offenbar schon jetzt, dass es dennoch genug belastendes Beweismaterial für den Prozess gebe - geplant ist, dass das Verfahren gegen die drei Hauptverdächtigen im Juni startet.

Der Bielefelder Rechtsanwalt Peter Wüller spricht derweil von einem „handfesten Skandal". Der Jurist vertritt vier geschädigte Kinder, die bereits vernommen wurden. „Der Verlust dieses Datenmaterials könnte dazu führen, dass weitere Taten und Täter unentdeckt bleiben", warnt Wüller. Ellen Stock, Vorsitzende der lippischen Sozialdemokraten und Mitglied SPD-Landtagsfraktion sagte: „Wir fordern lückenlose Aufklärung." Ob es genug Anhaltspunkte gibt, um einen Untersuchungsausschuss zu fordern, bleibe abzuwarten.

Missbrauchsskandal erschüttert

Wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Verbreitung von Kinderpornografie sitzen als Hauptverdächtige ein 56-Jähriger aus Lügde, ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen in Untersuchungshaft. Bislang sind 31 minderjährige Opfer im Alter zwischen 4 und 13 Jahren identifiziert. Sie kommen zum Großteil aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine Anzeige im November 2018. Zusätzlich zu den Ermittlungen gegen die Tatverdächtigen und mehrere Jugendämter steht auch die Polizei in der Kritik. Gegen zwei Beamte wird laut Reul wegen Strafvereitelung ermittelt. Es werde genau geprüft, ob sie die Tatverdächtigen möglicherweise persönlich kannten. Warum die Datenträger aus dem Raum in der Polizeibehörde Lippe verschwunden sind, konnte Reul zunächst nicht sagen. Er wollte Vorsatz nicht ausschließen.

Bereits 2016 sollen zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch bei der Polizei Lippe eingegangen sein. Nach Telefongesprächen mit den Zeugen leiteten die Beamten die Hinweise an das Jugendamt weiter. Weitere Schritte blieben aber aus. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt daher auch gegen die Polizei.

Gegen eine weitere Person wird wegen des Verdachts der Datenlöschung ermittelt. Gegen diesen Verdächtigen führt die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. Geprüft wird, ob die Person Daten für einen der drei Hauptverdächtigen gelöscht hat und ob damit eine Bestrafung verhindert werden sollte.

Mit Material von dpa.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2019
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!